Pedro Costa

Vitalina Varela

Manuel Tavares Almeida und Vitalina Varela. Foto: Grandfilm

(MUBI-Start: 5.6.21) Dunkle Andeutungen und ein Gesicht, das alles offenbart: Regisseur Pedro Costa begibt sich mit diesem halbdokumentarischen Film auf die Spuren einer Frau von den Kapverdischen Inseln, die ihrem toten Mann nach Lissabon gefolgt ist.

„Denn die einen sind im Dunkeln/ Und die andern sind im Licht / Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Diesen Zeilen von Bertolt Brecht aus der „Dreigroschenoper“ (1928) stellen sich die Filme des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa entgegen. Sie oszillieren zwischen Dokumentation und Fiktion, wobei sie diejenigen betrachten, die sich im gesellschaftlichen Abseits befinden. Costa widmet sich in vielen seiner Arbeiten den Marginalisierten, die in Fontaínhas wohnen, einem Elendsquartier von Lissabon.

 

Info

 

Vitalina Varela

 

Regie: Pedro Costa,

124 Min., Portugal 2019;

mit: Vitalina Varela, Ventura, Manuel Tavares Almeida, Francisco Brito

 

Weitere Informationen zum Film

 

Oft leben hier Einwanderer aus früheren portugiesischen Kolonien wie etwa den Kapverdischen Inseln. In der Regel arbeitet der Regisseur mit Laiendarstellern zusammen, zudem ohne ausformuliertes Drehbuch. Auch „Vitalina Varela“ liegt eine reale Geschichte zugrunde. Der Regisseur lernte die gleichnamige Protagonistin im Zuge der Dreharbeiten zu seinem Vorgängerfilm „Horse Money“ (2014) kennen – und gab ihr sogleich eine Nebenrolle.

 

Würde trotz Tragik

 

Ein Blick in ihr extrem ausdrucksstarkes Gesicht erklärt die Faszination des Regisseurs für diese Frau. Sie spricht fast ausschließlich mit ihren Augen, die viel gesehen haben von dieser Welt: vor allem Enttäuschungen und zerstobene Hoffnungen. Trotzdem liegt in ihnen Stärke, Würde und Schönheit. Vor einigen Jahren kam Vitalina von den Kapverden nach Portugal – auf der Suche nach ihrem Mann, den sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte. Wie viele seiner Landsleute war er Ende der 1970er Jahre nach Portugal gegangen, um Arbeit zu finden.

Offizieller Filmtrailer


 

Bilder wie altmeisterliche Gemälde

 

In all den Jahren kam er nur zwei Mal zurück auf den Inselstaat im Atlantik; seine Kinder zog Vitalina allein groß. Als sie es endlich nach Lissabon schafft – Costa filmt, wie ihre nackten Füße sich die Gangway heruntertasten – kommt sie zu spät: Ihr Mann ist drei Tage zuvor beerdigt worden. Nun sitzt seine Witwe allein und ratlos in einem abbruchreifen Haus; ein kleiner Hausaltar mit Fotos des Verstorbenen wird von flackernden Kerzen erhellt. Sonst gibt es dort nichts, das irgendeine Form von Zugehörigkeit ausdrücken würde.

 

Diese tragische Geschichte über ein verpasstes Leben erzählt Costa in langen, stilisierten Einstellungen; sie erinnern an altmeisterliche Gemälde. Keine Filmmusik mildert die Wucht dieser statisch wirkenden Bilder; sie handeln von allumfassender Fremdheit und fordern vom Zuschauer unbedingte Konzentration. Bis auf zwei oder drei Szenen ist der ganze Film in Dunkelheit getaucht. Meist ist nur ein Ausschnitt des Bildes beleuchtet.

 

Befremdlich faszinierendes Elend

 

Die Figuren verlieren sich in dieser ewigen Nacht – fast als wären sie Gespenster. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, doch bleiben die Beziehungen der Menschen untereinander rätselhaft und vage. Sie wirken so fragmentarisch wie der ganze Film. Geredet wird nicht viel; das Wenige, was man erfährt, bleibt angedeutet. Vitalina flüstert sich in Monologen ihren Schmerz von der Seele. Warum sie Jahrzehnte lang an diesem abwesenden Mann festgehalten hat, bleibt unklar; immerhin hat er sich ohne ein klärendes Wort aus ihrem Leben verabschiedet.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“ – raffinierte Klassiker-Hommage über Portugals Kolonialvergangenheit von Miguel Gomes, prämiert mit Silbernem Bären 2012

 

und hier einen Beitrag über den Film „Das Neue Evangelium“ – brillante Bibel-Adaption mit Immigranten in Süditalien von Milo Rau

 

und hier eine Besprechung des Films „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenoper“ – komplexes Making-of-Dokudrama von Joachim A. Lang mit Lars Eidinger + Tobias Moretti.

 

Auch bekäme man gern eine genauere Vorstellung von ihrem Alltag auf den Kapverden. Wie unerfüllt muss der gewesen sein, dass sie ihn für ein Leben in der Fremde eintauscht – in einer Ruine hausend, die ihr Mann zurückgelassen hat? Das Elendsviertel wirkt labyrinthartig. Die Häuser sind unfertige Provisorien, überall stechen gezackte Mauerreste empor. Für manch wohlstandsgewöhnte Mitteleuropäer geht eine eigentümliche Faszination von diesen rudimentären Behausungen aus.

 

Ablass für Kollektiv-Ignoranz

 

Der Regisseur erliegt ihr vielleicht zu sehr. Es hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl, wie unmittelbar „Vitalina Varela“ schreckliche Armut in Kunst verwandelt. Der Goldene Leopard von Locarno, mit dem der Film 2019 ausgezeichnet wurde, als Ablass für die kollektive Ignoranz, mit der Europäer diesen Menschen und ihrer Not gegenübertreten? Andererseits richtet der Film zumindest seinen Fokus auf ihre Lebenssituation am Rande der Gesellschaft. Vitalina Varela bleibt am Ende jedenfalls eine rätselhafte Erscheinung, die ihre Geheimnisse nur sehr bedingt preisgibt.

 

(seit 5.6.21 bei MUBI)