Martin Scorsese

Pretend It’s a City

Martin Scorsese und Fran Lebowitz. Foto: © Netflix 2020

(Netflix-Start: 8.1.21) Smartphone-Zombies und wütende Homosexuelle: Regisseur Martin Scorsese lässt die intellektuelle Berufs-New-Yorkerin Fran Lebowitz so prägnant wie unterhaltsam die Welt der 1970er Jahre bis heute erklären – mit erstaunlichen Einsichten.

Der moderne Mensch muss sich seine Wirklichkeit selbst basteln. Orientierte er sich früher an der Religion und später auch an den Wissenschaften, scheint er heute an nichts mehr zu glauben außer an die eigene Meinung. Viele senden diese unablässig in den digitalen Äther; in der Hoffnung, gehört zu werden. Dass der Alltag von der Covid-19-Pandemie aus den Fugen gehoben wurde, scheint diesen Drang noch zu verstärken.

 

Info

 

Pretend It’s a City

 

Regie: Martin Scorsese,

203 Min., USA 2020;

mit: Martin Scorsese, Fran Lebowitz

 

Website zum Film

 

In dieser Zeit der Verunsicherung kommt die siebenteilige Doku-Serie „Pretend It’s a City“ von Martin Scorsese wie gerufen. Ihre Protagonistin, die US-amerikanische Schriftstellerin und Komikerin Fran Lebowitz, hat nämlich jede Menge Meinungen. Allerdings sind die ausgesprochen konzise, im Gegensatz zu vielem, was dieser Tage in die Welt hinausposaunt wird. Mit gutem Grund sind sie nicht zuletzt an jene Smartphone-Zombies gerichtet, die beim Dauerstarren auf ihr Display den Blick für ihre reale Umgebung verlieren.

 

Meckern mit Augenzwinkern

 

„Leute, tut einfach so, als wäre das hier eine Stadt“ sagt Lebowitz gleich in der ersten Folge über Menschen, die sich ständig über Handys beugen und ihr auf ihren Streifzügen durch New York im Weg herumstehen. Damit gibt die stets perfekt gekleidete Frau den Grundton für die folgenden Episoden vor. In denen steht sie im Mittelpunkt: im permanenten Meckermodus, aber stets charmant. Ihre Auslassungen sind begleitet von einem Augenzwinkern.

Offizieller Filmtrailer OmU


Schuss in Fuß als Liebesbeweis

 

Die 70-Jährige trägt ihre Meinungen im Plauderton vor. Dennoch wirken die keineswegs substanzlos was wohl daran liegt, dass sie nicht von affektgeleiteter Häme motiviert sind, sondern reicher Lebenserfahrung entspringen. 1969 zog Lebowitz aus New Jersey in die Großstadt und hielt sich zuerst als Putzfrau und Taxifahrerin über Wasser. Bald schrieb sie Kolumnen für das von Andy Warhol gegründete „Interview“-Magazin und wurde zum It-Girl der legendären New Yorker Downtown-Szene der 1970er Jahre.

 

Ihr erstes Buch „Metropolitan Life“ (1978), eine Sammlung sardonisch-humorvoller Essays, wurde ein Bestseller und machte sie landesweit berühmt. Insbesondere über diese Dekade erfährt man viel in „Pretend It’s a City“: zum Beispiel über Lebowitz‘ ambivalentes Verhältnis zu Warhol oder ihre Freundschaften mit der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison und dem Jazz-Trompeter Charles Mingus. Der schoss sich einst selbst in den Fuß, um seiner Ehefrau seine Liebe zu beweisen, berichtet sie mit breitem Grinsen.

 

Typischer Generationenkonflikt

 

Regisseur Scorsese verlässt sich ganz auf die Fähigkeit dieser Berufs-New-Yorkerin, Alltagsbeobachtungen zu gesellschaftsdiagnostischen Rundumschlägen zu verdichten. Seine Inszenierung bedient sich einfachster Mittel. Mal erlebt man Lebowitz zwischen Wolkenkratzern, dann wieder vor dem „Panorama of the City of New York“, einem gigantischen Modell der Stadt. 1964 für die Weltausstellung gebaut, befindet es sich heute im Queens Museum; alle paar Jahre wird die Bebauung auf den neuesten Stand gebracht. Zwischendurch sitzt Lebowitz immer wieder in einem schummerigen Restaurant, das gut in einen der klassischen Mafiafilme von Scorsese passen würde.

 

Der Regisseur ist ein langjähriger Freund der Autorin, die aufgrund einer Schreibblockade seit 1994 kein Buch veröffentlicht mehr hat. Die Fragen, die er an sie richtet, wirken etwas kalkuliert und sind vorwiegend auf Themen zugeschnitten, an denen sich auch hierzulande der Generationenstreit zwischen Babyboomern denen auch Lebowitz zuzurechnen ist und den mit dem Internet aufgewachsenen digital natives entzündet. Doch Lebowitz vermeidet allzu schnelle Rückschlüsse.

 

Kultur ohne Rauchen?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension über die Ausstellung “Martin Scorsese“erste Retrospektive des US-Regisseurs weltweit im Museum für Film und Fernsehen, Berlin

 

und hier eine Besprechung des Films „The Wolf of Wall Street“ – grandiose Börsen-Groteske in New York von Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Ai Weiwei in New York – Fotografien 1983-1993“ – im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über den Film „Blank City“ – Doku über die No-Wave-Szene im New York der späten 1970erJahre von Céline Danhier.

 

 

Sie beschreibt, statt zu urteilen, und stellt ihre Behauptungen auf unterhaltsame Weise auf ohne diese, wie Intellektuelle es gern tun, gleich mit einer großen Theorie zu verknüpfen. Kurzum: Sie scheint sich der Grenzen der Reichweite ihrer Erklärungen stets bewusst zu sein. Und liefert doch immer wieder erstaunliche Pointen: etwa, dass nichts besser sei „für eine Stadt als eine hohe Bevölkerungsdichte wütender Homosexueller“.

 

Oder, dass Bürgermeister Michael Bloomberg mit seinem 2002 eingeführten Rauchverbot in Innenräumen den Kulturstandort New York gefährde. Immerhin hätten Künstler beim Herumhängen in Bars auch Kunstgeschichte geschrieben, so Lebowitz: „Wenn Picasso in seiner Stammbar ständig zum Rauchen hätte rausgehen müssen, hätte er Wichtiges verpasst“. Das habe sie Bloomberg übrigens persönlich mitgeteilt.

 

Meinungen als Stichwortgeber

 

Ohne Nostalgie zu schüren für eine Zeit, in der zugleich vieles schlechter war – gerade für die queere community, zu der auch Lebowitz gehört: Ihre kurzweiligen Plaudereien werfen auch die Frage auf, ob sie und ihre Zeitgenossen überhaupt etwas zu erzählen hätten, wenn sie in unserer wenig hedonistischen Gegenwart mit ihrem Konformitätszwang sozialisiert worden wären.

 

Zugleich vermittelt sie, dass Meinungen einmal mehr waren als wiedergekäute Behauptungen, die auf Kränkung abzielen. Vielmehr können sie erfahrungsgesättigte Stichwortgeber in einem kultivierten Austausch sein: Dem darf der Zuschauer hier dreieinhalb Stunden lang beiwohnen.

 

Seit 8.1.21 bei Netflix