Detlev Buck

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Felix Krull (Jannis Niewöhner) hat es bis zum Königshof von Lissabon geschafft. Foto: Warner Bros. Pictures
(Kinostart: 2.9.) Wie man Likes maximiert: Aus dem Roman von Thomas Mann machen Drehbuchautor Daniel Kehlmann und Regisseur Detlev Buck eine pompöse Pointen-Revue. Jannis Niewöhner in der Hauptrolle gibt einen schlaumeiernden Filou.

Die Welt will betrogen sein: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ ist wohl der heiterste Roman von Thomas Mann – und daher einer seiner populärsten. Als das Buch 1954 ein Jahr vor dem Tod des Autors erschien, wurde die Lebensgeschichte eines narzisstischen Blenders zum großen Erfolg. Schwindel mit System, der wie in Champagnerlaune perlt: Das gefiel der aus Ruinen aufsteigenden Nachkriegsgesellschaft. Die Nachtseiten ihres Wirtschaftswunders nahm später Rainer Maria Fassbinder ätzend auseinander.

 

Info

 

Bekenntnisse des
Hochstaplers Felix Krull

 

Regie: Detlev Buck,

114 Min., Deutschland 2021;

mit: Jannis Niewöhner, Liv Lisa Fries, David Kross

 

Weitere Informationen zum Film

Dagegen wurde „Felix Krull“ bislang zwei Mal verfilmt: 1957 fürs Kino, 1981/2 als Fünfteiler fürs Fernsehen. Zeit für eine dritte Adaption, finden Regisseur Detlev Buck und Bavaria-Produzent Markus Zimmer: „Mehr Schein als Sein“ und „jetzt kaufen, später zahlen“ sei für die Generation Instagram aktueller denn je. Für die Akzeptanz bei der Thomas-Mann-Fangemeinde soll Daniel Kehlmann als Drehbuchautor sorgen; seinen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ hat Buck 2012 verfilmt.

 

Schmuckdiebstahl im Hotel

 

Auf exzentrisches bis halbseidenes Personal mit skurrilem Werdegang ist Buck als Regisseur quasi abonniert. Diesmal in der Stehkragen-und-Rüschen-Welt um 1900: Felix Krull (Jannis Niewöhner) ist Sohn eines leichtlebigen Sektfabrikanten, der sich wegen seines Bankrotts erschießt. Von seinem Paten lässt sich Felix eine Anstellung in einem Pariser Luxushotel vermitteln. Dort fängt er als Page und Liftboy an. Mit Charme gewinnt er die Gunst weiblicher Hotelgäste – und mit stibitztem Schmuck finanziert er ein dandyhaftes Doppelleben.

Offizieller Filmtrailer


 

Rollentausch mit Weltreise

 

Das große Glücksrad dreht Felix, als seine deutsche Geliebte Zaza (Liv Lisa Fries) ihm nachreist: Er verkuppelt die Prostituierte an den steinreichen, aber einfältigen Marquis Louis de Venosta (David Kross). Der solle eine zweijährige Grand Tour rund um die Welt absolvieren, verlangt sein Vater; der Marquis will aber seine Gespielin nicht zurücklassen. Nun arrangiert Felix einen Rollentausch: Er tritt als Marquis die Weltreise an, während dieser sich inkognito mit Zaza nach Südfrankreich absetzt. Schon an der ersten Station in Lissabon gelingt Felix bei einer Audienz mit dem König ein Meisterstück an Augenwischerei – seine Verwandlung ist perfekt.

 

Diese Episode kommt im Roman nicht vor; ohnehin nimmt sich Kehlmann im Skript viele Freiheiten. Dass er Zaza aus einer Pariser Sängerin und dem Frankfurter Freudenmädchen Rosza amalgamiert, kommt der Handlung zugute: So erhält die Hauptfigur eine ebenbürtige Vertraute, die den Episoden-Reigen zusammenhält. Dass der Kroate Stanko, im Roman eine Nebengestalt, zum erpresserischen Oberkellner von Mafiaboss-Format befördert wird, folgt eher plumper Watschenaugust-Logik: Schließlich wird er von der Neureichen-Tochter Eleanor, die Felix verschmäht hat, als Sittenstrolch denunziert und entlassen – #metoo in der Belle Époque.

 

Frauenbild auf Herrenwitz-Niveau

 

Dagegen ist die Darstellung von Madame Houpflé reichlich geschmacklos. Im Buch tritt sie als exaltierte Unternehmer-Gattin auf, die für Felix’ Schönheit und Gewieftheit entflammt. Maria Furtwängler muss jedoch eine nymphomanische Megäre mimen, die erst durch sadistische Spielchen auf Touren kommt. Überhaupt erscheinen alle Damen als mannstolle Weiber, die dem zum Anbeißen knackigen Helden sofort an die Wäsche wollen – auf solches Herrenwitz-Niveau sinken die Charaktere bei Thomas Mann nie herab.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Martin Eden" – faszinierend originelles Aufsteiger-Porträt von Pietro Marcello nach dem Roman von Jack London

 

und hier eine Besprechung des Films "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" – brillant vielschichtige Verfilmung des Epochen-Romans von Erich Kästner durch Dominik Graf

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die Vermessung der Welt" – stimmige Verfilmung des Bestsellers von Daniel Kehlmann durch Detlev Buck

 

und hier einen Bericht über den Film "Der Prinz und der Dybbuk" – fesselndes Doku-Porträt eines jüdisch-polnisch-italienischen Hochstapler-Regisseurs von Elwira Niewiera + Piotr Rosołowski.

 

So fragwürdig wie dieses Frauenbild wirkt auch die Entscheidung, ausgerechnet die sprödeste Passage des Romans in den Film zu übernehmen. Im Nachtzug nach Lissabon hält die Zufallsbekanntschaft Professor Kuckuck (Joachim Król) Felix einen langen Vortrag: Das Dasein sei wertvoll, gerade weil es nur ein Intermezzo „zwischen Nichts und Nichts“ bilde. Die meisten Romane Manns enthalten solche populärphilosophischen Exkurse, die weiland ein an Prediger-Literaten gewöhntes Publikum schätzte. Auf der Leinwand gähnt indes das blanke Nichts, während die Tonspur heißläuft.

 

Aufgesetzt aufgekratzte Munterkeit

 

Dafür schwelgt der restliche Film in Kostümen und Ausstattung satt. Stets auf Hochglanz poliert, ins rechte Licht gerückt und rasant geschnitten – ganz auf die Zielgruppe Generation Instagram zugeschnitten. Doch wie das beim Wischen über tausend tolle Selfies so ist: Bonbonbunte Oberflächenreize ermüden auf Dauer. Zumal Jannis Niewöhner von Anfang an einen oberschlauen Filou giebt, der alle ständig um den Finger wickelt. Entwicklung, gar Selbstreflexion, ist bei diesem perfekten poster boy nicht vorgesehen.

 

So hangelt sich der Film von Pointe zu Pointe, die mal mehr, mal weniger zünden. Was bei Stand-up-Comedy funktioniert, trägt nicht über zwei Stunden: Die aufgekratzte Munterkeit wirkt reichlich aufgesetzt. Und von Thomas Manns vielschichtiger Bildungs-Travestie bleibt in Bucks kalauernder Regie wenig mehr als das Handlungsgerüst übrig. Damit dürften er und Kehlmann den Großmeister verschachtelter Satzkonstruktionen kaum der Generation Social Media näher bringen.