Mark Ruffalo + Anne Hathaway

Vergiftete Wahrheit (Dark Waters)

Robert Bilott (Mark Ruffalo) kämpft sich durch Unmengen von Unterlagen. Foto: Mary Cybulski. Fotoquelle: Tobis Film GmbH

(Kinostart: 8.10.) Der Teflon-Mann: In jahrelanger Kleinarbeit weist ein US-Anwalt nach, dass der Chemieriese DuPont schädliche Kunststoffe im Wasser verklappt – jedes Lebewesen ist betroffen. Diesen Umweltskandal stellt Regisseur Todd Haynes schnörkellos und fesselnd dar.

Sommer 1975: Ebenso wie der in diesem Jahr erschienene Horrorschocker „Der Weiße Hai“ von Steven Spielberg beginnt „Vergiftete Wahrheit“ von Todd Haynes mit einer kleinen Gruppe Jugendlicher beim nächtlichen Bad. Im Gegensatz zum offenen Ozean im Grusel-Klassiker ist die Badestelle hier jedoch ein umzäunter See bei Pakersburg, West Virginia.

 

Info

 

Vergiftete Wahrheit (Dark Waters)

 

Regie: Todd Haynes,

128 Min., USA 2019;

mit: Mark Ruffalo, Anne Hathaway,
Tim Robbins

 

Website zum Film

 

Trotz der identischen Dialoge der Darsteller könnten die dräuenden Gefahren bei Spielberg und Haynes kaum unterschiedlicher sein: Anstelle eines Ungeheuers aus der Tiefe geht in Haynes neuem Film die Bedrohung von unsichtbaren Molekülketten aus, die von Menschen gemacht wurden; Mitarbeiter des Chemieriesen DuPont verklappen sie im Wasser.

 

Farmer-Besuch aus der alten Heimat

 

Nach der filmgeschichtlich aufgeladenen Exposition folgt ein großer Sprung nach Cincinnati, Ohio: 1998 ist der Anwalt Rob Bilott (Mark Ruffalo), der Chemieunternehmen vertritt, in seiner Kanzlei soeben zum Teilhaber ernannt worden. Da erscheint in den Büroräumen der Farmer Wilbur Tennant (Bill Camp) aus Pakersburg, dem früheren Heimatort von Bilott, und will ihn sofort sprechen: Der Anwalt solle sich ansehen, wie es um sein Land stehe. DuPont vergifte das Grundwasser, behauptet der Rinderzüchter: Seine Kühe gingen unter Qualen ein.

Offizieller Filmtrailer


 

Multipler Bob Dylan als Filmheld

 

Der spektakuläre Fall beruht auf einem realen Umweltskandal, stellt der Film klar: Außer den direkt Geschädigten betrifft er mehr oder weniger alle Lebewesen auf der Erde, in deren Blut sich der fragliche Stoff anreichert. Das Drehbuch folgt einem Enthüllungs-Artikel aus dem „New York Times Magazine“ von 2016.

 

Regisseur Haynes hat sich einen Namen vor allem mit experimentellen Filmen gemacht, etwa mit „I’m Not There“ (2007). Darin zerlegte er den Songwriter und Literaturnobelpreisträger Bob Dylan in höchst unterschiedliche Charaktere, die er von verschiedenen Schauspielern und einer Schauspielerin verkörpern ließ. In „Carol“ erzählte Haynes eine lesbische Liebesgeschichte in den 1950er Jahren als Hommage an kanonische Hollywood-Melodramen.

 

Unangenehmer Seitenwechsel

 

Mit „Vergiftete Wahrheit“ legt Haynes nun einen so schnörkellos wie konventionell erzählten Gerichtsthriller vor, dessen Bilder fast durchgängig in depressiven Blau- und Brauntönen gehalten sind. Dabei nimmt sich der Regisseur genug Zeit, in aller Genauigkeit viele der Details auszuloten, die dem Plot seine Brisanz verleihen.

 

Etwa die Seil- und Freundschaften, die Bilott noch eine Weile mit dem System verbinden, das er zusehends bekämpft. Sichtlich ist es ihm unangenehm, die Seiten zu wechseln und sein Spezialwissen gegen Leute anzuwenden, denen er im gesellschaftlichen Leben seiner Stadt verbunden ist. Schnell jedoch wird der anfangs freundschaftliche Ton schriller.

 

Von Aktenbergen fast erschlagen

 

Ein Sinnbild der Herkulesaufgabe, die Bilott übernommen hat, sind Aktenberge; die Unordnung des Beweismaterials, das ihm übergeben wird, scheint ihn schier zu erdrücken. Völlig auf sich allein gestellt, macht sich der Anwalt daran, ein riesiges Archiv unsortierter Protokolle, Artefakte und Bodenproben aufzuarbeiten.

 

Anfangs erscheint das aussichtslos. Doch seine Verbissenheit treibt den Anwalt dazu, sich immer stärker auf diesen einen Fall zu konzentrieren. Er erarbeitet sich das notwendige Fachwissen in Chemie, um zu verstehen, welche fatale Erfindung DuPont mit den langkettigen Perfluoroctansäuren (kurz: PFOA) in die Welt gesetzt hat. Darauf basiert der Kunststoff Teflon, der vielfach als Beschichtung Verwendung findet; etwa in Bratpfannen.

 

DuPont wusste von Anfang an Bescheid

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Epoche des Menschen“ betörend bebilderte Umwelt-Doku von Jennifer Baichwal, Nicholas De Pencier und Edward Burtynsky

 

und hier eine Besprechung des Films „Promised Land“ – solider Polit-Thriller zum Thema „Fracking“ von Gus van Sant

 

und hier einen Beitrag über den Film „Carol“ – ergreifendes lesbisches Liebesdrama in den 1950er Jahren von Todd Haynes mit Cate Blanchett

 

und hier einen Bericht über den Film „Spotlight“brillanter Skandal-Enthüllungs-Thriller von Tom McCarthy mit Mark Ruffalo.

 

Bei regelmäßigen Besuchen in seiner alten Heimat trifft Bilott nicht nur auf verseuchte Böden und stark geschädigte Tiere, sondern auch viele kranke Menschen im ganzen Landstrich. Recherchen zeigen, dass sich der Chemiekonzern von Anfang an der Gefahren für die Gesundheit und der zu erwartenden Umweltschäden bewusst war.

 

Je länger Bilott am Ball bleibt, desto ungemütlicher wird seine berufliche und private Situation. Da er keine anderen Klienten mehr hat, muss er Gehaltskürzungen hinnehmen. Es gibt Diskussionen mit Partnern, die Beziehung mit seiner grundsätzlich loyalen Frau muss einiges aushalten – auch sein stressbedingtes Händezittern wird immer schlimmer. Sogar viele der direkt Betroffenen, die an Krebs und anderen Krankheiten leiden, fragen sich bis zuletzt, ob es nicht lukrativer und damit vernünftiger wäre, vor DuPont als großem Geld- und Arbeitgeber zu kuschen.

 

Mit Alternativem Nobelpreis prämiert

 

„Versprechungen der Konzerne zählen nichts“, folgert Bilott aus seinem Engagement: „Wir können uns nur selbst verteidigen. Wir sind ganz auf uns allein gestellt.“ Nach 19 Jahren juristischer Auseinandersetzungen und drei Verurteilungen zahlte DuPont den PFOA-Opfern mehr als 670 Millionen US-Dollar Schadensersatz. Für sein Engagement wurde Bilott 2017 mit dem „Right Livelihood Award“, auch Alternativer Nobelpreis genannt, ausgezeichnet.