Ramin Bahrani

Der weiße Tiger

So blitzblank sind die Zähne eines Self-made Businessman. Balram (Adarsh Gourav) als Unternehmer in Bangalore​. Foto: Cr. Tejinder Singh Khamkha​/Netflix, © 2021

(Netflix-Start: 22.1.21) Aufstieg eines Abgehängten: Regisseur Ramin Bahrani porträtiert einen Inder, der sich aus dörflichen Teestuben nach oben in die Sphäre der Reichen durchboxt – blutiger Klassenkampf auf dem Subkontinent im ökonomischen Aufbruch.

Herr und Diener. Licht und Finsternis. Schlachtmeister und Hühnerstall. „Der weiße Tiger“ ist ein Film der radikalen Gegensätze. Seine Geschichte spielt in Indien; einem Land mit 36 Millionen Göttern, wie es gleich am Anfang heißt; in einer Gesellschaft, die ihr komplexes Kastensystem selbst nicht mehr durchschaut. Was letztlich keine Rolle spielt, denn im Grunde zählt hier nur eine Grenze: die zwischen oben und unten.

 

Info

 

Der weiße Tiger

 

Regie: Ramin Bahrani,

125 Min., USA 2020;

mit: Adarsh Gourav, Rajkummar Rao, Priyanka Chopra Jonas

 

Website zum Film

 

„Der weiße Tiger“ erhebt diesen Gegensatz zur ästhetischen Maxime und schlachtet auch die Hühnerstall-Metapher bei jeder Gelegenheit aus. Der für Netflix produzierte Spielfilm erzählt vom Oben und Unten im Indien der Nullerjahre. In dieser Dekade des technologischen und ökonomischen Aufbruchs werden alte Ordnungsprinzipien in Frage stellt – mitunter auch gewaltsam.

 

Geschichte eines Self-made Man

 

Die Handlung basiert auf dem gleichnamigen Debütroman von Aravind Adiga, der 2008 erschienen ist. Erzählt wird – im Tonfall zwischen lakonisch, zynisch und bitterböse schwankend – der Werdegang von Balram; einem jungen, hochbegabten Inder aus ärmlichen Verhältnissen. Von der schäbigen Teestube in seinem Dorf arbeitet er sich hoch zum Chauffeur in Delhi. Dort wird es blutig: Der brave Diener wird von seinem Arbeitgeber, dem Reichensöhnchen Ashok und seiner amerikanisch-indischen Frau Pinky, bitter enttäuscht. Seine fragile Balance aus Unterwürfigkeit und Selbstbeherrschung kippt.

Offizieller Filmtrailer


 

Ramin Bahrani, US-Regisseur mit iranischen Wurzeln, hält sich bei seiner Adaption eng an Adigas Romanvorlage und vor allem an deren Rahmenhandlung: Balram, mittlerweile ein Self-made business man in der IT-Metropole Bangalore, erzählt seine Lebensgeschichte, und zwar in einer langen E-Mail an den damaligen chinesischen Premierminister Wen Jiabao, der in Indien zum Staatsbesuch erwartet wird. In China sieht Balram ein erfolgreiches Gegenmodell zu Indien: ein Land mit moderner, dynamischer Gesellschaft und wachsendem Wohlstand – im Gegensatz zur schwerfälligen indischen Gesellschaft mit ihren rigiden Kasten und teuren Ritualen.

 

Der Weg nach oben: Klassenkampf

 

Dieser Bericht ist im Grunde ein Geständnis. Bahrani zieht die Story auf wie einen „Columbo“-Krimi: Spannung wird gerade dadurch aufgebaut, dass der Ausgang der Geschichte von Anfang an feststeht, aber noch herauszufinden ist, wie es dazu kam. Balram hat es nach oben geschafft, weil er zum Verbrecher wurde. „Ich sollte Sie warnen“, erklärt seine Stimme einmal aus dem Off: „Meine Geschichte wird von hier an nur noch finsterer.“

 

Dass ein Spross der „größten Demokratie der Welt“ – eine Wendung, die Balram mehrmals sarkastisch betont – sich dem Regierungschef der kommunistischen Volksrepublik anvertraut und ihn dadurch beeindrucken will, dass er zum Ganoven wurde, ist kennzeichnend für die bittere Ironie und den schwarzen Humor, mit denen hier vom Klassenkampf erzählt wird. Der Film hat insofern einige Parallelen zu „Parasite“(2019), der äußerst erfolgreichen Sozialsatire von Regisseur Bong Joon-ho aus Südkorea. Und er wirkt wie die Antithese zu Danny Boyles märchenhafter Aufsteiger-Saga „Slumdog Millionaire“ (2008).

 

Neue Welt im Badezimmer

 

Regisseur Bahrani konzentriert sich vollkommen auf seine Hauptfigur, der zugleich der Erzähler ist, was den Film streckenweise zu einer Art bewegt illustriertem Hörbuch mit Off-Kommentaren macht. Aber die Rechnung geht größtenteils auf, was vor allem an Hauptdarsteller Adarsh Gourav liegt.

 

Gourav zeichnet seinen Balram als diabolischen Charakter, der sich von Tradition und Regeln lossagt, um seinen eigenen Weg zu gehen. Seine Mimik changiert in Sekundenbruchteilen zwischen Unterwürfigkeit, Scham, Ohnmacht und Wut. Der Film folgt ihm mehrmals in die Luxus-Badezimmerlandschaft seiner Herrschaft. Balram erforscht die ihm fremde Welt der Kosmetikprodukte und hantiert vor großen Spiegeln mit Duftspray, Haarbürste oder Wattestäbchen.

 

Neuerfindung beim Zähneputzen

 

Zahnpasta? War im Dorf unbekannt. Also schrubbt er sich in einer eindringlichen Szene fast gewalttätig den jahrzehntealten Belag seiner Herkunft von den Zähnen. Diese Spiegelungen stehen für eine Bewusstwerdung, Entfremdung und schließlich Neuerfindung von Balrams Selbstbild.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Parasite“gelungene Sozialsatire von Bong Joon-ho

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Schneiderin der Träume“unkonventionelles Liebes-Drama aus Indien von Rohena Gera

 

und hier einen Beitrag über den Film „Ein Junge namens Titli“ – brillantes Kleingangster-Drama in Neu-Dehli von Kanu Behl

 

Trotz des engen Fokus auf die Hauptfigur gelingt Bahrani zugleich aber auch ein genauer Blick auf das System der Abhängigkeiten, welche die Ungleichheit überhaupt erst möglich machen. Die indische Gesellschaftsordnung wird aufrecht erhalten von zwei großen Konstanten: Korruption und Familie. Beidem ist kaum zu entkommen. Man kann nicht aus seiner Haut, seiner Bestimmung, den Fängen und Zwängen.

 

Schlau und ohne Skrupel

 

Es sei denn, man ist ein äußerst seltenes Geschöpf. Wie der weiße Tiger, der Auserwählte, den es nur einmal unter allen Exemplaren seiner Generation gibt. Balram ist ein solcher seltener Fall: weil er immer schon schlau genug war und durch seine Erfahrungen auch skrupellos genug wurde.

 

Diese Ermächtigungsgeschichte eines Abgehängten setzt Regisseur Bahrani explizit in Beziehung zum kämpferischen Selbstbewusstsein jüngerer Emanzipationsbewegungen. Als wollte er sagen: Den Unterdrückern geht es bald an den Kragen, mit welchen Mitteln auch immer! Balram ist einer der wenigen, die es von unten nach oben schaffen, aus der Finsternis ins Licht. Und er prophezeit, dass er nicht der Letzte bleiben wird.

 

Seit 22.1.21 bei Netflix