Emma Seligman

Shiva Baby

Danielle (Rachel Sennott) hat sich ans Büfett geflüchtet. Foto: Mubi

(MUBI-Start: 11.6.21) Sugardaddy trifft Mischpoke: Der kanadischen Regisseurin Emma Seligman gelingt eine so atemlose wie witzige Screwball-Komödie über Trauer und Sex – die zudem tief in das chaotische Gefühlsleben einer jungen Frau blicken lässt.

„Trifft ein Mädchen auf einer Schiv’a seinen Sugardaddy …“: Die Handlung von Emma Seligmans Spielfilmdebüt lässt sich erzählen wie ein Kneipenwitz. Die Schlüpfrigkeit, die darin steckt, kontrastiert die Filmemacherin allerdings mit den existenziellen Nöten einer Heranwachsenden – eine nachhaltig beeindruckende Mixtur.

 

Info

 

Shiva Baby

 

Regie: Emma Seligman,

77 Min., USA/ Kanada 2021;

mit: Rachel Sennott, Molly Gordon, Polly Draper

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sugardaddys sind meist ältere Männer, die mit jungen Frauen sexuelle Beziehungen auf der Basis finanzieller Zuwendungen pflegen. Die sogenannten Sugarbabes, oft Studentinnen, treten mit ihnen häufig über Online-Portale in Kontakt. Angelegt sind die Beziehungen in der Regel auf längere Zeit. „Im Gegensatz zu einem Freier, der eine kurzfristige, rein sexuelle Beziehung gegen Bezahlung eingeht, sieht sich ein Sugardaddy […] oft als ‚Mäzen‘, ‚Sponsor‘ oder ‚Förderer'“, erfährt man bei Wikipedia.

 

Einwöchige Trauerzeit nach Begräbnis

 

Auch Danielles Sugardaddy Max (Danny Deferrari) sagt von sich, dass er gerne junge Unternehmerinnen unterstützt. Die titelgebende Schiv’a ist in jüdischer Tradition die einwöchige Trauerzeit, die mit dem Begräbnis eines nahen Angehörigen oder Freundes beginnt. „Shiva Baby“ schlägt seine Funken aus der Reibung zwischen den beiden Polen: Trauer und Familie auf der einen Seite, sexuelle Macht und Ohnmacht auf der anderen. Letzteres gilt es natürlich geheim zu halten.

Offizieller Filmtrailer


 

In den Fängen der Familie

 

Lediglich die Eingangsszene spielt in der Wohnung des Sugardaddys; abgesehen davon genügt Regisseurin Seligman das Haus der Trauerfeier als Drehort. Hier zündet sie ein wahres Feuerwerk an Höhe- und Tiefpunkten. Durch immer neue Peinlichkeiten eskaliert die Lage stets weiter. Die Gefühle der Protagonistin Danielle (Rachel Sennott) changieren zwischen der Lust, sich auszuprobieren, auch in erotischer Hinsicht, und der Erfahrung, ausgeliefert und abhängig zu sein – von Geld, den Eltern und der Tradition.

 

Aus Danielles Versuchen, dieses Chaos zu beherrschen, ergeben sich brisante Situationen. Das Ergebnis ist eine Screwball-Komödie mit atemberaubender Dramaturgie. Wie in einer Geisterbahn schlängelt sich die Kamera, an Danielle geheftet, durch dicht gedrängt stehende Menschen; deren Gesichter kommen ihr immer wieder viel zu nah. Bei dieser großfamiliären Zusammenkunft stürzt einiges auf sie ein. Lange Zeit weiß sie nicht einmal, wer eigentlich gestorben ist.

 

Ungeklärtes zerrt an Nerven

 

Großaufnahmen von Häppchen verschlingenden Mündern, neugierige Augen und übergriffige Anteilnahme lassen ihr keinen Raum. Unmöglich, weiterhin all die Facetten ihres Lebens auseinander zu halten, die sie bisher fein säuberlich getrennt hat. Vor den Fragen, was sie studiert, was sie einmal machen will und ob sie einen festen Freund hat, gibt es kein Entrinnen – zumal in deren Subtext Anklagen und Zurechtweisungen mitschwingen.

 

Neben dem Stimmengewirr scheint auch der dramatisch dissonante Streicher-Soundtrack mit Danielles Nerven direkt verschaltet. Und die liegen blank – nicht nur wegen der vielen offenen Fragen, die sich aus ihrer Lebenssituation ergeben. Mit Maya (Molly Gordon) taucht zu ihrer Überraschung eine Freundin auf, mit der sie vor kurzem ein sexuelles Verhältnis hatte. Dass dessen Bedeutung nie geklärt worden ist, steht nun im Raum und erfordert manche Verrenkung. Darüber hinaus scheint Maya all das mit Bravour zu bewältigen, was Danielle nicht gelingen will.

 

Emotionales Wechselbad

 

Dann taucht zu allem Überfluss auch noch Max auf. Wie sich schnell herausstellt, ist er gut mit Danielles Eltern und der gesamten Mischpoke bekannt. Allerdings kommt er nicht allein, sondern mit seiner jungen, so gutaussehenden wie erfolgreichen Frau und ihrem acht Monate alten Kind – was bei Danielle Eifersucht, Zukunftsangst und Aktionismus auslöst. Immer wieder fehlen die Worte; Smart-Phones werden verloren und wiedergefunden – und dann gibt es auch Tête-à-Têtes im Badezimmer.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Minjan“jüdisch-orthodoxes Coming-out-Drama von Eric Steel

 

und hier einen Beitrag über den Fil  „Fill the Void – An ihrer Stelle“ – über die Rolle der Frau bei orthodoxen Juden in Israel von Rama Burshtein

 

und hier eine Besprechung des Films „Menashe“ – Drama innerhalb ultraorthodoxer jüdischer Gemeinde in New York von Joshua Z. Weinstein

 

Alles steuert auf die scheinbar unausweichliche Katastrophe zu. Selten wurden die seelischen Nöte einer Heranwachsenden so eindringlich und nachvollziehbar dargestellt wie in dieser kurzen, intensiven Coming-Of-Age-Komödie. Im Gesicht der Hauptdarstellerin wechseln sich Nervosität und jugendliche Überheblichkeit, Triumph und Verzagtheit, Dominanz und Kontrollverlust innerhalb von Sekunden ab; Danielles Zerrissenheit überträgt sich aufs Publikum.

 

Genüsslich seziert

 

Man ist hin und her gerissen zwischen dem Impuls, laut loszulachen oder sich die Hand vor die Augen zu schlagen. In jedem Fall bleibt das Publikum emotional involviert. Wie bei einem guten Witz liegen den Pointen Mechanismen zugrunde, die psychologisch und sozial tief verankert sind. Emma Seligman holt sie in ihrem bemerkenswerten Debüt geschickt an die Oberfläche – um sie dann schön genüsslich zu sezieren.

 

(seit 11.6.21 bei MUBI)