Salma Hayek + Owen Wilson

Bliss

Greg Wittle (Owen Wilson) und Isabel Clemens (Salma Hayek). Foto: © Amazon.com, Inc.

(Amazon Prime Video-Start: 5.2.21) Normalität als Drogenhölle der Gewöhnlichkeit: Regisseur Mike Cahill mischt Realität und Simulation – bis der Zuschauer in seiner ambitionierten Science-Fiction-Utopie den roten Faden und den Blick für die Realität verliert.

Wenn Künstler sich für ein Genre entscheiden, dient es ihnen entweder als Mittel zum Zweck – oder als Selbstzweck, etwa wenn ein Science-Fiction-Film weniger an der Erzählung interessiert ist als an der Form, beispielsweise dem Protzen mit den neuesten Spezialeffekten.

 

Info

 

Bliss

 

Regie: Mike Cahill,

103 Min., USA 2021;

mit: Salma Hayek, Owen Wilson, Madeline Zima

 

Weitere Informationen

 

Die Filme des US-Regisseurs Mike Cahill lassen sich der ersten Kategorie zuordnen. Sowohl „Another Earth“ (2011) oder „I – Origins“ (2014) wurden als Science Fiction etikettiert, ohne dass sie als solche sofort erkennbar sind. Mit seinem neuesten Film „Bliss“ ist es ähnlich. Auch hier handelt es sich nicht um ein funkensprühendes Spektakel, sondern um eine leise Geschichte über einen Mann, der versucht, glücklich zu sein – wenn die Wirklichkeit, oder was er dafür hält, ihm nicht ständig im Weg stünde.

 

Trauminseln im Büro

 

In jener tristen, vage definierten Realitätsitzt Greg Wittle (Owen Wilson) zu Beginn des Films in seinem Büro und ist völlig durch den Wind. Statt zu arbeiten, zeichnet er Fantasien einer Trauminsel und telefoniert mit seiner Ärztin, die ihm eine Nachbestellung seiner Schmerzmittel verweigert. Nachdem er die letzten Pillen zerkleinert und durch die Nase gezogen hat, verlässt er sein Büro und damit die erste und letzte Szene, in der die Wirklichkeit noch einigermaßen verlässlich scheint. Der brodelnde Bass im Soundtrack lässt bereits Schlimmes vorausahnen.

Offizieller Filmtrailer


 

Telekinetischer Slapstick

 

Wittle wird gefeuert und flüchtet in eine Bar. Dort trifft er die geheimnisvolle Obdachlose Isabel (Salma Hayek), die ihm nichts weniger als ein neues Leben anbietet. Wittle, der gerade wenig zu verlieren hat, schluckt bereitwillig ihre orangefarbenen Kristallkugeln, begleitet sie auf ihren kleinkriminellen Streifzügen und lässt sich überzeugen, dass die Welt, in der er lebt, nicht real ist, sondern eine Simulation.

 

Um das zu beweisen, zeigt Isabel auf Passanten auf dem Bürgersteig und lässt sie mit einer kleinen Fingerbewegung auf das Pflaster stürzen. Doch Isabels slapstickhafte Demonstration ihres telekinetischen Talents lassen Wittle kalt. Erst als die beiden in die „wirkliche“ Welt zurückkehren, schenkt Wittle Isabels Verschwörungsideen Glauben. Hier ist das Grau des Büros einem knallig blauen Himmel und das zerfledderte Zelt, in dem Isabel lebt, einer luxuriösen Villa gewichen.

 

Die Kehrseite der Dystopie

 

Was auf den ersten Blick an die zweigeteilte Welt in den legendären „Matrix“-Filmen der Wachowski-Brüder erinnert, ist auf den zweiten Blick wunderbar zynisch umgekehrt: Die vermeintlich alltägliche Welt, in der Wittle sein Dasein als depressiver Angestellter fristet, ist hier nicht die reale, sondern entpuppt sich als simulierte Dystopie – geschaffen von Isabel, der IT-Entwicklerin dieser Simulation. Automatisierung, „synthetische Biologie“ und ein Grundeinkommen von 500.000 US-Dollar im Jahr hätten dies möglich gemacht, erzählt sie, die sich jetzt Dr. Clemens nennt.

 

Man müsse immer auch die Kehrseite der Realität kennen, um das Glück der echten, inzwischen perfekten Welt zu erfahren, sagt sie. Oder ist diese vielleicht ebenso eine von Isabels seltsamen Drogen induzierte Wahnwelt? Leider kommt im Moment dieses schönen Twists auch die Kehrseite des Films zum Vorschein: seine übermäßigen Ambitionen, die viel transportieren wollen, aber zuwenig zeigen.

 

Filmszenen wie psychotische Schübe

 

Cahill, der auch das Drehbuch schrieb, überlässt die Antworten auf die Fragen seiner Filmerzählung den Zuschauern. Allerdings führt das nicht zum Weiterdenken, sondern dazu, dass die anfängliche Empathie für die Protagonisten im Lauf der Geschichte verlorengeht. Die spielen ihre Rollen zwar überzeugend; vor allem der sonst eher aus Komödien bekannte Wilson überrascht als verwirrter Junkie und verzweifelter Vater. Aber so glaubwürdig er auch herumstolpert zwischen Wahn und Wirklichkeit, so wenig stellen die Bilder jene ambivalente Spannung her, die Cahills Debüt „Another Earth“ auszeichnete.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „I Origins – Im Auge des Ursprungs“ – Identitäts-Mystik-Drama von Mike Cahill

 

und hier eine Besprechung des Films „Das Märchen der Märchen“ – bizarre Verfilmung dreier Märchen mit Salma Hayek von Matteo Garrone

 

und hier einen Bericht über den Film „The Congress“ – SciFi-Animationsfilm als drogenbefeuerte Dystopie von Ari Folman nach dem Roman von Stanislaw Lem

 

und hier einen Beitrag über den Film „Midnight in Paris“ – Zeitreise in die 1920er Jahre mit Owen Wilson von Woody Allen.

 

Vielleicht wäre das ohne Science-Fiction-Anleihen nicht passiert. Genres sind immer auch Brillen, welche die Wahrnehmung der Zuschauer prägen – und so häufen sich in der zweiten Hälfte des Films die Enttäuschungen über die vielen angedeuteten genretypischen Themen zu drängenden Fragen des 21. Jahrhunderts, die aber nie ausformuliert werden. Statt dem Grundthema des Genres – dem Heraustreten des Menschen aus der Natur – treu zu bleiben, wirkt das Ringen der Protagonisten mit ihrem Gewissen eher wie banale Küchenpsychologie. Muss man wirklich Unglück kennen, um glücklich zu sein?

 

Noch eine weitere Geschichte hätte sich zu erzählen gelohnt: Wittles desolater Zustand liegt an seiner Abhängigkeit von opioidhaltigen Schmerzmitteln. Er ist damit einer von Millionen Menschen in den USA, die diese inzwischen schon wegen Kopfschmerzen verschrieben bekommen – ein Phänomen, das sich seit einigen Jahren verheerend auswirkt: In den letzten 20 Jahren sollen rund 450.000 US-Bürger an Überdosen gestorben sein. So können manche verschwurbelten Szenen des Films zwischen Fantasiewelt und Realität auch als Halluzinationen eines Menschen verstanden werden, der unter heftigen psychotischen Schüben leidet.

 

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