Kassel

documenta fifteen

Baan Noorg: The Rituals of Things, 2022, Installationsansicht, Fridericianum, Kassel, 13. Juni 2022, Foto: Nicolas Wefers
Die documenta ist tot, es lebe die documenta: Die weltgrößte Ausstellung für zeitgenössische Kunst wird vom indonesischen ruangrupa-Kollektiv völlig umgekrempelt – und in ein gut gelauntes Graswurzel-Initativen-Festival im durchökonomisiert-pazifischen Zeitalter verwandelt.

Kleiner Grundkurs in Bahasa Indonesia: „Lumbung“ heißt „gemeinsame Reisscheune“, wo Überschüsse aufbewahrt werden – im erweiterten Sinn: kooperatives und solidarisches Handeln. „Majelis“ bedeutet: eine Versammlung, in der man Angelegenheiten bespricht, die alle angehen. „Ekosistem“ erklärt sich selbst, steht hier aber für Kollektive, die zusammenarbeiten. Das Lehnwort „Meydan“ bezeichnet Veranstaltungen im Sinne von interaktivem Lernprozess.

 

Info

 

documenta fifteen

 

18.6.2022 – 25.09.2022

täglich 10 bis 20 Uhr

an 32 Standorten in Kassel

 

Website zur documenta 15

 

„Sobat-Sobat“ sind Freunde oder Gefährten, die sich um Künstler und Gäste kümmern. Alles mündet in „Nongkrong“: gruppenweise Herumhängen und Plaudern. Soweit der Basiswortschatz; das ruangrupa-Kollektiv aus Jakarta, Leiter der diesjährigen documenta, benutzt derart viele indonesische Begriffe, das es dafür ein Online-Glossar erstellt hat. Was sich als subtile Revanche deuten lässt: Der internationale Kunstbetrieb strotzt wie jeder Fachjargon vor Anglizismen. Ruangrupa dreht den Spieß einfach um und bringt sein eigenes Vokabular mit.

 

documenta 2017 war peinlicher Fehlschlag

 

Das ist nur ein Beispiel dafür, wie das indonesische Künstlerkollektiv die weltgrößte Ausstellung für zeitgenössische Kunst in Kassel völlig umkrempelt. Um zu verstehen, warum es das tut und wieso es dazu freie Hand hat, ist ein Rückblick auf die Vorgänger-Schau 2017 nötig. Die documenta 14 gilt weitgehend als peinlicher Fehlschlag – von ihrem Anspruch, einen kompetenten Überblick über maßgebliche Tendenzen der Gegenwartskunst zu bieten, blieb wenig übrig.

Impressionen der Kunstausstellung im Fridericianum


 

Kunst soll das Leben ändern

 

Der polnische Kurator Adam Scymczyk hatte sie in ein Agitprop-Tribunal verwandelt: Aktivisten ethnischer, sexueller und sonstiger Minderheiten beklagten lautstark Diskriminierung und Ausbeutung. Oft breiteten sie nur Doku-Material aus – die rechte linke Gesinnung zählte, die Ausführung war quasi egal. Am meisten verübelten aber die Kasseler dem Kurator, dass er die halbe documenta nach Athen verlegte, den Wohnort seiner Partnerin. Damit blähte er die Kosten dramatisch auf und beraubte die documenta-Heimatstadt ihres USP – in Zeiten des florierenden Kulturtourismus ist das schlicht geschäftsschädigend.

 

An dieser Pleite trat zugleich ein Grundwiderspruch besonders deutlich hervor. Seit mehr als 100 Jahren beanspruchen avantgardistische Künstler – oder zumindest solche, die sich für fortschrittlich halten – mit ihren Werken mehr herzustellen als nur Ausstattungs-Deko für die besitzenden Klassen. Sie wollen neue Sichtweisen auf die Wirklichkeit anregen und im besten Fall das Bewusstsein der Betrachter beeinflussen. Kurzum: Kunst soll das Leben ändern.

 

Avantgardisten buhlen um Sammler

 

Gleichzeitig zeigen mehr als 100 Jahre Erfahrung: Die radikalsten Künstler werden am höchsten bewertet; ihre Arbeiten erzielen Rekorderlöse. Ihre einst kühnen Gegenentwürfe zum Bestehenden werden kanonisiert und dadurch neutralisiert; der Markt schluckt und verdaut alles. Zudem enthüllen Fallstudien, die Heerscharen von Kunsthistorikern angefertigt haben: Die meisten Avantgardisten, die vorgeblich Kunstbetriebs-Mechanismen verachteten, bemühten sich emsig und erfolgreich um Kontakte zu wichtigen Galeristen und Sammlern.

 

Andernfalls wären sie längst vergessen: Wer in dieser rauen Branche voller skrupelloser Egomanen nicht ständig auf den Busch klopft, fällt schnell durch den Rost der öffentlichen Aufmerksamkeit. D.h.: Er oder sie wird fortan lokale Ärzte und Rechtsanwälte mit Wandschmuck ausstatten. Das ist der breite Sockel des Kunstmarkts; dieses Massengeschäft dürfte mehr als drei Viertel des Gesamtumsatzes ausmachen. An der Spitze dient Kunst als Statussymbol für Superreiche, die auf Auktionen mit Irrsinns-Beträgen zocken – vergleichbar mit hochspekulativen Börsen-Segmenten.

 

Wie Kirchgänger im Sonntagsgottesdienst

 

Zwischen diesen Polen suchen ambitionierte Künstler im Wanderzirkus der Biennalen und übrigen Gruppenausstellungen ihr Fortkommen. Weil alle formalen Grenzen eingeebnet und Formensprachen ausgeschöpft sind, erheischen sie Beachtung durch inhaltliche Relevanz. So genannte engagierte Kunst, die in der Spaßgesellschaft der 1990er Jahre nahezu verschwunden schien, erlebt seit der Jahrtausendwende ein sagenhaftes Comeback. Das Rezept ist einfach: Man nehme ein gesellschaftliches Problem, sammele darüber Material und breite es aus. Gern als Collage oder Installation, weil da beinahe alles hineinpasst – notfalls genügt ein Stapel Flugblätter.

 

Das Publikum reagiert darauf wie früher Kirchgänger auf Predigten im Sonntagsgottesdienst: Ganz furchtbar, wie viel Sünde/ Elend in der Welt herrscht – und nun zum Frühschoppen/ Sektempfang! Auf letzterem trifft man die furios engagierten Künstler wieder: Sie hoffen auf Kontakte zu namhaften Galeristen und solventen Sammlern (s.o.); im besten Fall zu Vertretern bedeutender Institutionen, die dauerhaft gut dotierte Aufträge vergeben.

 

Glaubwürdigkeitsdefizit der documenta

 

Ähnlich wie die großen Konfessionen befremdet jedoch auch der Kunstmarkt zusehends seine Anhänger: Die Diskrepanz zwischen Sein und Sollen wird zu offensichtlich. Für diese Doppelmoral bot Bußprediger Szymczyk, der privat absahnte und Vertraute versorgte, nur ein besonders drastisches Beispiel. Was indes eher die Ausnahme als die Regel ist: Nicht jeder, der bei der documenta oder Biennale in Venedig auftritt, hat danach ausgesorgt. Nach ihrem einmaligen Gastspiel auf großer Bühne verschwinden viele Teilnehmer wieder in der Versenkung.

 

Dennoch: Das Glaubwürdigkeitsdefizit des heutigen Kunstbetriebs betrifft wohl keine Einrichtung stärker als die documenta. Die Biennale serviert alle zwei Jahre einen Rundumschlag; zudem wird die Auswahl des Hauptkurators durch die Nationen-Pavillons und die eventi collaterali genannten Trittbrettfahrer relativiert. Im kulturprotestantischen Kassel wird hingegen alle fünf Jahre eine definitive Diagnose zur künstlerischen Lage der Zeit erstellt – spätestens seit der documenta 11 (2002) hochpolitisch und todernst.

 

Culture Clash auf Augenhöhe

 

Diesen Anspruch trieb die letzte documenta ins Absurde und ritt ihn damit zuschanden. Und nun? Die achtköpfige Findungskommission hat die künstlerische Leitung einem kaum bekannten indonesischen Kollektiv übertragen. Es war zwar seit 2002 schon bei sieben Bi- und Triennalen weltweit dabei, bringt aber keine Erfahrung mit dem Management solcher Mammutveranstaltungen mit. Diese Entscheidung entpuppt sich als kleiner Geniestreich – auf mehreren Ebenen.

 

Indonesien ist eine Welt für sich: ein Vielvölkerstaat auf 17.000 Inseln mit 280 Millionen Einwohnern. Sie leben in prekärer Balance der Ethnien und Religionen mit- bzw. eher nebeneinander her. Indonesien ist auch die Hegemonialmacht des malaiischen Kulturkreises. Auf Java und Bali hat eine jahrtausendealte Hochkultur ein reiches Kunst-Erbe und sehr differenzierte Standards für alle Aspekte des Daseins entwickelt. Wenn ein culture clash mit einer außereuropäischen Kultur auf Augenhöhe fruchtbar werden kann, ohne sogleich von Rivalität um Akzeptanz grundiert zu sein, dann wohl am ehesten mit der indonesischen.