John Turturro

Jesus Rolls – Niemand verarscht Jesus

Marie (Audrey Tautou) und Jesus (John Turturro). Foto: ©EuroVideo Medien GmbH

(DVD-Start: 8.4.21) Zwei Taugenichtse legen kalauernd Frauen flach: John Turturro kreuzt seine Figur aus „The Big Lebowski“ mit einer französischen Komödie aus den 1970ern – für verstaubten Macho-Klamauk wie anno dazumal.

Er war in „The Big Lebowski“ von Joel und Ethan Coen nur kurz zu sehen – aber in diesen wenigen Minuten stahl John Turturro als Jesus Quintana allen die Show. Mit Haarnetz und ganz in Lila gekleidet, leckte er vor jedem Wurf in der Bowlingbahn seine Kugel an; so wurde sein Auftritt legendär. Eine Fortsetzung ihres Komödien-Klassikers von 1998 haben die Coen-Brüder immer abgelehnt. Sie gaben aber John Turturro die Erlaubnis, die Figur für ein eigenes Filmprojekt zu nutzen. Es ist quasi ein Egotrip: In „Jesus rolls – Niemand verarscht Jesus“ hat Turturro nicht nur Drehbuch und Regie, sondern auch die Hauptrolle übernommen.

 

Info

 

Jesus Rolls –

Niemand verarscht Jesus

 

Regie: John Turturro,

117 Min.,  USA 2019;

mit: John Turturro, Bobby Cannavale, Audrey Tautou, Susan Sarandon

 

Weitere Informationen zum Film

 

Die Handlung ist allerdings nicht neu, sondern ein Remake der zwiespältigen französischen Filmkomödie „Die Ausgebufften“ von Bertrand Blier, die 1974 erfolgreich war. Gerard Depardieu und Patrick Dewaere spielen darin zwei kleinkriminelle Tagediebe, die viel übers Untenrum schwafeln und keine Beischlafgelegenheit vorüberziehen lassen. Damals spaltete der Film die Gemüter – John Turturros Version wird das nicht gelingen.

 

Gipsy Kings in Sing Sing

 

Dabei beginnt der Film durchaus witzig. Zwanzig Jahre nach dem unvergesslichen Duell in „The Big Lebowski“ zwischen dem Dude und Jesus wird dieser aus Sing Sing entlassen, wo er dem Knastteam zum Sieg bei den JVA-Bowling-Meisterschaften verholfen hat. Zum Abschied trällern aus einer Zelle die „Gipsy Kings“; während Jesus in lila Schuhen der Freiheit entgegenläuft, wartet draußen schon Kumpel Petey (Bobby Cannvale).

Offizieller Filmtrailer


 

Nach einem Besuch bei Jesus‘ Mutter (Sonia Braga), die – natürlich – dem horizontalen Gewerbe nachgeht, fahren die beiden ins Blaue und quatschen über alte Zeiten, was Anlass gibt, den direkten Bezug auf den „Lebowski“-Film herzustellen, indem Jesus die ‚wahre‘ Geschichte seiner Verurteilung als Sexualstraftäter erzählen kann.

 

Verheizte Stars

 

Aber er grämt sich nicht, sondern macht einfach weiter wie früher und klaut mit Petey erst einmal den schicken alten Sportwagen eines schmierigen Friseurs (Jon Hamm). Dabei trifft er seine alte Bekannte Marie (Audrey Tautou) wieder, die kurzentschlossen mitfährt und ihnen freimütig eröffnet, sie habe mit 374 Männern geschlafen – ohne große Befriedigung. Auf diesem Niveau geht es bis zum Ende weiter.

 

Es tut fast schon weh, mehreren Stars zuzusehen, wie sie in Nebenrollen und dramaturgisch sinnlosen Cameo-Auftritten geradezu verheizt werden. So tritt Christopher Walken als Gefängnisdirektor auf, Jon Hamm als Friseur und nicht zuletzt Susan Sarandon als Jean; diese Frau wurde ebenfalls gerade aus dem Gefängnis entlassen. Nach ein paar schönen Tagen mit Jesus und Pete erschießt sie sich im Hotelzimmer.

 

Knallchargen in New York

 

Im Original wurde diese Figur von Jeanne Moreau gespielt. Sarandon kann es in dieser Rolle durchaus mit ihr aufnehmen, denn sie nimmt Jean ernst. Das kann man von den anderen Darstellern nicht behaupten: Fast ausschließlich als oberflächliche Knallchargen inszenierte Charaktere stolpern absichtlich unbeholfen durch den US-Bundesstaat New York.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Plötzlich Gigolo“ – verspielte Erotik-Komödie mit Woody Allen von John Turturro

 

und hier einen Bericht über den Film „Under the Silver Lake“schräger Pseudo-Noir-Krimi von David Robert Mitchell

 

und hier einen Beitrag über den Film „Hail Cesar!“  – wunderbar witzige Hollywood-Komödie von Joel + Ethan Coen

 

Die Akteure hatten vielleicht Spaß am Dreh, aber der überträgt sich leider nicht auf die Zuschauer. Sie werden – abgesehen von einem mehrmals auftauchenden Auto – vergebens einen roten Faden in der episodisch angelegten Geschichte suchen.

 

Selbstmord nach gutem Sex

 

Das dürfte auch daran liegen, dass sich Turturro teilweise sklavisch an die französische Vorlage hält und manche Einstellungen und Dialoge Eins zu Eins übernimmt. 1974 konnte man das Duo Infernale durchaus als charmante, junge, subversive Aussteiger aus der Gesellschaft auffassen. Bei Turturro werden daraus aber zwei arg angejahrte, leicht tumbe Typen, die einfach keinen Plan haben. Solche schrägen Gestalten charakterisieren die Coen-Brüder in jedem ihrer Filme besser.

 

Auch das Frauenbild dieses Films erscheint extrem fragwürdig. Warum sich Marie den beiden Dumpfbacken anschließt, bleibt völlig unerfindlich. Ihre Aufgabe erschöpft sich darin, als augenrollende Projektionsfläche wenig bekleidet bis barbusig durch die Szenerie zu wackeln. Und die erfahrene Jean bringt sich nach der Beglückung durch zwei Männer prompt um – was sonst?

 

Kein zweites Leben für Kultfigur

 

Solche Geschlechterrollen waren schon in den 1970er Jahren überholt; heute geht das nicht einmal mehr als Parodie durch. Das Fehlen von Digitaltechnik wie Computern oder Mobiltelefonen verstärkt noch den Eindruck von Verstaubtheit. „Jesus rolls“ hält damit das Versprechen nicht ein, der Kultfigur ein zweites Leben zu geben: Der Film verramscht sie ohne nennenswerten Tiefgang als blödelnden Klamauk. Und nachdem zweimal das Zitat „Nobody fucks with the Jesus“ bemüht worden ist, muss man leider feststellen: doch, und wie!

 

DVD-Start: 08.04.21