Kelly Reichardt

First Cow

King Lu (Orion Lee) und Cookie (John Magaro). Foto: Allyson Riggs / A24 Films

(MUBI-Start: 9.7.21) Anrührende Bromance, kurzweiliges Schelmenstück und Kapitalismus-Parabel: In ihrem vielschichtigen und leichtfüßigen Film über die erste Kuh in Oregon lässt Kelly Reichardt den Western-Mythen die Luft ab.

Bevor man Otis „Cookie“ Figowitz (John Magaro), eine der beiden Hauptfiguren in Kelly Reichardts Indie-Western „First Cow“, ins sanftmütige Gesicht blickt, sieht man seine dreckigen Hände im Unterholz wühlen. Es ist das Jahr 1820, Cookie hat als Koch bei Pelztierjägern in den Wäldern Oregons angeheuert. Doch statt Tiere zu erlegen, sucht er Pilze – was für Unmut bei den hungrigen Kerlen sorgt. Der Ton in der umherziehenden Gesellschaft ist rau – man fragt sich, ob Cookie das nur wenige Tagesmärsche entfernte Fort, wo die Trapper auf dem Markt ihre Beute verkaufen wollen, heil erreichen wird.

 

Info

 

First Cow

 

Regie: Kelly Reichardt,

122 Min., USA 2019;

mit: John Magaro, Orion Lee, Tobi Johns

 

Weitere Informationen zum Film

 

Auch die zweite Hauptfigur King-Lu (Orion Lee) hat zum Einstieg einen alles andere als heroischen Auftritt: Der sonst stets stilsicher gekleidete chinesische Einwanderer hockt splitternackt im Gebüsch – er hat einen russischen Einwanderer erschossen, und nun ist er auf der Flucht vor der Rache seiner Gefährten. Cookie findet ihn beim Pilze sammeln und rettet ihn, von den Trappern unbemerkt, aus seiner mißlichen Lage.

 

Blumen auf dem Tisch

 

Als die beiden sich später im Fort wiedertreffen, lädt King-Lu seinen Retter auf einen Drink in seine Hütte ein: „Here’s to … something“, prostet er Cookie zu. Kaum haben die beiden angestoßen, nimmt Cookie den Besen und fegt den Boden der ärmlichen Behausung. Dann stellt er noch ein paar Blumen auf den Tisch – und schon ist er bei King-Lu eingezogen. Reichardt und ihr langjähriger Ko-Drehbuchautor Jonathan Raymond, vom dem auch die Romanvorlage „The Half Life“ (2004) stammt, inszenieren das ganz beiläufig.

Offizieller Filmtrailer


 

Den Mythen die Luft ablassen

 

Der Geschichte ist ein Zitat aus William Blakes Aphorismensammlung „Proverbs from Hell“ (1792) vorangestellt: „The bird a nest, the spider a web, man friendship“ – was dem Vogel das Nest und der Spinne ihr Netz, ist dem Menschen der Freund. Mit der Geschichte dieser ungewöhnlichen Beziehung zwischen den beiden Außenseitern, die im Strom der westwärts strebenden Glücksritter eher planlos mitschwimmen, lässt die Regisseurin manchem Frontier-Mythos die Luft ab.

 

Statt des Breitbildformats, in dem die Weiten des amerikanischen Westens gern präsentiert werden, wählt Reichardt das im Vergleich eher beengt wirkende 4:3 Format. Den klassischen Motiven des Genres gibt sie einen neuen Kontext: Als sich im Saloon die unvermeidliche Schlägerei anbahnt, gibt einer der Streithähne seinen Nachwuchs in Cookies Obhut – und die Kamera schwenkt nicht zur Schlägerei, sondern bleibt am Tresen bei Cookie, der das Baby betüttelt.

 

Traum und Chance: San Francisco

 

Mit Vergangenheit und Gegenwart des Westküstenstaates Oregon beschäftigte Reichardt sich bereits in einigen gelungenen, wenn auch etwas spröden Filmen wie den minimalistischen Dramen „Old Joy“ (2006) und „Wendy and Lucy“ (2008) oder die Öko-Terrorismus-Abhandlung „Night Moves“ (2013). Schon 2010 drehte sie den Frontier-Film „Meek‘s Cutoff“; um einiges zugänglicher als seine Vorgänger präsentiert sich nun „First Cow“.

 

„History hasn’t gotten here yet“: Die Geschichte ist hier noch nicht angekommen, sagt King-Lu über diesen entlegenen Winkel der Neuen Welt – und er glaubt an seine Chance, mitgestalten zu können, was da entsteht. Cookie, der als früh verwaister Schuldknecht stets zu kämpfen hatte, hat ein eher zögerliches Temperament. Doch zusammen haben die komplementären Charaktere bald einen Traum: Sie wollen ein kleines Hotel in San Francisco eröffnen. Nur etwas Startkapitel bräuchten sie.

 

Fettgebackenes

 

Die titelgebende Kuh ist die erste ihrer Art in diesem Teil der Welt; unter reichlich Komplikationen wurde sie hergebracht – damit der Vorsteher der Siedlung, ein Chief Factor genannter aufgeblasener Schnösel (Toby Jones), seinen Tee fortan mit Milch trinken kann, wie es sich für einen echten Engländer gehört. Die Kuh wird wie ein Fremdkörper auf einem Floß über den Fluss zum Fort gebracht: Sinnbild der tiefgreifenden Veränderungen, die die Siedler ihrer neuen Umgebung einprägen werden.

 

Cookie ist in Boston einige Jahre bei einem Bäcker in die Lehre gegangen – und die Ankunft der Kuh weckt seinen Wunsch, seinem Freund zu zeigen, wie gut mit Milch verfeinertes Gebäck schmecken kann. Es schmeckt, und die Freunde entschließen sich, auf dem Markt des Forts einen Stand für ihre Küchlein aufzubauen. Für das köstliche Fettgebackene kratzen die raubeinigen Siedler ihre letzten Dollars zusammen – so entwickelt sich schnell ein boomendes Pop-Up-Business. Die beiden Freunde kommen zu Reichtum, zumindest ein bisschen – doch dafür müssen sie nun Nacht für Nacht heimlich die Kuh des Chiefs melken.

 

Das böse Ende

 

King-Lu fürchtet, dass der Chief Factor ihnen auf die Schliche kommen könnte; und Cookie versucht, die Bedenken seines Freundes zu zerstreuen: „Manche Menschen können sich nicht vorstellen, dass man sie bestiehlt“. Aber als auch der Chief zum Fan ihrer Backkunst wird – „Ich schmecke London in diesem Gebäck“ – setzt sich eine verhängnisvolle Dynamik in Gang.

 

Hintergrund

 

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Anfangs schlägt die behutsam erzählte Geschichte eine etwas tragische Tonlage an; die von Entbehrungen geprägten, geschundenen Menschen verschmelzen geradezu mit ihrer erdfarbenen Umgebung. Doch mit der aufkeimenden Freundschaft zwischen King-Lu und Cookie entwickelt sich daraus eine Erzählung mit charmanten Kapriolen, die in ihrer Komik etwas durchaus Befreiendes haben. Allerdings haben die Zuschauer schon im Prolog des Films erfahren, dass die Geschichte böse enden wird: Eine Spaziergängerin findet im Wald zwei Skelette – die noch im Tod Händchen halten.

 

Wie Reichardt große historische Zusammenhänge in dieser kleinen Geschichte verarbeitet, ist ausgesprochen gelungen. „First Cow“ ist Kapitalismus-Parabel, kurzweiliges Schelmenstück und anrührende Bromance zugleich: Der vielschichtige und leichtfüßige Film bietet eine ganz neue Perspektive auf scheinbar auserzählte Mythen der frühen US-Geschichte.