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Fanny (Louise Labeque) ist in Trance. Foto: Grandfilm Filmverleih

Zombi Child


(Kinostart: 8.10.) Exotismus statt ethnologischem Interesse: Der französische Regisseur Bertrand Bonello verfolgt zwar den Zombie-Mythos zurück zu seinen Voodoo-Ursprüngen auf Haiti, benutzt ihn aber nur für einen – gelungen inszenierten – Horrorfilm.


Haiti im Jahr 1962: Ein junger Mann (Mackenson Bijou) fällt aus heiterem Himmel um. Seine Familie beerdigt ihn unter Tränen, aber in der Nacht wird er von Unbekannten wieder ausgegraben – und findet sich bald auf einer Plantage wieder, mit steifen Gelenken, aber ohne Erinnerung oder freien Willen. Nur Schwerstarbeit kann er noch verrichten: Er ist nun ein Zombie.

 

Info

 

Zombi Child

 

Regie: Bertrand Bonello,

93 Min., Frankreich 2020;

mit: Louise Labeque, Wislanda Louimat, Mackenson Bijou, Adilé David

 

Weitere Informationen

 

Ein Schnitt in die Gegenwart: An einem französischen Elite-Internat für Töchter von Mitgliedern der Ehrenlegion ist unter den Schülerinnen Mélissa (Wislanda Louimat) die einzige Schwarze. Obwohl sie als schräg gilt, findet sie Anschluss an einen literarischen Geheimbund. Als sie zur Initiation ein Geheimnis preisgeben soll, rezitiert sie ein Gedicht, aus dem vor allem ein Wort bei ihren Freundinnen nachhallt: „Zombi“.

 

Authentischer Zombie

 

So disparat die beiden Geschichten scheinen – sie gehören zusammen. Stück für Stück gibt Regisseur Bertrand Bonello die Verbindung preis, bis zum furiosen Finale. Der erste Handlungsstrang orientiert sich an einem authentischen Fall: Clairvius Narcisse (1922-94) gilt als der bislang einzige Mensch, der von seinem Dasein als Zombie offiziell Zeugnis ablegte.

Offizieller Filmtrailer


 

Vergiftet durch Voodoo-Priester

 

Seine Geschichte erzählte er dem US-amerikanischen Anthropologen Wade Davis. Der verarbeitete sie zu dem Bestseller „Die Schlange im Regenbogen“ (1985); der Regisseur Wes Craven machte daraus 1988 den gleichnamigen Horror-Thriller – eine an der realen Voodoo-Religion orientierte Ausnahme im Zombie-Genre, das sich seit George A. Romeros Klassiker „Night of the Living Dead“ (1968) weit von seinen afrikanisch-karibischen Wurzeln entfernt hat.

 

Bonello übernimmt Davis‘ Theorie, derzufolge haitianische Voodoo-Priester mithilfe von Gift Tausende Menschen in willenlose Arbeitsdrohnen verwandelt haben. Neuere Theorien deuten die Zombifizierung hingegen als Machtdemonstration von geschäftstüchtigen Bokore-Schwarzmagiern. Im Gegensatz zu vielen Leidensgenossen, die wie in Trance auf der Insel herumirren, erwachte Narcisse aus seinem Dämmerzustand und kehrte zu seiner Familie zurück.

 

Eigenwilliges Philosophieren

 

Die Gegenwartsebene im Film ist die fiktive Fortsetzung seiner Geschichte: Mélissa ist seine Enkelin und hat ihr Voodoo-Erbe mit nach Frankreich gebracht. Damit ist nicht zu spaßen; mit Zombies erst recht nicht – das weiß ihre neue Freundin Fanny (Louise Labeque) aus Hollywoodfilmen. Dennoch ist Fanny überzeugt, dass nur Voodoo helfen kann, als ihr Freund sie verlässt und ihre Instagram-Welt in sich zusammenstürzt.

 

Bertrand Bonello macht es sich und seinem Publikum nie leicht. In „Der Pornograph“ (2001) widmete er sich den Sorgen und Nöten eines alternden Porno-Regisseurs; in „Saint Laurent“ (2014) denen eines Modeschöpfers; in „Nocturama“ (2016) einer Gruppe scheinbar ziellos rebellierender Jugendlicher, die Bomben legten. Seinen Blick auf solche stets merkwürdig entrückt wirkenden Welten verknüpft Bonello gerne mit dialogreichen, philosophischen Betrachtungen und das im französischen Kino fast stereotype Interesse am weiblichen Körper.

 

Verschenktes Potenzial

 

Viel Aufmerksamkeit widmet Bonello diesmal den Ritualen des Literaturzirkels, der sich nachts versammelt. In ihm treffen sich privilegierte Teenager, die sich ihres Platzes in der Gesellschaft sicher sein können – aber noch keine Ahnung haben, was sie damit anstellen sollen. Sie kommunizieren im Nuschelcode und sind mit ihren Telefonen verwachsen, haben aber die Fähigkeit zur Empathie noch nicht verloren.

 

Glaubhafter als in „Nocturama“ fängt der Regisseur die Verletzlichkeit der Jugendlichen ein. Dann jedoch nutzt er diese Intimität nur dazu, mit der Kamera in den Duschraum vorzudringen. Es ist nicht das einzige Mal, dass er in diesem Film achtlos verschenkt, was zuvor sorgsam aufgebaut wurde. So wird Mélissas Tante als starke Voodoo-Priesterin eingeführt, die dann aber für etwas Geld all ihre Prinzipien über den Haufen wirft.

 

Aufklärung und Hexerei

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Voodoo“ – hervorragende Überblicksschau über afrokaribische Religionen mit Zombie-Aspekten im Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim

 

und hier eine Besprechung der  Film „Nocturama“ – raffinierte Studie über sinnfreien Jugend-Terror von Bertrand Bonello

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Vodou – Kunst und Kult aus Haiti“ – prächtige Schau zu Bizonga-Geheimgesellschaften im Übersee-Museum, Bremen

 

und hier einen Bericht über den Film „The United States of Hoodoo“ – Dokumentation über Voodoo-Praktiken in den USA von Oliver Hardt.

 

Oder: Zu Beginn müssen sich die Schülerinnen – und der Zuschauer mit ihnen – eine schwer verdauliche Vorlesung über Frankreichs Kolonialgeschichte aus poststrukturalistischer Perspektive anhören. Doch dieser historische Hintergrund dient im Film nur dazu, Mélissas Anwesenheit auf dem Internat zu erklären. Andere Eckpunkte der haitianischen Geschichte werden ebenfalls nur oberflächlich angerissen: etwa die Diktatur von Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier (1971-1986) oder das verheerende Erdbeben von 2010.

 

Es wäre ein spannendes Unterfangen, den Zombie-Mythos auf seinen afrokaribischen Ursprung zurückzuführen – da gäbe es allerhand aufzuarbeiten. Doch trotz eindrucksvoller Bilder bleibt Bonellos Perspektive essentialistisch bis kolonialistisch: Frankreich bleibt die Sphäre des Wortes und der Aufklärung, Haiti ein Ort von wilder Lebensart und Hexerei.

 

Reaktionäre Ängste

 

Dabei lässt Bonello kaum einen Exotismus aus, der für Kritik ein rotes Tuch sein könnte. An seinem eigentlich viel versprechenden Interesse an Voodoo, der Kolonialgeschichte oder dem Leben junger Menschen klebt ein reaktionärer Beigeschmack.

 

Was genau will diese Geschichte erzählen? Dass die Franzosen aus ihrem karibischen Herrschaftsgebiet etwas Unbegreifliches und Gefährliches mitgebracht haben? Oder dass Jugendliche durch ihre Smartphones längst Zombies geworden sind? So oder so wird kein Schuh daraus. Zwar ist dieser Horrorfilm gelungen inszeniert – doch sein Horror speist sich vor allem aus der Angst vor dem Fremden.



Von Eric Mandel, veröffentlicht am 05.10.2020





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