Amy Adams + Gary Oldman

The Woman in the Window

Anna Fox (Amy Adams) und Jane (Julianne Moore). Foto: Netflix

(Netflix-Start: 14.5.21) Klotzen statt kleckern: Regisseur Joe Wright scheitert mit seiner überfrachteten Literaturverfilmung um eine labile Frau, die glaubt, einen Mord beobachtet zu haben. Sein unausgegorener Genremix hat allerdings optisch viel zu bieten.

Joe Wright ist bekannt für sein goldenes Händchen bei der Adaption literarischer Stoffe. „Stolz und Vorurteil“ (2005) von Jane Austen, „Abbitte“ (2007) von Ian McEwan oder auch „Anna Karenina“ (2012) von Lew Tolstoi – Wright verwandelte all diese Vorlagen in preisgekrönte Filmkunstwerke. Es war fast überfällig, dass der britische Regisseur auch mal daneben greift.

 

Info

 

The Woman in the Window

 

Regie: Joe Wright,

101 Min., USA 2020;

mit: Amy Adams, Julianne Moore, Gary Oldman

 

Weitere Informationen zum Film

 

„The Woman in the Window“ ist nicht etwa ein Remake des gleichnamigen Film Noir von 1944, bei dem Fritz Lang Regie führte; auf Deutsch heißt er „Gefährliche Begegnung“. Vielmehr beruht Wrights Adaption auf A. J. Finns gleichnamigen Debütroman von 2018. Der Instant-Bestseller zog diverse Plagiatsvorwürfe nach sich. Zudem gab es einen Lügenskandal um den Autor; er hatte private Schicksalsschläge frei erfunden.

 

Missglückte Hommage

 

Trotzdem wurde der Roman in rund vierzig Sprachen übersetzt. Die Filmrechte waren schon vor seinem Erscheinen verkauft. Wrights Verfilmung erweist sich als Mischung aus Psycho-Thriller, verunglücktem Krimi und Spuk-Horror – und ist zudem ein Kammerspiel. Wegen der Agoraphobie der Hauptfigur spielt die Handlung fast ausschließlich in Innenräumen. Darüber hinaus ist das Ganze als eine zweifelhafte Hommage an Alfred Hitchcocks „Fenster zum Hof“ (1954) in Szene gesetzt.

Offizieller Filmtrailer


 

Betablocker + Wein

 

Anna Fox (Amy Adams) ist Kinderpsychologin und Mutter. Von ihrer Familie lebt sie getrennt, allein mit einer schneeweißen Langhaarkatze. Ein Gefühl klaustrophobischer Beklemmung will in ihrem New Yorker Apartment nicht recht aufkommen, schließlich erstreckt sich die Wohnung in bester Lage über drei Etagen. Liebhaber von Stilmöbeln werden aber ihre Freude haben.

 

Da Anna in Gegenwart anderer Menschen Panikattacken erleidet, hat sie ihr Luxusdomizil seit zehn Monaten nicht verlassen. Ihre Betablocker spült sie mit Rotwein runter; die meiste Zeit befindet sie sich in einem Zustand jenseits der Zurechnungsfähigkeit. Arbeiten muss sie ohnehin nicht. Ihren Alltag verbringt sie am Telefon mit Tochter und Exmann sowie mit der Beobachtung der Nachbarn in den Häusern ringsum.

 

Spannendes Auf-der-Stelle-treten

 

Gegenüber ist eine Familie aus Boston eingezogen, die Russells: Frau, Mann und ein labiler Teenager-Sohn. Anna macht zaghaft Bekanntschaft mit der Familie, muss aber schon nach wenigen Tagen von ihrem Fenster aus beobachten, wie Frau Russell erstochen wird – was die Polizei in Ermangelung einer Leiche und in Anbetracht von Annas Psychopharmaka-Missbrauch aber nicht glauben mag.

 

Ein halbes Stündchen lang gelingt es „The Woman in the Window“, sein Publikum durch das Rätsel um die Hauptfigur zu fesseln. Was ist los mit Anna? Was ist passiert? Ihre Agoraphobie und die Hintergründe dieser Platzangst offenbaren sich erst nach und nach. Diese Spannung wird aber nur gehalten, solange der Film auf der Stelle tritt.

 

Gut besetzt, schlecht erzählt

 

Das retardierende Moment verliert genau da seinen Reiz, wo die Handlung eben doch vorangetrieben wird. Das Drehbuch von Tracy Letts (in einer Nebenrolle als Annas Therapeut zu sehen) versucht, dieses Dilemma aufzulösen, indem es sich in Klischees und Absurditäten flüchtet. Der Krimiplot, auf den alles zusteuert, ist eher bekloppt. Der B-Movie-Charme des Finales beißt sich mit den offensichtlichen Ambitionen des Films – und seinem Staraufgebot.

 

Amy Adams hat bereits man in ähnlichen, offensiv kaputten Rollen gesehen, etwa als Kriminalreporterin in der Mini-Serie „Sharp Objects“ (2018); die handelt von einem Mordmysterium in einer Kleinstadt. Sie macht ihren Job zuverlässig gut: „a drunken shut-in pill-popping cat-lady“. Eine Pillen schluckende Trinkerin, deren bester Freund ihre Katze ist – so die Charakterisierung ihres Kollegen Gary Oldman. Der trägt als verkrusteter Alistair Russell allerdings etwas zu dick auf. Julianne Moore hat dagegen einen großen, exaltierten Auftritt als vermeintliche Jane Russell, bekommt aber schon kurz danach ein Messer in den Bauch gerammt.

 

Optisch überfrachtet

 

Was man dem Film zugestehen kann, ist sein Stilbewusstsein. „Ich klotze eben gern“, hat Regisseur Wright mal über seine Handschrift gesagt. Und das tut er. Vor allem die Kamera darf zeigen, was sie drauf hat, und würfelt eine Menge verschiedener Perspektiven durcheinander. Gekippte Ansichten, die sich langsam in die Horizontale drehen; schaukelnde Einstellungen; Blickachsen von unten nach oben, dann wieder von oben nach unten. Videogegensprechanlage, Smartphone-Display und Flachbildschirmfernseher – alles dabei.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die dunkelste Stunde“packendes Biopic über Winston Churchill mit Gary Oldman von Joe Wright

 

und hier einen Beitrag über den Film „Nocturnal Animals“perfekt inszenierter Psychothriller von Tom Ford mit Amy Adams 

 

und hier eine Besprechung des Films „Anna Karenina“bildgewaltige Literaturverfilmung mit Keira Knightley von Joe Wright.

 

Das Licht-und-Schatten-Spiel und eine Palette satter Farben sind perfekt darauf abgestimmt. Optisch hat „The Woman in the Window“ einiges zu bieten. Nur wird nicht ganz klar, wie das Kaleidoskop visueller Einfälle mit der im Titel angedeuteten, minimalistischen Perspektive des Films korrespondieren soll. Eine künstlerische Vision bleibt hinter all dem Aufwand eher opak. Wie viel von der Gesamtmisere letztlich Joe Wright anzulasten ist und wie viel der turbulenten Produktionsgeschichte des Films, bleibt ebenfalls undurchsichtig.

 

Flickschusterei am fertigen Film

 

Ursprünglich plante 21st Century Fox einen Kinostart bereits im Herbst 2019. Nach der Übernahme von Fox durch Walt Disney ließen die neuen Bosse das fertige Werk aber umschreiben und -schneiden. Den neuen Starttermin im Frühling 2020 vereitelte die Corona-Pandemie. So erscheint der allerletzte Film unter dem Label Fox 2000 Pictures jetzt via Netflix auf dem privaten Kleinbildschirm. Schade um die Breitwandbilder luxuriöser Wohnlandschaften. Aber zugleich nicht unpassend für eine Geschichte über Agoraphobie.

 

(seit 14.5.21 bei Netflix)