Jacques Audiard

Wo in Paris die Sonne aufgeht

Nur ein kurzer Wimpernschlag: Einen Moment lang fühlt es sich für Nora (Noémie Merlant) und Camille (Makita Samba) richtig an. Foto: © Neue Visionen Filmverleih
(Kinostart: 7.4.) Liebe im Zeitalter von Tinder und Betondschungel: In einem Pariser Hochhausviertel inszeniert Regisseur Jacques Audiard eine amouröse Vierecksbeziehung. Die Suche nach Zweisamkeit zwischen Hoffnung und Frust fängt er schroff und zärtlich ein – in nüchternem Schwarzweiß.

Der blumige deutsche Titel des neuen Films von Regisseur Jacques Audiard lässt einen typisch französischen, mehr oder weniger sentimentalen Liebesreigen erwarten. Das ist zwar nicht falsch, unterschlägt aber, dass es Audiard gelingt, einen frischen Blick aufs altbekannte Sujet zu werfen. Mit interessanten Charakteren und nüchternen Schwarzweißbildern – sowie der Hochhausarchitektur des Viertels „Les Olympiades“ im 13. Pariser Arrondissement. Nach ihm ist der Film im Original so schlicht wie treffend benannt.

 

Info

 

Wo in Paris die Sonne aufgeht 

 

Regie: Jacques Audiard,

106 Min., Frankreich 2021;

mit: Lucie Zhang, Makita Samba, Noémie Merlant, Jehnny Beth

 

Website zum Film

 

Hier wohnt Émilie (Lucie Zhang) in der geräumigen Wohnung ihrer Großmutter; diese leidet an Alzheimer und fristet ihr Dasein in einem Heim. Ihre chinesischstämmige Enkelin hingegen weiß nach dem Studium nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Derzeit jobbt sie in einem Callcenter und sucht eine Mitbewohnerin. Stattdessen findet sie Camille (Makita Samba), einen gut aussehenden und hochintelligenten, aber tief frustrierten Lehrer.

 

Sex nach dem Vorsprechen

 

Direkt nach dem Vorstellungsgespräch wird er Émilies Liebhaber. Eine Woche lang haben sie begeistert Sex, doch ihre Vorstellungen, was daraus folgen soll oder kann, sind sehr unterschiedlich. Während Émilie sich verliebt, beharrt Camille darauf, allein an körperlichen Freuden interessiert zu sein. Amouröse Abenteuer sollen ihn über seine fehlende berufliche Perspektive hinwegtrösten, mehr nicht. Er ist nicht bereit, sich der jungen Frau zu öffnen oder gar eine ernsthafte Beziehung mit ihr einzugehen. So schnell, wie er in Émilies Leben eingebrochen ist, verschwindet Camille wieder daraus.

Offizieller Filmtrailer


 

Verwechslung mit Webcam-Girl

 

In einem zweiten Erzählstrang zieht Nora (Noémie Merlant) von Bordeaux ins 13. Pariser Arrondissement. Sie will mit Anfang dreißig ihr Jurastudium fortsetzen – außerdem flieht sie aus einer gescheiterten Beziehung. Zunächst begeistert sie der Panoramablick auf die Seine, die Nähe der Uni und die asiatische Prägung des Viertels. Doch schnell wendet sich für Nora das Blatt.

 

Dass sie mit blonder Perücke und kurzem Kostüm der Web-Sexarbeiterin Amber Sweet (Jehnny Beth) zum Verwechseln ähnlich sieht, beschert ihr peinliche Momente im Club und später auch im Seminar. Die Häme ihrer Kommilitonen lässt das Campus-Leben für Nora, die ohnehin etwas unsicher ist, zum unerträglichen Spießrutenlaufen werden.

 

Hautfarbe und Herkunft nebensächlich

 

Beide Handlungsstränge kreuzen sich, als Nora ihr Studium aufgibt und beginnt, in einem Immobilienbüro zu arbeiten. Genau dieses Büro hat Camille von einem Freund übernommen, um der Misere seines Lehrerdaseins zu entfliehen. Bald verliebt er sich in Nora, die jedoch seltsam unentschlossen bleibt. Währenddessen versucht Émilie, ihr Liebesleben mit Tinder-Dating-Abenteuern zu füllen, von denen sie Camille regelmäßig berichtet. Und Nora spürt im Cyberspace der ominösen Amber Sweet nach, von der sie sich magisch angezogen fühlt.

 

In dieser etwas anderen Romantikkomödie, die sozialrealistisch mit allerlei Enttäuschungen aufwartet, aber auch mit schroffer bis zärtlicher Impulsivität, stolpern die Charaktere durch eine nüchterne Großstadtlandschaft. Allerdings spielen Herkunft und Hautfarben keine Rolle mehr; alle Protagonisten nehmen die Unterschiede als gegeben hin. In einer deutschen Produktion gäbe ein derart ethnisch diverses Ensemble vermutlich Anlass, nach Konfliktpotenzial zu suchen. Doch in der Weltstadt Paris ist der urbane Raum als melting pot mittlerweile offenbar selbstverständlich.

 

Veränderter Blick aufs Begehren

 

Hintergrund

 

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und hier ein Beitrag über den Film “Der Geschmack von Rost und Knochen” – intensives Außenseiter-Drama mit Marion Cotillard von Jacques Audiard

 

und hier eine Besprechung des Films "Angelo" - ungewöhnlicher Hofmohren-Historienfilm von Markus Schleinzer mit Makita Samba.

 

Für das Drehbuch hat Regisseur Audiard mit zwei Ko-Autorinnen Kurzgeschichten aus US-Graphic-Novels auf Pariser Verhältnisse angepasst. Dabei entstanden so interessante wie ambivalente Charaktere, die alle verzweifelt, aber zugleich voller Zweifel nach Zweisamkeit suchen. In einem Moment charmant und empathisch, schlagen sie im nächsten voller Egozentrik verbal auf ihre Nächsten ein und bleiben dabei gleichgültig für deren Schmerz.

 

Stand die bedingungslose, von Begehren befeuerte Liebe in Audiards Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“ (2012) in ihrer wuchtigen Absolutheit noch in der Tradition männlicher Amour-Fou-Erzählungen, hat sich sein Blick auf Sex und Begehren im neuen Werk deutlich verändert. Nun geht es gleichermaßen um Voraussetzungen des Erotischen, um Spannung und Erfüllung wie um deren Aus- und Nachwirkungen.

 

Zuerst eigenes Verlangen erkennen

 

Auch in „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ ist viel nackte Haut zu sehen. Doch gleichzeitig reflektiert der Film darüber, wie sich die Berührung von Körpern auf die Einstellungen der Figuren auswirkt, die zwischen Hoffnung und Desillusionierung hin und her schwanken. Dabei müssen sie zunächst das eigene Verlangen erkennen und sich mit ihm anfreunden. Wenn ihnen das gelingt, dann mit blitzartigen Einschlägen und nachhallenden Emotionen – für die Protagonisten wie für das Publikum.