Maria Schrader

Ich bin Dein Mensch

Alma (Maren Eggert) und ihr perfekter Androide Tom (Dan Stevens) denken sich gemeinsame Erinnerungen aus, die es nie gegeben hat. Foto: © Christine Fenzl/Majestic

(Kinostart: 1.7.) Der perfekte Mann: In Maria Schraders diesjährigem Berlinale-Beitrag erliegt Wissenschafterin Alma beinahe dem algorithmischem Charme des Androiden Tom – aber der perfekte Zuhörer und Liebhaber ist am Ende doch nur eine langweilige Maschine.

Es gab einmal Zeiten, da bekamen Singles mit verschämtem Grinsen Scherzartikel-Sets zum Traumpartner-Selbstbacken geschenkt. Was aber wäre, wenn man sich in naher Zukunft wirklich einen solchen erschaffen könnte? Die jüngsten SciFi-Gedankenspiele über romantische Mensch-Maschine-Beziehungen entwerfen eher Technik-affine Visionen aus männlicher Perspektive: Einer Androidin gelingt durch geschickte Manipulation eines Mannes die Flucht aus ihrem Testraum – in „Ex Machina“ von Alex Garland (2015); in „Her“ von Spike Jonze (2013) verliebt sich ein einsamer Autor in sein Betriebssystem, das nach einem Update einfach verschwindet und ihn aufgelöst zurücklässt.

 

 

Ich bin Dein Mensch

 

Regie: Maria Schrader,

105 Min., Deutschland 2021;

mit: Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller

 

Weitere Informationen zum Film

 

Maria Schraders neuer Film „Ich bin dein Mensch“, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lief, ist dagegen anders gestrickt: Hier trifft Philologin Alma (Maren Eggert) auf einen Roboter in Menschengestalt – dessen einzige Aufgabe die Beglückung seiner vorübergehenden Besitzerin ist. Sie wird von ihrem Chef ihres Instituts dazu verdonnert, ihn drei Wochen auszuprobieren. Für sie ist das eine Horrorvorstellung. Aber weil ein ersehnter Studienaufenthalt auf dem Spiel steht, akzeptiert sie widerwillig.

 

Algorithmische Flirtversuche

 

Die erste Begegnung mit dem noch unausgereiften Hausgast findet in einer Tanzbar statt – und kommt einem durchschnittlich peinlichen Blind Date ziemlich nahe. Der auf Gefallen programmierte Roboter versucht vergeblich, Alma zu bezirzen: mit britischem Akzent und Plattitüden à la „Deine Augen sind wie zwei Bergseen, in denen ich versinken möchte“. Die zweite Begegnung ist natürlicher arrangiert, technische Unsauberkeiten beseitigt – Roboter Tom (Dan Stevens) brilliert mit der korrekten Anwendung des Konjunktiv 1. Und läuft auch damit ins Leere, genauer: in die Abstellkammer in Almas Wohnung.

Offizieller Filmtrailer


 

Keine Komödie, auch nicht romantisch

 

Sämtliche weiteren algorithmusgesteuerten Versuche, Almas Sympathie zu wecken, scheitern ebenfalls. Prozente und Wahrscheinlichkeiten helfen Tom bei seinen Annäherungsversuchen nicht: Sie, die Philologin, ist zu rational für kitschige Gesten und hält die Maschine auf Abstand. Erst, als sich Tom für Almas Arbeit interessiert, gibt sie nach und nach ihre Abwehr auf – mit für sie überraschenden Konsequenzen.

 

Der Film wird als eine Art romantische Komödie angepriesen – was ihm gar nicht gerecht wird: Neben der Vision einer ungewöhnlichen Paarkonstellation gibt er Denkanstöße zum modernen Leben und unserem Verhältnis zu Nähe, Distanz und künstlicher Intelligenz. Die Bildgestaltung kommt ohne zukunftsvisionäre Ausstattung aus: Alma bewegt sich durch die futuristischen Gegenden Berlins, spiegelnde Glasflächen reflektieren Almas Gestalt –  in die James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel oder am Futurium am Hauptbahnhof. Maria Schrader verweigert die eindeutige Verortung der Zukunft. Sie erzählt in ihrem Film eine sehr gegenwärtige Geschichte – von Einsamkeit in der Großstadt und den Dilemmata gut ausgebildeter Großstädterinnen, die unabhängig leben wollen.

 

Zuhörer und Liebhaber in Perfektion

 

Ihrer klugen und reflektierten, aber nicht immer sympathischen Protagonistin bringt Schrader viel Mitgefühl entgegen – und ihr böser Humor bricht aufkommendes Mitleid. Ihre Regie setzt auch auf Situationskomik, überzeugend getragen von den hervorragenden Darstellern: etwa, als sich die von Sandra Hüller gespielte Angestellte der Roboterfirma als ebenfalls unzureichend kalibrierte Maschine erweist.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Ex Machina“ – Sci-Fi-Kammerspiel über künstliche Intelligenz von Alex Garland

 

und hier einen Beitrag über den Film „Ich war zuhause, aber…“ – essayistisches Porträt einer depressiven Frau von Angela Schanelec mit Maren Eggert

 

und hier eine Besprechung des Films „Vor der Morgenröte Stefan Zweig in Amerika“ – beeindruckendes Biopic über den Schriftsteller von Maria Schrader

 

Auch Alma hat Humor, und der ist natürlich auch Selbstschutz. Ihre Beziehung mit einem Kollegen (Hans Löw) ist gescheitert. Der demente alte Vater macht zunehmend Schwierigkeiten. Nur die Arbeit gibt ihr Befriedigung: Sie versucht nachzuweisen, dass die sumerische Keilschrift nicht nur zur Buchhaltung diente, sondern auch Poesie festhalten wollte. Ein wenig Romantik ist da also doch noch in Almas Leben.

 

Toms unermüdliches Werben beginnt, ihre harte Schale aufzubrechen: Sie stellt ihn sogar Familie und Freunden vor. Die immer verständnisvolle Maschine macht Alma das Leben leichter – er ist der perfekte Zuhörer und Liebhaber. Perfektion aber ist langweilig – und ein Gefährte, der, wie Alma es einmal ausdrückt, „nur die Ausstülpung des eigenen Ichs“ ist, kann keine dauerhafte Lösung gegen das Alleinsein bieten. Jedenfalls ist das ihr Schluss aus dem Experiment, das einen klar definierten Endpunkt hat. Bis dahin kann man es aber sehr wohl genießen.