Nobuhiko Ôbayashi

Labyrinth of Cinema

Verbunden durch ein unsichtbares Band: Noriko (Rei Yoshida) und Mario (Takuro Otsuki). Foto: Mubi

(MUBI-Start: 27.4.21) Tortur de Force mit humanistischem Kern: Mit seinem letzten Film schuf Regisseur Nobuhiko Ôbayashi ein überbordendes Antikriegs-Spektakel – mit fragwürdigen Auslassungen. Dem hiesigen Publikum erschließt es sich nur bedingt.

Das Labyrinth als archetypischer Schauplatz einer Initiation ins Erwachsenenleben: Der junge Mensch geht hinein, findet den Weg ins Zentrum und dort sich selbst, und tritt schließlich wieder ans Licht – verändert. So funktionierte das bei Theseus in der griechischen Mythologie wie bei Danny, dem Hausmeister-Sohn in Stephen Kings Roman „Shining“ (1977), der von Stanley Kubrick verfilmt wurde.

 

Info

 

Labyrinth of Cinema

 

Regie: Nobuhiko Ôbayashi,

179 Min., Japan 2018;

mit: Tadanobu Asano, Takuro Atsuki, Yoshihiko Hosoda

 

Weitere Informationen zum Film

 

Auch die junge Sarah muss sich in einem Zauber-Irrgarten zurechtfinden. Ihre „Reise ins Labyrinth“ von Regisseur Jim Henson war 1986 ein Flop; ; mittlerweile hat das Fantasy-Abenteuer einen gewissen Kultstatus erlangt. Womit wir in der vergleichsweise jungen Welt des Kinos angekommen wären, das auf diese Symbolik ebenfalls gerne Bezug nimmt. Der für seine surreale Ästhetik bekannte japanische Regisseur Nobuhiko Ôbayashi hat – kurz vor seinem Tod im April 2020 – allerdings ein filmisches Labyrinth errichtet: wohlgemerkt keinen Film über ein Labyrinth, sondern buchstäblich ein Labyrinth aus Film.

 

Quietschig durch Raum und Zeit

 

Der Anfang ist reines Chaos. Fanta G (gespielt vom „Yellow Magic Orchestra“-Musiker Yukihiro Takahashi) reist als Pilot einer Raum-Zeitmaschine durch eine quietschbunte Digitalwelt, die an Jugendfernsehen oder das soziale Netzwerk TikTok erinnert. Er gibt einen Ausblick auf das, was kommen mag, und legt schließlich ein Ziel fest: ein kleines Kino in der Stadt Onomichi.

Filmtrailer vom Transit Filmfest


 

Mit Blitz auf die Leinwand

 

Dort wird heute die letzte Vorstellung gegeben. Es folgt eine Sequenz, die wirkt wie eine japanische Interpretation von „Cinema Paradiso“ (1988); der nostalgisch gefärbte Film um ein Dorfkino in Sizilien ist vom Werdegang des Regisseurs Giuseppe Tornatore inspiriert. In enervierendem Schnittrhythmus werden zunächst die Charaktere vorstellt: der Vorführer Cinema G und die Kartenverkäuferin Frau Pika („Blitz“) repräsentieren die ältere Generation.

 

Während draußen der Regen prasselt, gilt es zunächst, eine undurchschaubare Musical-Nummer zu durchleiden. Die jugendlichen Protagonisten des „Labyrinth of Cinema“ – die 13-jährige Noriko, der Filmfreak Mario, der Universal-Nerd Hosuke und der Mönchssohn Shigeru, der lieber ein Gangster wäre – finden sich aber schon bald auf magische Weise auf der Leinwand wieder; ein Blitzeinschlag hat sie ins dortige Geschehen katapultiert. An diesem letzten Kinoabend steht eine Auswahl einheimischer Kriegsfilme auf dem Programm.

 

Rätselhaft, teils befremdlich

 

Für Noriko und die drei Jungen beginnt eine Odyssee durch diverse Kriege der japanischen Geschichte. In deren Verlauf geraten sie ständig in gefährliche Situationen, erleben Gefechte und rituelle Selbstmorde mit, schreien herum und scheitern immer wieder bei dem Versuch, Noriko zu „retten“ oder zu „beschützen“. Das arme Mädchen stirbt auf diesem Höllenritt gleich mehrere Tode. Die entsprechenden Referenzen zu entschlüsseln, ist für Europäer freilich schwierig.

 

Abgesehen vom hohen Tempo dieses Feuerwerks springt die Inszenierung zudem ständig zwischen Schrecken und hysterischem Humor hin und her, was mehrfach an der Angemessenheit der Mittel zweifeln lässt. Es ist, als würde die „Bully-Parade“ ein Lehrstück über deutsche Kriegsverbrechen aufführen; in der von 1997 bis 2002 ausgestrahlten Comedy-Serie parodierte der Schauspieler Michael Herbig Filme und Romanklassiker – auf eher unlustige Weise.

 

Durchatmen im letzten Drittel

 

Unerbittlich fallen inmitten dieses Stakkatos, zwischen perspektivischen Green-Screen-Verzerrungen und schrottigen Digital-Effekten, Hohlphrasen wie „So ist der Krieg nun mal“ oder „Wir müssen sie beschützen“. Zwischen unnötigen Doppelungen, die nahelegen, dass im Schnittraum entweder reine Verzweiflung oder psychedelische Drogen regiert haben, setzt man zudem immer wieder auf Pups-Humor. Als eine der Texteinblendungen zur Pullerpause ruft, steht eigentlich fest: Dieser Film ist kompletter Quatsch.

 

Erst in der dritten Stunde der Tortur de force beruhigt sich die Erzählweise etwas. Einige Einstellungen beschwören tatsächlich Meisterwerke herauf: etwa die von Regisseur Yasujirō Ozu (1903-1963), der sich häufig mit dem gesellschaftlichen Wandel beschäftigte. Oder die vielfach erzählte Geschichte vom Rikscha-Mann, der zum Ersatzvater für einen Halbwaisen wird; der Regisseur Hiroshi Inagaki (1905-1980) hatte sie im Jahr 1943 und dann noch einmal 1959 verfilmt.

 

Chaos ordnet sich

 

Aus dem Bildergewitter wird ein stringenterer Erzählstrom. Die Jugendlichen, die bisher vor allem an ihrer Geworfenheit verzweifelt sind, beginnen, Erfahrungen zu verarbeiten, abzuwägen und schließlich zielorientiert zu agieren: Sie wissen, dass Hiroshima am 6. August 1945 von einer Atombombe vernichtet wird. Dementsprechend versuchen sie, die Geschichte zu verändern, als sich ihre Zeitreise diesem Datum nähert.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The 800“ – Monumental-Epos über die japanisch-chinesische Schlacht um Schanghai von Hu Guan

 

und hier einen Beitrag über den Film „Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln“ – brillantes Biopic über den japanischen Autor Yukio Mishima von Paul Schrader

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Samurai – Pracht des japanischen Rittertums“opulente Überblicks-Schau in der Kunsthalle München.

 

Zwar entwickelt sich auch dieser finale Handlungsstrang nicht unbedingt nachvollziehbar. Doch immerhin ereignet sich auf der Leinwand ein kleines Wunder: All die herumfliegenden Versatzstücke, redundanten Informationen, Doppelungen und Erzählstränge finden allmählich ihren Platz.

 

Intention entschädigt – ein bisschen

 

Hinter der Matrix aus seltsamen Einfällen und visuellen Abschweifungen schält sich ein Plan heraus, der dieses Labyrinth nachvollziehbar macht – und damit auch die humanistische Intention des Regisseurs: Er will einer Generation, die keinen Krieg kennenlernen musste, eine Vorstellung von Schmerz, Ohnmacht und Gewalt vermitteln. Wie Ôbayashi am Ende den Sack zumacht und seine Teenager ins Erwachsenenalter entlässt, entschädigt fast für das optische Sperrfeuer der ersten zwei Drittel des Films.

 

Allerdings gilt das nicht für dessen andere Problemzonen. Dazu gehört etwa die Dauerunterwerfung von Frauenkörpern, oder auch die Verengung des Blicks auf das eigene Land. Zwar werden die japanischen Opfer des Militarismus durchaus beklagt, auch die zum Massenselbstmord gezwungenen Bewohner Okinawas. Chinesische, koreanische oder philippinische Opfer der japanischen Expansion bleiben dagegen Fußnoten. So ist dieses Spätwerk für nichtjapanische Nicht-Teenager allenfalls zu 20 Prozent befriedigend. Der Rest bleibt schmerzhaft. Ein bisschen wie Erwachsenwerden.

 

(seit 27.4.21 bei MUBI)