Sylvie Verheyde

Madame Claude

Madame Claude (Karole Rocher, re.) und ihre Mädchen. Foto: © Netflix 2021

(Netflix-Start: 2.4.21) Bei Anruf Callgirl: Regisseurin Sylvie Verheyde porträtiert die mächtigste Bordellchefin im Paris der 1960/70er Jahre. Ihr Biopic verheddert sich in allerlei Verwicklungen und bietet Dauerpalaver mit aseptischer Hochglanz-Erotik.

Von vielen technischen Innovationen profitiert zunächst das Laster: Erst die massenhafte Verbreitung privater Telefonanschlüsse in den 1960er Jahren ermöglichte das Berufsbild des Callgirls. Käuflicher Sex via Anruf war und ist besonders in Frankreich populär; dort wird seit 1946 Prostitution zwar toleriert, doch Zuhälterei und Rotlicht-Dienstleistungen sind verboten.

 

Info

 

Madame Claude

 

Regie: Sylvie Verheyde,

112 Min., Frankreich 2021;

mit: Karole Rocher, Roschdy Zem, Garance Marillier

 

Weitere Informationen zum Film

 

Das neue Kommunikationsmittel machte sich Fernande Grudet zunutze: Als Madame Claude baute sie in den 1960er Jahren einen Callgirl-Ring mit bis zu 500 jungen Prostituierten auf. Dabei konzentrierte sie sich auf das teuerste Marktsegment: Ihre Mädchen hatten Klasse und wurden nur an sehr solvente Kunden vermittelt – häufig aus den feinsten Kreisen. John F. Kennedy, Muammar al-Gaddafi und Marlon Brando sollen zu ihrer Klientel gehört haben. Für Freier, die umfassenden Service bevorzugten, betrieb Madame Claude ein Großbordell im 16. Arrondissement.

 

Kooperation mit Geheimdienst

 

Das war ihr möglich, weil sie beste Verbindungen sowohl zur Unterwelt als auch zur Polizei hatte. Zudem arbeitete Madame Claude dem französischen Geheimdienst zu: Sie beschaffte ihm kompromittierendes Material über Politiker und Manager, die bei ihr verkehrten. Vor Strafverfolgung geschützt, konnte sie zwei Jahrzehnte lang unbehelligt ihr Geschäftsmodell praktizieren: Die Chefin schoss ihren Sexarbeiterinnen teure Mode und Schmuck, Friseur- und Arztbesuche vor – die zahlten zurück, indem sie 30 Prozent aller Einnahmen abgaben.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Wie Fotostrecke über Bademoden

 

1976 war Schluss: Präsident Valéry Giscard d’Estaing ging rigoros gegen das Rotlichtmilieu vor. Der Fiskus forderte elf Millionen Francs Steuernachzahlungen von Madame Claude. Sie floh in die USA, betrieb dort ein Restaurant, kehrte 1985 nach Frankreich zurück und wurde zu einer kurzen Haftstrafe verurteilt. 1991 baute sie abermals einen Callgirl-Ring auf, doch ihre Zeit war vorüber: Im Folgejahr bekam sie eine zweite Haftstrafe, von der sie sechs Monate absaß. Danach lebte sie zurückgezogen an der Côte d’Azur bis zu ihrem Tod 2015.

 

Ihr Werdegang könnte schillernder kaum sein. Entsprechend häufig ist er bereits verfilmt worden: in zwei Spielfilmen 1977 und 1981 sowie in zwei TV-Dokumentationen von 1995 und 2010. Dem hat Regisseurin Sylvie Verheyde wenig hinzuzufügen. Ihr Biopic für Netflix erzählt Aufstieg und Fall der Bordellchefin brav chronologisch nach, garniert mit aseptischer Hochglanz-Erotik. Dabei verheddert sie sich in verwickelten Handlungssträngen mit allerlei Akteuren, die trotz Sonnenbankbräune ziemlich blass bleiben. Wie Mannequins einer „Vogue“-Fotostrecke über die Bademoden der Saison.

 

Tanzszenen wie Eiscreme-Werbung

 

Angefangen mit Hauptdarstellerin Karole Rocher: Allen Wechselfällen begegnet sie mit einer von zwei Minen – arrogantem Schmollmund oder abruptem Ausraster. Da bleibt unerfindlich, warum die Novizin Sidonie (Garance Marillier) ihr Vertrauen gewinnt und ihre rechte Hand wird. Die Tochter eines hochrangigen Diplomaten langt bei Drogen und riskanten Sexpraktiken kräftig zu – und hält sich doch jungfräulich frisch wie am ersten Tag.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Look of Love“ – grandioses Biopic über Englands reichsten Playboy in den Swinging Sixties von Michael Winterbottom

 

und hier eine Besprechung des Films „Belle de Jour – Schöne des Tages“ – faszinierender Prostitutions-Klassiker von Luis Buñuel mit Catherine Deneuve

 

und hier einen Beitrag über den Film „Hustlers“ – Hochglanz-Tragikomödie über betrügerische Striperinnen von Lorene Scafaria mit Jennifer Lopez

 

und hier einen Bericht über den Film „Confession“ – exzellente Verfilmung des Klassikers von Alfred de Musset durch Sylvie Verheyde mit Pete Doherty.

 

Beide Frauen eint ein dunkles Geheimnis: Beide wurden als Kinder missbraucht; nun lassen sie die Macker dafür blechen. Das vertrauen sie einander im Plauderton auf Madames Bett an; wie überhaupt sämtliche Affären, Racheakte und andere Wirrungen meist gemütlich auf dem Sofa besprochen werden. Damit diese talking-heads-Ästhetik nicht zu eintönig gerät, streut Verheyde gelegentlich sinnlich gemeinte Tanz- oder Bettszenen im Club oder am Pool ein; sie wirken so lasziv wie Eiscreme-Kinowerbung.

 

Zurück ins 19. Jahrhundert

 

Für Relevanz oberhalb des Unterleibs sollen Anspielungen auf damalige Skandale sorgen, in die ein Freund von Schauspieler Alain Delon und eventuell die Gattin von Präsident Pompidou verstrickt waren. Auch darüber wird nur palavert; dem Film fehlen Fantasie und Budget, um solche Verflechtungen zu zeigen. Nicht jeder historische Stoff eignet sich für ein Kammerspiel mit kostengünstiger Ausstattung; schon gar nicht ein Sittengemälde, das Korruption zwischen Unterwelt und hoher Politik bloßlegen will.

 

2012 gelang der Regisseurin mit beschränkten Mitteln eine wunderbare Literaturadaption: In „Confession“ nach einem Roman von Alfred de Musset genügten ihr eine Handvoll Darsteller an wenigen Schauplätzen, um kongenial die schwärmerische Empfindsamkeit der französischen Romantik heraufzubeschwören. Vielleicht sind solche zarten Seelen Verheydes Bestimmung – und sie täte gut daran, sich im nächsten Film wieder dem 19. Jahrhundert zuzuwenden.

 

Seit 2.4.21 bei Netflix