Hu Guan

The 800

Westliche Bewohner der Konzessions-Gebiete von Schanghai beobachten die Schlacht um das Lagerhaus. Foto: Koch Films
(DVD-Start: 22.4.21) Der kommerziell erfolgreichste Film 2020: Regisseur Hu Guan schildert in perfekter Action-Ästhetik eine Episode der japanisch-chinesischen Schlacht um Schanghai – mit verräterischen Einblicken in den Neomaoismus unter Staatschef Xi Jinping.

Natürlich war das vergangene Kinojahr völlig verzerrt. In Ostasien, wo man die Corona-Epidemie rasch eindämmte, wurden die Lichtspielhäuser bald wieder geöffnet; in Europa und den USA blieben sie die meiste Zeit geschlossen. Dennoch ist bemerkenswert, dass die beiden Kinofilme mit dem weltweit größten Kassenerfolg erstmals aus China kommen. An der Spitze steht „The 800“ von Regisseur Hu Guan: Er spielte rund 470 Millionen Dollar ein.

 

Info

 

The 800

 

Regie: Hu Guan,

143 Min., China 2020;

mit: Zhi-zhong Huang, Hao Ou, Wu Jiang

 

Weitere Informationen zum Film

 

Vornehmlich auf seinem Heimatmarkt, denn das Thema ist rein national. Andererseits hat sich die Blockbuster-Bildsprache gerade von Kriegsfilmen längst globalisiert, und Regisseur Hu beherrscht sie virtuos: Da dürfte sich die Vermarktung im Ausland lohnen. Seit 11. Februar ist das Monumentalepos als Video on Demand, seit 22. April als DVD oder Blu-Ray erhältlich. Fürs hiesige Publikum bietet es neben den üblichen Action-Schauwerten auch aufschlussreiche Hinweise, wie das heutige China sich selbst sieht – genauer: wie es sich unter Staats- und Parteichef Xi Jinping sehen soll.

 

Dreimonatige Schlacht um Schanghai

 

Im Zentrum steht eine Episode aus dem Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg (1937-1945); sein Verlauf ist hierzulande kaum bekannt, obwohl er mit mehr als 20 Millionen Toten ähnlich verlustreich war wie der Zweite Weltkrieg. Die erste große Schlacht war die um Schanghai von Mitte August bis Anfang November 1937: Fast drei Monate lang bombardierte die japanische Armee die Innenstadt. Im Häuserkampf eroberte sie Straßenzug um Straßenzug, während chinesische Kuomintang-Truppen trotz schlechter Ausrüstung erbitterten Widerstand leisteten. Dabei starben rund 130.000 Chinesen und 40.000 Japaner.

Offizieller Filmtrailer


 

Kampfgebiet wie im Kino

 

Die technische Unterlegenheit der chinesischen Verteidiger wurde im Sihang-Lagerhaus am Ufer des Suzhou-Flusses besonders deutlich. Dort verschanzte sich eine Division der „Nationalrevolutionären Armee“ (NRA): Angeblich 800 Mann – tatsächlich waren es nur 450 – sollten mit Handfeuerwaffen den Vormarsch der Feinde aufhalten. Heikel und zugleich äußerst kinotauglich an ihrem Vorposten war, dass sich gegenüber am anderen Flussufer das „International Settlement“ befand. Im so genannten Konzessionsgebiet lebten Ausländer unter US-, britischem oder französischem Recht.

 

In dieser Enklave entwickelte sich ab Anfang des 20. Jahrhunderts das legendäre Flair von Schanghai aus Reichtum, Dekadenz und Laster. Seine Bewohner stellen das erste Publikum des Films: Gebannt schauen sie über den Fluss, wenn im und am Lagerhaus-Betonblock geschossen wird – während auf ihrer Seite Geschäfte, Glückspiel und Amüsement wie gewohnt weiterlaufen. Denn die Japaner verzichten auf Großangriffe: In der Nähe steht ein Gastank. Würde er getroffen, flöge das ganze Viertel in die Luft – dann müsste Tokio die Vergeltung der Westmächte fürchten.

 

China auf sich allein gestellt

 

Diesen Kontrast reizt Regisseur Hu voll aus. In etlichen Szenen spähen die im Lagerhaus eingepferchten Rekruten, zumeist analphabetische Bauernsöhne, hinüber zu den bunten Neonlichtern und dem Gepränge auf der Konzessions-Flaniermeile: zum Greifen nah, aber unerreichbar. Ähnlich dürften heutzutage Wanderarbeiter auf die glitzernde Modernität chinesischer Metropolen blicken. Derweil werden die wohlhabenden Chinesen der Enklave zusehends patriotisch, spenden Nahrung oder Geld für ihre Verteidiger und greifen schließlich selbst zu den Waffen: Wir sind alle Brüder.

 

Dagegen verhalten sich die Ausländer im Sondergebiet als passive Voyeure, die allenfalls Fotos schießen. Noch zynischer wirkt ein Zeppelin voller westlicher Kriegsbeobachter, der tagelang über dem Lagerhaus schwebt: für beste Sicht auf den Schauplatz. Die Botschaft ist klar: Auf fremde Mächte kann China nicht zählen – bei Angriffen bleibt es auf sich allein gestellt. Das propagiert die Parteiführung unter Xi derzeit als Doktrin der „doppelten Zirkulation“: Zwar soll China weiter auf dem internationalen Parkett auftrumpfen, aber zugleich im Inneren durch mehr High-Tech-Wachstum und Binnenkonsum autark werden.

 

Konfuzianische Kriegermoral

 

Wie die NRA-Einheit im Lagerhaus. Ihre tagelangen Scharmützel mit japanischen Stoßtrupps inszeniert Regisseur Hu sehr einfallsreich als blendend getimten Wechsel von hektischen Kampf- und elegischen Besinnungs-Szenen. Alle Spezialeffekte sind state of the art, alle Pathosformeln wie ausgestreckte Hände, gereckte Fäuste, Schmerz und Tränen in Zeitlupe werden punktgenau eingesetzt. Dabei fällt auf, dass der Film zahlreiche Figuren nur kurz näher vorstellt, um sie wenige Minuten später den Opfertod sterben zu lassen.

 

Hintergrund

 

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Individuelle Tragik, die neuere westliche Kriegsfilme wie „Dunkirk“ und „1917“ behandeln, kommt hier nicht vor. Alle Durchhalteparolen kreisen um Selbstaufopferung um jeden Preis gemäß konfuzianischer Kriegermoral: für Vaterland, Ehre, Ahnenverehrung und Elternliebe. Trotz des traditionellen Kanons bekam Hus Film offenbar Probleme mit der Zensur: Die Premiere im Juni 2019 auf dem Festival von Schanghai wurde wenige Tage vorher abgesagt. Ideologiewächter hatten bemängelt, dass die Rolle der Kuomintang und ihres Führers Chiang Kai-Shek zu ausführlich und positiv dargestellt würden.

 

Fesselnde Propaganda pur

 

Erst im August 2020 wurde der Film in China veröffentlicht – in einer 13 Minuten kürzeren Version. Nun fallen beide Begriffe zumindest in der deutsch synchronisierten Fassung kein einziges Mal; stets ist nur von der „NRA-Armee“ die Rede. Auch die Flagge der chinesischen Republik wird nur ein einziges Mal prominent gezeigt: als Soldaten sie im Iwo-Jima-Stil triumphierend auf dem Dach des Lagerhauses aufrichten.

 

Solche Geschichtsklitterung macht der Abspann komplett: Dort heißt es, die Nationale Verteidigungsfront sei „von der Kommunistischen Partei Chinas angeführt“ worden. Tatsächlich ging Mao Zedong größeren Gefechten aus dem Weg, um seine Truppen für den folgenden Bürgerkrieg gegen die Kuomintang zu schonen. Einerseits Propaganda pur, andererseits ein fesselndes Schlachtengemälde auf Weltniveau: Chinas Kassenknüller von 2020 hat viel zu bieten.

 

(ab 22.4.21 als DVD bei Koch Films)