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Billie Holiday (Andra Day) bei einem Auftritt zusammen mit Louis Armstrong (Kevin Hanchard).Foto: ©2020 Paramount Pictures Corporation. All rights reserved (Takashi Seida)

The United States vs. Billie Holiday


(VoD-Start: 23.4.21) Verfolgt, verraten und verkauft: Regisseur Lee Daniels schildert die letzten Jahre der Sängerin Billie Holiday als tragischen Konflikt der schwarzen Ikone mit den US-Behörden – Andra Day brilliert als Königin der Jazz-Bühnen.


Der Liftboy im Hotel lässt sie nicht in den Aufzug. Der Ehemann verbietet ihr, ihr wichtigstes Lied zu singen. Und der Undercover-Agent, vorgeblich ihr größter Fan, bringt sie hinter Gitter, als sie dieses Lied trotzdem singt – eines haben diese drei Männer gemeinsam: Sie sind Afroamerikaner. Und sie betreiben in „The United States vs. Billie Holiday“ die perfide Demontage einer der größten Jazzsängerinnen aller Zeiten.

 

Info

 

The United States vs. Billie Holiday

 

Regie: Lee Daniels,

130 Min., USA 2020;

mit: Andra Day, Trevante Rhodes, Garrett Hedlund 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Billie Holidays Biografie war schon zu Lebzeiten Stoff für Legenden. Die handelten nicht nur von ihrem traumwandlerischen Gespür für Phrasierung, Harmonie und Rhythmus, sondern oft auch von Glamour und Gefängnis, prügelnden Ehemännern, Affären, Alkoholexzessen und dem ewigen Kampf gegen das Heroin.

 

Galionsfigur der Bürgerrechtler

 

Mehr als zwei Stunden lang beschäftigt sich Regisseur Lee Daniels mit den Facetten einer der bedeutendsten afroamerikanischen Künstlerinnen (gespielt von Andra Day) – ein klarer Fokus wird aber in seinem Biopic nicht sichtbar. Fest steht: Er konzentriert sich auf die Jahre von 1947 bis 1959, als Billie Holiday im Alter von nur 44 Jahren starb. Und er betont die politische Dimension ihres Werkes. In der Nachkriegszeit geriet die Sängerin als eine Galionsfigur der aufkeimenden Bürgerrechtsbewegung ins Visier der US-Behörden.

Offizieller Filmtrailer


 

Seltsame Früchte in Südstaaten

 

„Strange Fruit“ von 1939, Holidays erschütternder Song nach einem Gedicht von Abel Meeropol über rassistische Morde in den Südstaaten, spielt dabei eine Hauptrolle. „Black bodies swinging in the southern breeze“, heißt es in der ersten Strophe, „strange fruit hanging from the poplar trees.“ Immer wieder spielt Daniels Regie auf „Strange Fruit“ an – lässt den Song aber erst sehr spät erklingen. Damit fungiert diese Anklage von Rassismus und Lynchmorden als große Leerstelle, um die alles andere in teils etwas erratischen Strudelbewegungen kreist.

 

Allerdings nicht ohne Grund: Durch die starke Betonung dieses Jahrhundertsongs bekommt der Film einen markant und polemisch zugespitzten Subtext. Der lautet nicht einfach nur: Dies ist die Geschichte eines Songs, so wahrhaftig, dass man ihn verbieten wollte. Sondern: Dies ist die Geschichte eines Songs, dessen Sängerin selbst zum Opfer eines in aller Öffentlichkeit zelebrierten Lynchmordes wurde.

 

Opfer im Krieg gegen Drogen

 

Regisseur Lee Daniels suggeriert, dass Holiday trotz ihres selbstzerstörerischen Lebenswandels im Grunde keine Wahl hatte und bis an ihr Sterbebett von staatlicher Repression verfolgt wurde. Die Botschaft steckt schon im Titel: „The United States vs. Billie Holiday“ bezieht sich auf ein Ermittlungsverfahren wegen Drogenbesitzes 1947, an dessen Ende Holiday verurteilt wurde und für ein Jahr ins Gefängnis musste.

 

Daniels macht deutlich, dass die Kriminalisierung von Drogenkonsum auf rassistischen Mustern beruht; dabei folgt er der These des Buches von Johann Hari, auf dem sein Film basiert. Allerdings ist Billie Holidays Schicksal dort kein zentrales Thema, nicht einmal im Untertitel wird sie erwähnt: „Chasing the Scream. The First and Last Days of the War on Drugs“.

 

Heroin vom Ehemann

 

Eine größere Rolle in Haris Buch spielt Harry Anslinger, der mehr als drei Jahrzehnte lang Leiter des „Federal Bureau of Narcotics“ war und damit der oberste Kämpfer im war on drugs. Das Bemerkenswerte an Daniels‘ Adaption ist nun, dass „The United States“ in diesem ungleichen Kampf fast ausschließlich in der Person Anslingers (Garrett Hedlund) erscheinen. Daneben gibt es ein, zwei stumme Staatsdiener und eine Handvoll namenloser Entscheider im Hintergrund. Den Rest der schmutzigen Arbeit erledigt das perfide Geflecht jahrhundertealter rassistischer Strukturen.

 

Lee Daniels macht wie nebenbei deren Mechanismen sichtbar: Da ist der schwarze Liftboy, der seinen Job riskiert, wenn er eine schwarze Lady in seinen Aufzug lässt. Da ist der verdeckte Ermittler Jimmy Fletcher (Trevante Rhodes), der Gerechtigkeit für die schwarze community will und dabei seine Karriere ausgerechnet auf Kosten der bekanntesten schwarzen Musikerin startet. Und da ist Holidays Ehemann, der vom FBI korrumpiert wird und seine Frau mit Heroin versorgt, um sie dann den Behörden auszuliefern. Daniels zeigt das Netzwerk der Ausbeutung, in dem Billie Holiday gefangen ist.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Judy“ – eindrückliches Biopic über Judy Garland von Rupert Goold

 

und hier eine Besprechung des Films „Miles Davis – Birth of the Cool“ – hervorragende Doku über die Jazz-Legende von Stanley Nelson

 

und hier einen Bericht über den Film „Born to be Blue“ – eindrucksvolles Biopic über den legendären Jazz-Trompeter Chet Baker von Robert Budreau mit Ethan Hawke

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der Butler“  – Biopic über schwarzen Diener im Weißen Haus von Lee Daniels mit Forest Whitaker.

 

Der Film hat seine Stärken – weniger als period piece oder Charakterstudie. Stattdessen ist „The United States vs. Billie Holiday“ vor allem ein Musikfilm. Andra Day, bisher vor allem als Sängerin bekannt und hier in ihrer ersten großen Filmrolle zu sehen, beeindruckt mit ihrer Interpretation der Jazz-Klassiker in allen Schattierungen und zarten Zwischentönen. Für ihren kraftvollen Auftritt gab es Nominierungen für den Oscar und den Golden Globe für die beste weibliche Hauptrolle.

 

Am besten als Musikfilm

 

Tatsächlich hält Andra Days Performance zusammen, was durch Schwächen im Drehbuch oft genug auseinanderfallen würde. Der Film wirkt an manchen Stellen ungelenk und plump, an anderen überfrachtet, manchmal ziellos. So scheint Daniels einmal das Ganze in ein Gerichtsdrama verwandeln zu wollen, ein anderes Mal versucht er sich an Comedy-Elementen – und findet nie zu einem nachvollziehbaren Rhythmus.

 

Aber gut wird es immer dann, wenn der Film der Musik und Days Gesang großzügig Raum gibt und dabei den biografischen und historischen Hintergrund so anschaulich macht, dass Holidays Lieder in neuem Licht erscheinen. Selbst ein humorvoller, erotisch aufgeladener Song wie „All Of Me“ wird so zum Dokument einer Leichenfledderei bei lebendigem Leibe: „Take my lips, I want to lose them / Take my arms, I’ll never use them.“ Nehmt mich aus, zerlegt mich, zerpflückt mich!

 

(VoD-Start: 23.4.21)



Von Arno Raffeiner, veröffentlicht am 12.05.2021





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