Gaspar Noé

Lux Æterna

Schöner scheitern, während die Pyrotechnik-Flammen lodern. Foto: Alamode Film

(VoD-Start: 29.4.21) Kino als epileptischer Anfall: In seinem Pseudo-Hexenfilmdreh schickt Regisseur Gaspar Noé Schauspielerinnen mit Sonnenbrillen auf den Scheiterhaufen – für einen klischeelastigen und effekthascherischen Imagefilm.

„Ihr seid bei bester Gesundheit, aber ihr ahnt nicht, welch unfassbares Glück wir Epileptiker in der Sekunde vor dem Anfall empfinden. Keine Freude, die das Leben schenken kann, würde ich dafür eintauschen.“ Dieses in altmodische Lettern gesetzte Dostojewski-Zitat stellt Regisseur Gaspar Noé seinem Filmexperiment „Lux Æterna“ voran. Eine Bezugnahme auf den russischen Schriftsteller macht sich immer gut, wenn Bedeutungsschwere suggeriert werden soll.

 

Info

 

Lux Æterna

 

Regie: Gaspar Noé,

51 Min., Frankreich 2019;

mit: Charlotte Gainsbourg, Béatrice Dalle, Mica Argañaraz

 

Weitere Informationen zum Film

 

Im Laufe seines 50 Minuten kurzen Films greift Noé auf weitere Zitateinblendungen zurück; im Fokus steht das Filmemachen. Er bezieht sich auf Regiegrößen wie Jean-Luc Godard, Rainer Werner Fassbinder oder den dänischen Filmpionier Carl Theodor Dreyer (1889-1968), der sich in seinem Werk vor allem spirituellen Fragen widmete. Aus dessen Film „Tag der Rache“ (1943) über eine Hexenverbrennung in Dänemark übernimmt Noé sogar eine Scheiterhaufen-Szene.

 

Schauspielerin spielt Regisseurin

 

Cut. „Die Scheiterhaufenszene wird wunderschön“, ist Béatrice Dalle überzeugt. Die französische Schauspielerin, bekannt aus „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ (1986), spielt sich in „Lux Æterna“ selbst: als Regisseurin, die mit einem Film über mittelalterliche Hexenverbrennungen debütiert. Prädestiniert für diese Rolle ist sie wohl, weil sie 1988 die Hauptrolle in Marco Bellocchios „Sabba, die Hexe“ hatte. Das erotische Arthouse-Drama fiel damals bei Kritik und Publikum durch.

Offizieller Filmtrailer


 

Kein Klischee wird ausgelassen

 

Mit ihrem Star Charlotte Gainsbourg tauscht sie zunächst intim-peinliche Anekdoten aus ihrer Karriere aus. Dieses Gespräch montiert Noé in quadratischen Splitscreens nebeneinander. Für diese Technik hat er offenbar ein Faible; sie kommt exzessiv zum Einsatz. Doch bald entwickelt sich die Inszenierung der Scheiterhaufenszene zum Alptraum: Alle Beteiligten wollen anfangen, aber niemand ist fertig. Gainsbourg wird von einem Möchtegern-Filmemacher und einem schmierigen Journalisten verfolgt; sie sorgt sich überdies um ihre kleine Tochter zu Hause.

 

Die Produzenten haben Angst um ihr Geld und wollen Dalle als Regisseurin absägen. Die Kostümleute machen ihr Ding, halbnackte Models kreischen überdreht. Dalle und ihr Kameramann schreien sich an. Kurz gesagt: Dieses komplette Klischee von einem Filmdreh lässt nichts aus. Unter den Bedingungen, die Noé uns in seinem Mockumentary präsentiert, könnte man allerdings nicht einmal eine trashige Fernsehshow produzieren.

 

Visionen von Exzessen

 

Doch der franko-argentinische Filmemacher interessiert sich ohnehin weniger für die Plausibilität des Plots als für Eskalationen. Seine oft als skandalös vermarkteten Filme bestechen einerseits durch waghalsige, exzellent umgesetzte Optik. Zugleich irritieren sie durch ihre Exzesse: sei es die ausgewalzte und dadurch unerträgliche Vergewaltigungsszene in „Irreversibel“ (2002) oder die explizite XXX-Perspektive im Arthouse-Porno „Love“ (2015). Verglichen mit Noés anderen Werken ist „Lux Æterna“ harmlos – aber trotzdem ärgerlich.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Climax“ – rauschhaftes Sex- und Gewalt-Spektakel von Gaspar Noé

 

und hier eine Besprechung des Films „Love (3D)“ – freizügiges Amour-Fou-Drama von Gaspar Noé

 

und hier einen Beitrag über den Films „Suspiria“ – originelle Neuinterpretation des Hexen-Horrorklassikers von Dario Argento durch Luca Guadagnino mit Tilda Swinton

 

und hier einen Bericht über den Kompilations-Film„7 Tage in Havanna“ – abwechslungsreiches Porträt der Hauptstadt Kubas von sieben Regisseuren, darunter ein Beitrag von Gaspar Noé.

 

Man fragt sich bald, was dieser hysterische Dilettantenstadl eigentlich soll. Ist er ein Kommentar zum Filmemachen, der prätentiöser kaum sein könnte? Geht es um den ewigen Konflikt zwischen Kunst und Kommerz? Das suggerieren zumindest die eingeblendeten Zitate.

 

Marketing-Machwerk

 

Oder sollen die Machtmechanismen der Filmbranche persifliert werden? Angesichts krasser Schieflagen zwischen weiblichen und männlichen Regisseuren – Frauen führen viel seltener Regie als Männer, ihre Werke sind schwerer zu finanzieren und spielen in der Regel weniger ein – wirkt es umso befremdlicher, wenn ein Mann eine Regisseurin als unerträgliche, inkompetente Zicke karikiert.

 

Bei der Recherche stellt sich heraus: Der Film entstand als Auftragswerk für das Modelabel Yves Saint Laurent. Mit dem Segen von dessen Kreativdirektor Anthony Vaccarello improvisierte Noé eine Story um die „Label-Gesichter“ Gainsbourg und Dalle. Also ein Fall von „branded content“: Dabei wird ein Produkt in eine Inszenierung eingebunden, um es der Zielgruppe nahezubringen. Dass dieser Film vor allem ein Marketing-Vehikel ist, erwähnt der deutsche Verleih mit keinem Wort.

 

Parodie und Folter

 

Zumindest wird dadurch erklärlich, warum sich Gainsbourg und zwei Models in der Schlusseinstellung mit edlen Klamotten und Sonnenbrillen auf den Näschen an den Marterpfählen eines Scheiterhaufens räkeln. In der Parodie einer Kreuzigungsszene: Das ewige Licht Gottes, auf das der Filmtitel anspielt, mutiert zu stroboskopartigen Lichteffekten. Während dieser minutenlangen Folter für die Augen hallt im Kopf die Frage nach: Ist das Kunst oder kann das weg?

 

(VoD-Start: 29.4.21, DVD-Start: 14.5.21)