Alexandre Aja

Oxygen

Elisabeth Hansen (Mélanie Laurent) ist in ihrer Kapsel gefangen. Foto: Netflix 2021

(Netflix-Start: 12.6.21) Klaustrophobie in der Kryonik-Kapsel: Im zitatreichen Thriller von Regisseur Alexandre Aja ringt die Heldin auf engstem Raum mit dem Tod – bis zu einem Happy End, das frösteln lässt und der Menschheit Totalversagen attestiert.

Der Tod durch Ersticken ist in Corona-Zeiten zum kollektiven Alptraum geworden – und wie schon Atomkrieg, Meteoriteneinschläge und Totalitarismus lässt er sich trefflich als Filmfantasie ausschlachten. Der Horrorfilm-erprobte Regisseur Alexandre Aja lässt nun 100 Minuten lang seine Protagonistin Elizabeth Hansen (Mélanie Laurent), in eine Kapsel gezwängt, gegen diese grausame Todesart ankämpfen.

 

Info

 

Oxygen

 

Regie: Alexandre Aja,

101 Min., Frankreich/USA 2021;

mit: Mélanie Laurent, Mathieu Amalric, Malik Zidi

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sie kommt zu Beginn des Films in einer Art High-Tech-Schlafsarg zu sich; nur um zu erfahren, dass in ihrem engen Quartier der Sauerstoff zur Neige geht und ihr Ableben eine Sache von anderthalb Stunden ist. Ein Interface namens MILO – dessen servile Stimme nicht zufällig an den renitenten Computer HAL aus Stanley Kubricks „2001“ erinnert – bietet ihr gegen den Schock Sedative und gegen die zu erwartenden Qualen des Sterbens eine sanfte Todesspritze an. Auch Infos aus dem Internet und sogar Telefongespräche nach draußen kann MILO vermitteln – aber keinen Sauerstoff.

 

Gutgemeinte Mordversuche

 

Dies ist nur einer der zahlreichen Risse im Plot, der gelegentlich ziemlich verbogen sein muss, um solcherlei Unzulänglichkeiten zu kaschieren. Auch die in ihrer Kapsel gefangene Heldin des Films muss sich ständig verbiegen: nicht nur, um gutgemeinten intravenösen Mordversuchen ihres automatisierten Domizils zu entgehen, sondern vor allem um herauszufinden, wo sie ist – und wie sie hier herauskommen könnte.

Offizieller Filmtrailer


 

Das ist ziemlich viel auf einmal, zumal die arme Frau keine zusammenhängende Erinnerung an ihr Vorleben hat. So muss der Zuschauer, der auch nicht mehr Informationen zur Verfügung hat, an dem Rätselspiel teilnehmen. Es stellt sich heraus, dass die Eingeschlossene eine Fachfrau für Kryonik-Technologie war, also der Konservierung von Organismen durch Kälte – sie war also offenbar am Bau ihres Gefängnisses selbst beteiligt. Aber warum?

 

Rätsel in der Kapsel

 

Diese Rätsel tragen den Film über eine bemerkenswert lange Strecke, können aber kaum verschleiern, dass auch dieser von Netflix produzierte Genremix aus Horror, Sci-Fi und Whodunnit eine mäßig originelle Variation leidlich bekannter Kino-Erfolgsmuster darstellt. Wie in Alfonso Cuaróns schwerelosem Meisterwerk „Gravity“ (2013) zwingt uns die unvorstellbare Einsamkeit der Heldin zur Identifikation mit ihr. Gleichzeitig spielt „Oxygen“ mit einem Fetisch des modernen Kinos: der Beschränkung auf einen möglichst engen Handlungsraum. Alfred Hitchcock begann 1954 das Spiel mit „Bei Anruf Mord“ im Salon des Opfers. Joel Schumacher setzte 2002 einen drauf: Colin Farrell musste in „Nicht Auflegen!“ 78 Minuten lang in einer Telefonzelle an der Strippe hängen. Ununterbrochen mit der Freisprechanlage verbunden ist auch Tom Hardy in „No Turning Back (Locke)“ (2013): Regisseur Steve Knight zeigt ihn ausschließlich am Steuer seines Wagens.

 

Hintergrund

 

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und hier eine Besprechung des Films „Passengers“SciFi-Robinsonade mit Jennifer Lawrence und Chris Pratt von Morten Tyldum

 

 und hier einen Bericht über den Film „No Turning Back (Locke)“ – spannendes One-Man-Roadmovie am Steuer mit Tom Hardy von Steven Knight

 

Darf’s noch ein bisschen enger sein? Mélanie Laurent hat den gesamten Film über nicht viel mehr Raum als Uma Thurman in ihrem Sarg in „Kill Bill!“ (2003/4) von Quentin Tarantino, nur etwas mehr Komfort. Ihre Lage ändert sich auch nicht, als die Kamera aus der Enge der Kryo-Kapsel herauszoomt und den Blick auf das große Ganze erweitert – ein Moment wie nach dem Verzehr der berühmten „roten Pille“ aus der stilprägenden SciFi-Saga „Matrix“. Kenner des Genres werden sich an Filme wie „High Life“ von Claire Denis (2018) und „Passengers“ von Morten Tyldum (2016) erinnert fühlen – aber die Konsequenzen der Geschichten sind grundverschieden: Der Aufstand von Menschen gegen die Herrschaft der Maschinen ist in „Oxygen“ nicht mehr möglich.

 

Nichts geht mehr

 

Ein Großteil der westlichen Science-Fiction zieht seine Kraft aus dem Unbehagen vor der beschleunigten Technisierung: Was tun, wenn etwas falsch läuft? In „Oxygen“ geht sehr viel daneben – es ist schwer zu entschlüsseln, wo Alexandre Aja seine Prioritäten setzt. Lebenserhaltende Systeme versagen, Notfallprotokolle greifen nicht, das Gedächtnis trügt, ebenso die Kommunikation, die Weltgesundheit ist ruiniert. Am Ende vertraut sich Elizabeth tatsächlich der von Beginn anfälligen Kryo-Technik und der Künstlichen Intelligenz (K.I.) von MILO an, um die Handlung noch zu einem zweifelhaften Happy-End zu bugsieren.

 

Der Menschheit attestiert diese Story nichts als Totalversagen. Das wird auch nicht mehr mit dem Heilsversprechen der zuletzt überlebenden Kernfamilie aufgefangen, sondern nur noch von einer posthumanen Utopie – hier emanzipiert sich Aja vom ausgiebig zitierten Hollywoodkino. Und das ist wiederum mindestens ebenso kaltschnäuzig wie die Idee, die kollektive Angst vor der Asphyxiation kulturindustriell auszubeuten. Verbirgt sich hinter dem Namen der Drehbuchautorin Christie LeBlanc womöglich eine von Netflix entwickelte K.I.? Das würde allerhand erklären.

 

(Netflix-Start: 12.5.21)