Iliza Shlesinger

Good on Paper

Andrea (Iliza Shlesinger), Margot (Margaret Cho) und Dennis Kelly (Ryan Hansen). Foto: © Netflix 2020, Alex Lombardi

(Netflix-Start: 24.6.21) Wenn die Papierform stimmt: Als vermeintlicher Yale-Absolvent, der zuhören kann, gewinnt Dennis das Herz von Andrea. Die Sittenkomödie von Stand-Up-Star Iliza Shlesinger verwandelt nicht nur Pointen, sondern pflegt auch melancholischeren Humor.

Die Bühnen der Stand-up Comedy-Clubs sind seit langem ein Inkubator fürs Hollywood-Kino. Oder sie dienen so lange als Aufwärm-Arena, bis es mit der eigenen Filmkarriere doch noch klappt. Ein bisschen so mag es bei Iliza Shlesinger auch gelaufen sein. Allerdings kann sich die New Yorkerin nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen.

 

Info

 

Good on Paper

 

Regie: Kimmy Gatewood,

92 Min., USA 2021;

mit: Iliza Shlesinger, Margaret Cho, Ryan Hansen

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sie gilt als Stand-up-Senkrechtstarterin und komischste Witzeerzählerin der letzten Jahre. Smart, schnell und gerne im Recht („#Imnotwrong“), trägt sie mühelos ein einstündiges Bühnenprogramm, in dem sie Feminismus und Selbsterlebtes zu einem langen vergnüglichen Band spinnt, ohne übertrieben oft anzuecken. Zu ihren weiteren Stärken zählen athletisch-tänzerischer Körpereinsatz mit Gefühl für die große Geste, wohldosierte Stimmakrobatik und gewinnender, selbstreflektiert größenwahnsinniger Charme. Wer möchte nicht auf ihrer Seite sein?

 

Rundum Shlesingers Film

 

Die Netflix-Produktion „Good on Paper“ ist weder ihr Debüt als Filmschauspielerin noch als Drehbuchautorin, doch sie fungiert als ausführende Produzentin und Hauptdarstellerin in einer selbst verfassten Geschichte, die auf Selbsterlebtem basiert. Obwohl sie die Regie ihrer Kollegin Kimmy Gatewood anvertraut hat, ist dies ohne Zweifel Shlesingers Film.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Kennenlernen im Flugzeug

 

Wohl um den Bogen nicht überspannen, stellt sie das dar, was sie selbst am besten kann: eine Komödiantin namens Andrea Singer, die auf dem Sprung von der Clubbühne ins TV-Geschäft ist. Wie Komödiant Jerry Seinfeld in seiner stilbildenden TV-Serie durchsticht sie den Fluss der Story wiederholt mit Szenen aus einem (imaginären) Bühnenprogramm. Das wäre zwar nicht unbedingt nötig gewesen, gibt aber allen, die ihre Netflix-Specials nicht kennen, einen Überblick über ihre Bühnenqualitäten.

 

Diese in ein flottes Script zu übertragen ist ihr offenbar nicht sonderlich schwergefallen. Die Geschichte beginnt mit einem klassischen Casting-Debakel und einer typischen Begegnung im Flugzeug: Dennis (Ryan Hansen) ist charmant, weltgewandt und offenbar betucht. Dass er eine Model-Freundin namens Cassandra hat, hält ihn nicht davon ab, sich fortan immer wieder mit Andrea zu verabreden, die nun Zweifel an ihrem Singledasein beschleichen.

 

Wo bleibt die krebskranke Mutter?

 

So gewinnt Dennis mit seinen soft skills ihr Herz. Er ist ein guter Zuhörer, sensibel, zeigt auch mal Schwäche – ist das nicht wichtiger als definierte Bauchmuskeln? Aus einer platonischen Freundschaft wird nach seinem ausdauernden Werben und ein paar magic mushrooms eine Beziehung. Doch allmählich schleichen sich Ungereimtheiten ein, und langsam dämmert es Andrea, dass mit Dennis etwas nicht stimmt. War er wirklich in Yale? Wann zieht er endlich in das Haus ein, dass er gekauft hat? Und warum stellt er Andrea nie seine krebskranke Mutter vor?

 

Der detektivische Teil der Handlung ist der lustigste, zumal Andrea dabei mit einem Team arbeiten kann: ihrer besten Freundin, der Barkeeperin Margot (Margaret Cho) sowie ihrer besten Feindin. Serrena (Rebecca Rittenhouse) ist einst gleichzeitig mit Andrea in L.A. angekommen und verkörpert alles, was sie sich selbst wünscht: vor allem Jugend und eine steile Filmkarriere.

 

Wie konnte mir das passieren?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Bliss“ – verwirrendes Spiel mit Realität und Simulation von Mike Cahill mit Salma Hayek

 

und hier eine Besprechung des Films „Norman“ – feinsinnige Hochstapler-Sittenkomödie von Joseph Cedar mit Richard Gere

 

und hier einen Bericht über den Film „Der Dieb der Worte“Hochstapler-Thriller im Literaturbetrieb von Brian Klugman + Lee Sternthal.

 

Während Andrea feststellt, dass dieser Neid auf Gegenseitigkeit beruht, muss sie sich ihren eigenen Schwächen stellen, denn die sind der Schlüssel zur zentralen Frage: Wie konnte sie ihre eigene Intuition und Margots Rat ignorieren – und auf so einen Hochstapler-Typen reinfallen? Leider erholt sich der Film nicht so recht von diesem Wendepunkt, müht sich noch durch einen Verleumdungsprozess und kommt zu einem halbwegs befriedigenden Ende. Zuvor hat er noch ein paar Pointen verwandelt.

 

„Good on Paper“ funktioniert nicht nur auf dem Papier. Das befreiende Auflachen von Iliza Schlesingers Stand-up-Programmen wird nur am Rande provoziert. An dessen Stelle tritt in Spielfilmlänge ein etwas melancholischerer Humor; durchaus folgerichtig, sobald aus den Stereotypen echte Charaktere werden.

 

Hotte und Leo stapeln höher

 

Dabei beweist Shlesinger, dass sie mit dem richtigen Team einen Film tragen kann. Der Dennis an ihrer Seite schlägt sich in seiner einschmeichelnden Glitschigkeit recht gut durch den Film, kann es aber mit den großen Hochstaplern der Filmgeschichte, von Horst Buchholz („Felix Krull“, 1957) bis Leo DiCaprio („Catch Me If You Can“, 2002), weder vom Format noch von der Fallhöhe her aufnehmen.

 

(seit 24.6. bei Netflix)