Daniel Brühl

Nebenan

Bruno (Peter Kurth), Clara (Aenne Schwarz) und Daniel (Daniel Brühl). Foto: (c) 2021 Amusement Park Film GmbH / Warner Bros. Ent. GmbH / Reiner Bajo

(Kino-Start: 15.7.) Bier und Sülze im Prenzlberg: Daniel Brühls
Kammerspiel über gentrifizierende Zuzügler und Alteingesessene Berliner schwankt zwischen echter Beobachtung, Ironie und Eitelkeit – und gibt unverhofften Einblick in das Leben urbaner Upperclass-Kreativlinge.

Wenn ein Schauspieler auf den Regiestuhl wechselt, wird das immer skeptisch beäugt und die Beweggründe werden kritisch hinterfragt. Gern wird angenommen, dass Rollenangebote fehlen – auf den dauerhaftpräsenten Daniel Brühl dürfte das kaum zutreffen. Es war wohl eher der Reiz des Neuen und die Idee einer universellen Großstadtgeschichte, die sich in jeder von Touristen hochfrequentierten Metropole zutragen könnte, wo alteingesessene Bewohner durch Gentrifizierung nicht nur geografisch an den Rand gedrängt werden.

 

Info

 

Nebenan

 

Regie: Daniel Brühl,

92 Min., Deutschland/ USA 2021;

mit: Daniel Brühl, Peter Kurth, Aenne Schwarz

 

Weitere Informationen zum Film

 

Die Handlung in „Nebenan“ findet in Brühls Wahlheimat Berlin statt. Er spielt den Filmstar Daniel, ein toller Typ mit Frau und zwei Kindern und großer Maisonettewohnung im gleichermaßen tollen Prenzlauer Berg. Er ist international erfolgreicher Schauspieler, Halbspanier und gerade auf dem Weg zu einem wichtigen Casting für eine Rolle in einem Superheldenfilm. Um in Ruhe und unbeobachtet von Menschen mit Smartphones noch einmal seinen Text durchgehen zu können, macht er einen Zwischenstopp in seiner Stammkneipe „Zur Brust“.

 

Bier und Sülze

 

Um diese Tageszeit ist die Kneipe leer. Neben den üblichen „Bewohnern“ sitzt ein fremder Mann namens Bruno (Peter Kurth) am Tresen, der ungewöhnlich viel über ihn weiß und eine fundiert kritische Meinung zu seinen bisherigen Arbeiten hat. Daniel fühlt sich ein wenig geschmeichelt, lässt sich sogar zu einem Bier und Sülze überreden, ist aber auch überrascht, als Bruno ihm eröffnet, dass sie Nachbarn sind.

Offizieller Filmtrailer


 

Selbstironisch – oder eitel

 

Bruno wohnt Daniel gegenüber im fünften Stock des Altbaus und kann durch die vollverglasten Wände seinerFamilie beim Leben zuschauen. Daher weiß er so einiges über sie und das spanische Kindermädchen – und was passiert, wenn Daniel nicht zu Hause ist. Der ist geschockt, schaltet von professioneller Jovialität auf Angriff um – kann da aber nicht ahnen, dass Bruno noch mehr Asse im Ärmel hat und ein Ziel, das er unbeirrt verfolgt.

 

Aspiranten der Schriftstellerei rät man oft, es zunächst mit etwas Autobiografischem zu versuchen. Brühl scheint das für sein Regiedebüt auch zu beherzigen, indem er in überhöhter Form der ersten Hauptfigur nicht nur seinen Namen sondern auch biografische Eckdaten wie Beruf oder Herkunft verleiht. Das ist gleichermaßen selbstironisch wie eitel. Dass er sich selbst spielt, hindert ihn, frei mit dieser nicht durchweg sympathischen Figur umzuspringen. In den besten Momenten macht Brühl sich über seine Zunft lustig: Da will Daniel die Hintergrundgeschichte seiner Figur, die er nur aus einer geheimen Drehbuchseite kennt, erfahren und setzt darauf sowohl die britische Agentin als auch einen US-Kontakt an; ostentativ biedert er sich den beiden in ihrem britischen und amerikanischen Akzent an.

 

Bloß nicht solche Nachbarn!

 

Man kann Bruno, den eigentlichen Star der Geschichte, verstehen, der einmal sagt, dass er einfach keine Lust mehr hat, Daniel und seiner Familie zuhören zu müssen. Bruno gehört hierher, wie die herzlich-schnoddrige Wirtin (Rike Eckermann) oder Kneipeninventar Micha (Gode Benedix) – während Daniel glaubt, mit großzügigen Trinkgeldern sein schlechtes Gewissen als zugezogener Neureicher beruhigen zu müssen. Je mehr Daniel und Bruno in diesem Kneipen-Kammerspiel aber in offenen verbalen Zweikampf gehen, desto unsicherer fühlt sich der großspurige Filmstar: Bruno weiß als Mitarbeiter einer Kreditkartengesellschaft mehr als Daniel selbst über dessen Frau, eine Ärztin – und scheint damit die sicher geglaubte Beziehung in Frage zu stellen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Augen des Engels“ – intelligentes Medien-Psycho-Drama von Michael Winterbottom mit Daniel Brühl

 

und hier eine Besprechung des Films „Ich und Kaminski“ – brillante Satire auf den Kulturjournalismus von Wolfgang Becker mit Daniel Brühl

 

und hier ein Beitrag über den Film „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ – über eine Rentner-WG von Stéphane Robelin mit Daniel Brühl

 

Einen Nachbarn wie Bruno wünscht man sicher niemandem, einen wie Daniel aber auch nicht. Die Kräfte sind in Brühls Versuch, einen Film über das brennende Thema Gentrifizierung zu machen, immerhin gleich verteilt – der Film hätte ein schönes, heutiges Katz-und-Maus-Spiel werden können. Gemessen an der tagtäglichen Realität einer Stadt wie Berlin ist das mit Daniel Kehlmann zusammen verfasste Drehbuch zu harmlos und erzählt eher aus der Perspektive der Zugezogen. Das Bemühen, den „Ureinwohnern“ eine respektable Stimme geben zu wollen, muss aber honoriert werden – auch wenn der Ton der Dialoge nicht immer stimmt.

Peter Kurths großartige Präsenz vermag dieses Defizit aber aufzufangen. Seiner Figur auch noch eine gescheiterte Ostkünstlerbiografie anzudichten, ist jedoch zuviel des Guten. So vermittelt die Geschichte ein leicht touristisches Gefühl, eine Draufsicht auf das Geschehen, weniger intime Kenntnis – obwohl die Erzählung sehr wohl das Zeug zum Kommentar auf die brachiale, rein kapitalgesteuerte Umgestaltung der Großstädte hätte. Der Film ist leider nicht konsequent durchdacht und überspitzt genug, und ein anders besetztes Alter Ego Brühls hätte mehr überzeugt. So bleibt ein schaler Nachgeschmack.