Julia von Heinz

Und morgen die ganze Welt

Batte (Luise-Celine Gaffron) und Luisa (Mala Emde, re.) sind Freundinnen und wollen etwas gegen den Rechtsruck im Land tun. Foto: Oliver Wolff. Fotoquelle: Alamode Film

(Kinostart: 29.10.) Demokratierettung auf eigene Faust: Die Antifa macht Jagd auf Neonazis und wen sie dafür hält. Ihre anschauliche Innenansicht des linksradikal-autonomen Milieus verbindet Regisseurin Julia von Heinz mit dem etwas überzogenen Porträt einer Aktivistin.

Luisas Vater hält es mit Churchill. „Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz“, sagt der Baron mit Landsitz und Jagdrevier: „Wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand.“ Deshalb hat er auch nichts dagegen, dass seine in der Stadt studierende Tochter neuerdings in einer Kommune wohnt. Die 20-jährige Luisa (Mala Emde) studiert Jura im ersten Semester. Sie hat also noch Zeit, sich für eine politische Haltung zu entscheiden; Regisseurin Julia von Heinz beschreibt in ihrer Antifa-Milieustudie, wie dieser Prozess aussehen kann.

 

Info

 

Und morgen die ganze Welt

 

Regie: Julia von Heinz,

111 Min., Deutschland/ Frankreich 2020;

mit: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider

 

Website zum Film

 

Tatsächlich handelt ihr Film nicht von linker oder rechter Gesinnung, sondern von der Grauzone zwischen mitmachen und kämpfen. Wann genügt friedlicher Protest nicht mehr? Wie weit darf der Widerstand gegen Rechtsextremismus gehen? Julia von Heinz, die in ihrer Jugend selbst jahrelang bei der Antifa engagiert war, macht rasch deutlich, wohin ihre Hauptfigur tendiert.

 

Platzwunde + Nazi-Handy ergattern

 

Im autonom besetzen Haus, in das Luisa mit Batte (Luisa-Céline Gaffron), ihrer besten Freundin aus Schultagen, eingezogen ist, lernt sie zunächst die sanfte Seite des Protests kennen: Volksküche und Partys, Demos planen und dafür Plakate malen – alles gewaltlos. Doch schon bei der ersten Aktion gegen eine rechtspopulistische Wahlkampfveranstaltung geht Luisas Temperament mit ihr durch. Am Ende kommt sie mit einer Platzwunde an der Lippe und einem Schrecken davon. Aber sie konnte auch das Handy eines Neonazis ergattern; nicht schlecht für eine Anfängerin.

Offizieller Filmtrailer


 

Zwischen Hoffen und Bangen

 

Von nun an ist Luisa auf die Idee fixiert, „wirklich was zu machen“: mit Alfa (Noah Saavedra), dem gutaussehenden Antifa-Typen, der ihr zu Hilfe kam. Gemeinsam mit ihm und seinem besten Freund Lenor (Tonio Schneider) spioniert sie Neonazis aus, demoliert Autos und bereitet sich auf mehr vor. Regisseurin von Heinz zeigt die Autonomen als unerschrockene Aktivisten wie zu ihrer Hochzeit in den 1980er Jahren. Dabei springt die Nervosität ihrer Figuren auf das Leinwand-Geschehen über, als sei es allerhöchste Zeit zu handeln. Folglich wird vieles nur kurz angerissen, anderes läuft lediglich im Hintergrund ab. Dadurch entstehen Lücken, die jedoch nicht unbedingt ein Manko sind.

 

Der Film beeindruckt immer dann, wenn er sich auf den Gesichtsausdruck seiner Hauptdarstellerin konzentriert; mal aufgeregt und unsicher, dann wieder fiebrig entschlossen, und schließlich verzweifelt. Ähnlich wechselhaft erscheinen Luisas Motive; unklar bleibt, ob sie aus eigener Überzeugung handelt oder aus Zuneigung zu ihren Mitstreitern. Als Alfa und Lenor, mittlerweile im Visier der Behörden, sich zurückziehen, kämpft sie weiter. Die Aktion im Alleingang, die Luisa startet, wirkt jedoch überzogen: Was die Regisseurin ihrer Heldin da zutraut, erscheint bei einer wohlerzogenen Tochter aus gutem Hause wenig plausibel.

 

Aussichtsloser Ameisenkrieg

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Kriegerin“ – Drama von David Wnendt über rechtsradikale Jugend in Ostdeutschland

 

und hier einen Beitrag über den Film „Als wir träumten“ – rasantes Teenager-Drama zur Nachwendezeit von Andreas Dresen

 

und hier einen Bericht über den Film „Aus dem Nichts“ – mitreißendes Rachedrama zur NSU-Affäre von Fatih Akin mit Diane Kruger

 

Als Kontrastfigur tritt Andreas Lust als Dietmar auf; ein früherer Linksradikaler, dessen nüchterne Resignation nicht nur Luisa, sondern auch den Film auf den Boden der Tatsachen zurückholt: Bei ihm suchen die jungen Revoluzzer Unterschlupf und Hilfe. Ihren „Ameisenkrieg“ gegen Neonazis hält der heutige Krankenpfleger in der hessischen Provinz für überflüssig und aussichtslos; er selbst lebt bescheiden und ohne Ambitionen, die Welt ändern zu wollen.

 

Manche Mängel des Plots werden von der pulsierenden Montage und einem Sound Design ausgeglichen, dem es gelingt, langsam anwachsende Spannung zu erzeugen. Insbesondere die Action-Szenen geraten durch eine nervöse Handkamera, Nahaufnahmen und schnelle Schwenks sehr lebendig. In solchen Momenten wird deutlich, wie sehr der Regisseurin das Thema am Herzen liegt, auch wenn sie sich von den Schwarzweiß-Feindbildern der Antifa längst verabschiedet hat.

 

Widerstand als Pflicht

 

Laut Artikel 20 des Grundgesetzes „haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand“, wenn die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Gefahr und „andere Abhilfe nicht möglich“ ist. Dieses Recht nimmt die Antifa vollmundig für sich in Anspruch; dieser Film verhandelt, wo die Grenzen solcher Selbstermächtigung liegen. Dabei ringen die Protagonisten mit sich, wie weit sie gehen dürfen – und die Regisseurin lässt sich ein Ende mit Knalleffekt nicht nehmen.