Pete Docter

Soul

Der Musiklehrer Joe (li.) beeindruckt die Jazzlegende Dorothea Williams (re.) mit seinem Klavierspiel. Foto: Walt Disney Company Germany

(Disney+-Start: 25.12.20) Mit Jazz dem Leben Seele einhauchen: Der Pixar-Animationsfilm von Regisseur Pete Docter entführt einen Musiker in die Zwischenwelt vor dem irdischen Dasein – metaphysische Fragen werden durch viele hübsche Details wieder geerdet.

Windschiefes Gejaule ertönt schon im Vorspann von „Soul“, dem neuesten Abenteuer der Trickfilmschmiede Disney-Pixar. Es lässt jedem Musikliebhaber das Blut in den Adern gefrieren. Auch Joe Gardner (in der Originalversion gesprochen von Jamie Foxx) guckt gequält aus der Wäsche – er muss diese Missklänge jeden Tag ertragen. Seine Brötchen verdient er als Gelegenheits-Musiklehrer an einer New Yorker Schule.

 

Info

 

Soul

 

Regie: Pete Docter;

100 Min., USA 2020

mit: Jamie Foxx, Tina Fey, Graham Norton

 

Website zum Film

 

Doch Joe träumt von einer Laufbahn als Jazzpianist. Daher hält sich seine Begeisterung in Grenzen, als die Schulleiterin ihm eine Vollzeitstelle anbietet. Seine Mutter ist darüber umso glücklicher: Schon Joes Vater führte ein prekäres Musikerleben, während sie mit ihrem Schneidereibetrieb die Familie durchbringen musste.

 

Endlich auf der großen Bühne

 

Joe beginnt sich damit abzufinden, dass sich seine Ambitionen nicht erfüllen werden, da klingelt das Telefon ein zweites Mal: Sein ehemaliger Schüler Curley hat es zum Schlagzeuger einer gefeierten Jazzband gebracht. Die Bandleaderin Dorothea Williams (Angela Bassett) sucht nun einen Pianisten, der sofort einspringen kann.

Offizieller Filmtrailer


 

Statt Bühne: das Jenseits?

 

Joe großer Tag scheint gekommen. Er nutzt seine Chance – und schwebt nach dem gelungenen Vorspiel derart auf Wolken, dass er in einen offenen Kanalschacht stürzt. Sein Körper liegt nun komatös im Krankenhaus, seine Seele findet sich auf einem Förderband wieder, mit vielen anderen Seelen unterwegs Richtung Jenseits. Doch Joe will auf keinen Fall abtreten – gerade jetzt, als sein wahres Leben beginnt. Er wagt die Flucht vom Förderband. Allerdings landet er nicht wie erhofft auf der Erde, sondern im „Davorseits“: Hier werden die Charaktereigenschaften und Leidenschaften der ungeborenen Seelen ausgebildet.

 

Als Mentoren arbeiten dort die Seelen berühmter und verdienter Verstorbener; Joe wird Mentor für eine Seele namens „22“. An diesem Blag haben sich schon Mutter Teresa, Kopernikus und Abraham Lincoln die Zähne ausgebissen. Doch die trotzige „22“ weigert sich. Sie will nicht auf die Erde – das Leben scheint ihr schlichtweg nicht lebenswert. Joe muss sich etwas einfallen lassen; andernfalls wartet auf ihn das Förderband zum Jenseits.

 

Slapstick, Harlem Style und Teletubbies

 

Gerade als sich das bisweilen wirre Hin und Her zwischen den Welten totzulaufen droht, wartet „Soul“ mit einem Wendepunkt auf: Fortan sorgt ein versehentlicher Körpertausch für reichlich schrägen Slapstick. Zudem kommt auch das erwachsene Publikum auf seine Kosten: Dieser Film ist eine bunte, detailverliebte Hommage an das Leben in der Großstadt. Vom Barbershop als Treffpunkt der Nachbarschaft bis zur Energie eines Jazz-Clubs wird das schwarze New York gefeiert – in der ersten Pixar-Produktion mit afroamerikanischer Hauptfigur.

 

Hintergrund

 

Lesen sie hier eine Rezension des Films „Ruben Brandt“ – raffiniert fantasievoller Animationsfilm über einen Kunstsammler von Miroslav Krstić

 

und hier eine Besprechung des Films „Chico & Rita“ – jazzig swingende Animations-Love-Story in Kuba von Fernando Trueba + Javier Mariscal, Europäischer Filmpreis 2011

 

und hier ein Beitrag über den Film „Belladonna of Sadness“ – fantastisch psychedelischer Animationsfilm von Eiichi Yamamoto.

 

Jede Sphäre hat ihre eigene Ästhetik. Die lebendigen, farbenfrohen Straßenszenen in New York wirken wie unter Strom. Das „Davorseits“ erinnert an die surreale Welt der „Teletubbies“, einer britischen Trickserie der späten 1990er Jahre – für Kleinkinder konzipiert, fand sie dank ihrer psychedelischen Ästhetik auch unter bekifften Studenten viele Fans. Außerdem gibt es noch eine düstere, monochrom in Szene gesetzte Zwischenwelt, in der verlorene Seelen umherwandeln.

 

Große Fragen und kleine Freuden

 

Bekannt wurde der Regisseur und Drehbuchautor Pete Docter 2001 mit dem Animationsfilm „Die Monster AG“ über Freundschaft, die Fremdheit und Ausbeutung überwindet. Im charmanten Nachfolger „Oben“ von 2009 jagte ein übellauniger Rentner seinem Lebenstraum nach. 2015 widmete sich Docter in „Alles steht Kopf“ dem menschlichen Innenleben mit seinen Emotionen. Nun stellt er in „Soul“ die ganz großen Fragen: Was macht uns aus? Wodurch wird das Leben lebenswert, und welche Rolle spielt der sprichwörtliche Funke, der Menschen für etwas brennen lässt?

 

Wie oft bei Filmen aus dem Hause Pixar gehen Anspruch und Mainstream-Kompatibilität geschmeidig zusammen. Angesichts vieler hübscher Einfälle stört nur ein bisschen, dass die Geschichte am Ende ihren Schwung verliert – vielleicht sind solche metaphysischen Fragen einfach eine Nummer zu groß. Auf jeden Fall holt „Soul“ Alltagsmagie ins Wohnzimmer. Genussvoll in eine Pizza beißen, einem trudelnden Ahornsamen nachschauen: Dieser Film feiert mit wundervollen Bildern das Glück der kleinen Dinge.

 

Seit 25.12.20 bei Disney+