Miguel Llansó

Jesus Shows You the Way to the Highway

Batman als Kokser ist fast am Ende. Foto: Rapid Eye Movies

(VoD-Start: 18.2.21) Jagd auf das Böse in Stalin- und Batman-Gestalt: In seiner Science-Fiction-Groteske zitiert sich der spanische Regisseur Miguel Llansó munter durch die Popkultur – für einen stimmig überdrehten Mix aus Agententhriller und Dystopie.

Absurden Filmen wird gerne nachgesagt, sie nähmen sich selbst nicht ernst. Oft werden dabei Form und Inhalt verwechselt: Nur weil die Erzählung obskur ist, gilt das nicht unbedingt für ihre Umsetzung. Und was bedeutet überhaupt „Ernst“? Wikipedia beschreibt ihn als „konsistente Übereinstimmung von Aussagen mit der Wirklichkeit“. Zumindest dazu steht „Jesus Shows you the Way to the Highway“ von Miguel Llansó völlig quer mit seiner wilden Mischung aus Science-Fiction und Groteske.

 

Info

 

Jesus Shows You the Way to the Highway

 

Regie: Miguel Llansó,

79 Min., Spanien/ Estland/ Äthiopien 2019;

mit: Daniel Tadesse, Guillermo Llansó, Agustin Mateo

 

Weitere Informationen zum Film

 

Dabei folgt der Film des spanischen Regisseurs der Definition von „Ernst“ im Digitalen Wörterbuch als „feste, standhafte Gesinnung“. Die hält er konsequent durch, ist er doch mit bemerkenswerter Standhaftigkeit bescheuert. Das gilt vor allem für die Dialoge. Eine kleine Kostprobe: „Wer ist da“?, fragt CIA-Chef Alfones Rebane (Lauri Lagle). „Ich bin es, Gagano“, antwortet sein Agent. „Unmöglich, du bist tot“. „Ich bin nicht tot, Sir, ich stecke in einem tragbaren Fernseher fest“. „Bleib, wo du bist, ich hole dich ab“, verspricht ihm sein Chef.

 

Künstliche Intelligenz steuert Stadt

 

Der Plot ist schnell erzählt, auch wenn sich die Zusammenhänge zwischen den sprunghaft aneinandergereihten Szenen nur allmählich erschließen. Im Jahr 2035 ist der CIA-Agent D. T. Gagano (Daniel Tadesse) seinen Job leid und träumt davon, mit seiner Frau Malin (Gerda-Annette Allikas) ein Kickbox-Studio zu eröffnen. Die Stadt, in der sie leben, wird von einem Computerprogramm namens „Psychobook“ gesteuert; das wiederum wird von der CIA bewacht.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Bizarrer Plot, stimmige Ästhetik

 

Eines Tages wird die Software von einem gefährlichen Computervirus angegriffen, das „Sowjetunion“ heißt. Gagano und sein Kollege Palmer Eldritch (Agustín Mateo) erhalten ihren Auftrag vom US-Präsidenten persönlich: Er beauftragt sie, das Virus auszumerzen. Mithilfe von Virtual-Reality-Brillen dringen die beiden in die Software ein. Dort treffen sie, hinter Pappmasken mit den Konterfeis der Schauspieler Richard Pryor und Robert Redford versteckt, auf böse Mächte: auf einen Kriminellen, der aussieht wie Batman, sowie einen Mann namens „Stalin“, der ebenfalls eine Maske trägt.

 

Während die Erzählweise erratisch daherkommt, wirken die Bilder und Kulissen schlüssig; das hält die ansonsten fragmentisch erscheinenden Handlungsstränge zusammen. Die Szenen innerhalb der virtuellen Realität haben eine Ästhetik, die Videospielen aus den 1990er Jahre nachempfunden ist: Gefechte werden mit roten Laserstrahlen ausgetragen, untermalt von minimalistischen elektronischen Klängen. Die Szenen aus der realen Welt sind den fahlen Bildern der Epoche nachempfunden, aus welcher der Plot größtenteils schöpft: dem späten Kalten Krieg der 1980er Jahren. All das wird von einem Soundtrack konterkariert, der vorwiegend aus Free Jazz besteht, was jedoch ausgesprochen passend wirkt.

 

Fassbinder trifft Philip K. Dick

 

Das Beste an dieser spanisch-äthiopisch-estnisch-rumänisch-lettischen Koproduktion sind ihre einzelnen Teile – weniger die Summe, die das Ganze dann ergibt. Die verschiedenen Erzählebenen sind prall gefüllt mit popkulturellen Zitaten: Die Kampfszenen erinnern mal an Kung-Fu-Filme, mal an die Serie „Batman und Robin“ (1966/8), die heute unfreiwillig slapstickhaft wirkt. Dazu kommt die Atmosphäre eines paranoiden Agententhrillers, in dem üblicherweise nichts ist, wie es scheint.

 

Hintergrund

 

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und hier einen Beitrag über den Film „Kin-Dza-Dza!“ – herrlich anarchisch-alberne Sci-Fi-Komödie von Georgi Danelija

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Afro-Tech and the Future of Re-Invention“ – ambivalente Überblicksschau im Hartware Medienkunstverein (HMKV), Dortmund.

 

Auf die philosophisch inspirierten Zukunftsvisionen des Schriftstellers Philip K. Dick – dessen Romane als Vorlagen etwa für die SciFi-Klassiker „Blade Runner“ (1982) von Ridley Scott oder Steven Spielbergs „Minority Report“ (2002) dienten – spielt der Name eines der beiden Agenten an: 1965 veröffentlichte Dick den Roman „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“. Zudem erinnert Llansós Kaleidoskop an Rainer Werner Fassbinders visionären Fernsehfilm „Welt am Draht“ (1973), in dem ein neuer Supercomputer das Leben einer ganzen Stadt simuliert.

 

Im Gestern und Morgen zugleich

 

Wer diesen wunderbar verspielten low-budget-Film nicht ernst nehmen will, weil ihm der Wirklichkeitsgehalt fehlt, mag sich zumindest über die zahlreichen popkulturellen Querverweise amüsieren. Dabei lässt Regisseur Llansó den Zuschauer in der guten alten Zeit vor einem Röhren-Fernseher sitzen, während er ihn zugleich in eine dystopische Zukunft katapuliert, die der heutigen Wirklichkeit gar nicht unähnlich ist. Von der handelt dieser Film nämlich durchaus – trotz aller Absurdität.

 

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