Frankfurt am Main

Marcel Duchamp

Marcel Duchamp: Gegeben seien: 1. Der Wasserfall, 2. Das Leuchtgas (Étant donnés : 1° la chute d’eau, 2° le gaz d’éclairage), 1948-1949, Moderna Museet, Stockholm, © Association Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Axel Schneider
Minimaler Aufwand, maximale Wirkung: Mit der Erfindung von Readymades wurde Marcel Duchamp zum Pionier der Konzeptkunst. Seinem Gesamtwerk widmet das Museum für Moderne Kunst (MMK) die erste Retrospektive seit zwei Dekaden – von konventionellen Anfängen bis zu zotigen Kalauern.

Die Feststellung ist keine Übertreibung: Marcel Duchamp (1887-1968) war der einflussreichste Künstler des 20. Jahrhunderts. Gewiss: Pablo Picasso war wesentlich produktiver, erfand etliche Bildsprachen und inspirierte damit unzählige Nachfolger. Andy Warhol war nicht minder produktiv, kommerzialisierte Kunst radikal und machte sie damit zu dem Massenbetrieb und Freizeitspektakel, der sie heute ist.

 

Info

 

Marcel Duchamp

 

02.04.2022 - 03.10.2022

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 19 Uhr

im MMK - Museum für Moderne Kunst, Domstr. 10, Frankfurt am Main

 

Vorzügliches Begleitheft gratis

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Doch Duchamp entwickelte ein neues Verständnis von Kunst. Trotz – oder gerade: wegen – eines höchst überschaubaren Œuvres: nicht das Werk oder seine Ausführung sind entscheidend, sondern die Idee dazu und ihr Kontext. Damit trieb er die Vorstellung von individueller Perspektive und Setzung, die seit jeher in der neuzeitlichen europäischen Kunst enthalten war, auf ihre Spitze: der Künstler als Demiurg, der nur kraft seiner Gedanken und ein paar Gesten Bedeutendes schafft.

 

Exegeten-Eifer + -Abrechnung

 

Dieses Rollenmodell erwies sich als sehr verführerisch: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Generationen von Nachwuchskünstlern Duchamp zitiert, kopiert oder sich sonstwie auf ihn bezogen. Was umso leichter fiel, als er um 1925 seine Kunstproduktion weitgehend eingestellt hatte und fortan nur noch mit Schachspielen und Selbststilisierung beschäftigt schien. Die Zurückhaltung des deus absconditus fachte den Eifer seiner Exegeten zusätzlich an – bis hin zur Abrechnung mit ihm: „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ hieß eine spektakuläre Aktion von Joseph Beuys 1964 vor laufenden TV-Kameras.

Impressionen der Ausstellung


 

Zwei Pole der Konzeptkunst

 

Verständlich: Im Rückblick fällt auf, dass Duchamp und Beuys entgegen gesetzte Pole der Konzeptkunst markieren. Hier der wortkarge Ironiker und Einzelgänger, stets auf der Autonomie seines Privatkosmos beharrend: Kunst als elitäres Gedankenspiel für Eingeweihte. Dort der dauerpalavernde Menschenfischer, der alle und alles in seine kreative Volksgemeinschaft eingemeinden wollte: Kunst als nobilitierende Chiffre für jedes soziale Handeln.

 

Heutzutage sind beide Ansätze längst allerorten ad nauseam inflationiert und verwässert worden; die Geduld des Publikums mit einem bis zur Beliebigkeit entgrenzten Kunstbegriff scheint erschöpft. Da lohnt ein Rückblick auf die Anfänge der Konzeptkunst vor 110 Jahren: Die Duchamp-Retrospektive im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK), laut Veranstalter die erste seit zwei Dekaden, kommt zur rechten Zeit. Mit rund 700 Exponaten, zählt man jeden Schnipsel mit, dürfte sie eine der umfassendsten überhaupt sein.

 

Readymades baumeln in der Luft

 

Der Auftakt hängt gelungen in der Luft. Im Atrium schwebt ein halbes Dutzend der berühmt-berüchtigten Readymades von der Decke. Das ist kunsthistorisch korrekt: Als Duchamp 1915 den Begriff erfand, hängte er an die Decke seines Ateliers eine Schneeschaufel, die er mit der Aufschrift „Dem gebrochenen Arm voraus“ versah.

 

Schon zuvor hatte er bekanntere Beispiele wie ein aufgebocktes Fahrrad-Rad oder einen Flaschentrockner im Atelier aufgestellt. Das berühmteste aller Readymades, das gekippte „Fountain“-Urinal, war 1917 für eine Ausstellung gedacht – doch die Organisatoren lehnten es ab, und das Original ging verloren. Macht nichts; die Idee zählt.

 

Durchbruch 1911 als Kubist

 

Diese Readymades kennt jeder, doch wer Duchamps Frühwerk? Als eines von sechs Kindern einer begüterten und kunstsinnigen Bürgerfamilie – zwei Brüder und eine Schwester waren ebenfalls Künstler – begann Duchamp als Maler im postimpressionistischen Stil. Konventionelle Landschaften und Porträts sowie eher plumpe Akte lassen nicht gerade herausragendes Talent erkennen. Ebenso wenig Karikaturen, die er ab 1906 zeichnete, um Geld zu verdienen; sie machen allenfalls einen Hang zu frivolen Anspielungen deutlich.

 

Vielleicht wäre Duchamp ein brav pinselnder Bourgeois geblieben, hätte er sich nicht 1911 dem Kubismus zugewandt. Bereits sein erstes kubistisches Gemälde „Porträt von Schachspielern“ (1911) ist ein originelles Meisterwerk: Man meint, durch vielfach gebrochene Oberflächen den Spielern beim Denken zuzusehen. In rascher Folge entstehen weitere Bilder, in denen Duchamp seine eigene Spielart entwickelt: Er staffelt kubistisch fragmentierte Figuren wie bei einer Mehrfachbelichtung, um Bewegung zu veranschaulichen.

 

Berühmtheit in Abwesenheit

 

Am eindrucksvollsten bei „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“ – das in Philadelphia hängende Original ist als Reproduktion präsent. Im Entstehungsjahr 1912 wurde es vom Pariser „Salon des Independants“ abgelehnt. Als es im Folgejahr in der legendären „Armory Show“ in New York, Chicago und Boston zu sehen war, wurde es zum Aufsehen erregendsten Skandalbild unter 1500 Exponaten. 1915 emigrierte Duchamp in die USA, um dem Ersten Weltkrieg zu entkommen; als er in New York eintraf, wurde er gewahr, dass er hier ein berühmter Mann war.

 

Vom aufgeschlossenen Mäzenaten-Ehepaar Arensberg gefördert, begann er mit dem, was als sein erstes Hauptwerk gilt: „Die Neuvermählte, von ihren Junggesellen entkleidet, sogar“, auch „Das große Glas“ genannt. Ihm samt Begleitmaterial reserviert das MMK einen ganzen Saal – mit ähnlichem Aufwand wie die Duchamp-Forschung, die viele Hundert Seiten mit seiner Interpretation gefüllt haben dürfte. Ohne es erschöpfend auszudeuten: Zwischen zwei in der Mitte geteilten Glasplatten sind ein halbes Dutzend Elemente platziert, die schon zuvor in Duchamps Werk aufgetaucht waren.

 

Rotorelief-Scheiben will keiner haben

 

Welche Rolle genau sie hier spielen, ist Gegenstand endloser Spekulationen; befeuert von allerlei rätselhaften Bemerkungen, die der Künstler im Lauf der Zeit dazu veröffentlicht hat. Vermutlich handelt es sich um ein vertracktes Symbolbild für das Verhältnis von männlicher und weiblicher Sexualität. Jedenfalls hörte Duchamp nach acht Jahren auf, daran weiterzubasteln – sowie mit kontinuierlicher Kunstproduktion überhaupt.

 

Allerdings wandte er sich nicht generell von der Kunst ab. Alle paar Jahre brachte er Schachteln mit Notizen und Skizzen heraus, ab 1941 auch mehrere Koffer-Museen, die wichtige Werke als Mini-Reproduktionen enthielten. 1935 erlebte er seine größte Pleite: „Rotoreliefs“ genannte Kartonscheiben mit abstrakten Motiven für Schallplattenspieler wollte keiner haben. Sie sind jedoch im Künstler-Episodenfilm „Dreams That Money Can Buy“ zu sehen, den Hans Richter 1947 drehte.

 

20 Jahre für letztes Hauptwerk

 

In den 1930/40er Jahren stand Duchamp der surrealistischen Bewegung nahe und organisierte mehrere große Ausstellungen mit. Für André Bretons 1937 eröffnete Galerie „Gradiva“ gestaltete er eine Glastür in Form eines Paars, das Arm in Arm geht; auch dieser Blickfang ist als Nachbau in der MMK-Schau zu sehen. Zu seinem letzten Hauptwerk wurde „Gegeben sei: 1. Der Wasserfall 2. Das Leuchtgas“: 1946 begonnen, soll diese Raumobjekt-Installation ihn 20 Jahre lang beschäftigt haben.

 

Das Original ist fest im Philadelphia Museum of Art installiert: In einer alten Holztür bieten Gucklöcher den Anblick eines nackten Frauentorsos im Unterholz. Die gesichtslose Gestalt hält eine Gaslampe; ihr enthaarter Schritt mit gespreizten Beinen ist dem Betrachter zugewandt. Ein Modell dafür, ein lederbezogenes Gipsrelief, wird im MMK vorgeführt.

 

Mona Lisa ist heiß am Hintern

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Hans Richter – Begegnungen: Von Dada bis heute" – große Retrospektive des Multimediakunst-Pioniers im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Besprechung des Films "Beuys" - Doku-Porträt des Aktionskünstlers Joseph Beuys von Andreas Veiel

 

und hier einen Beitrag über den Film "Where is Rocky II?" - brillante Konzeptkunst-Satire über ein Werk von Ed Ruscha von Pierre Bismuth.

 

Wäre dieses Spätwerk nicht längst kanonisiert, könnte es heute kaum noch präsentiert werden, ohne Sexismus-shitstorms auszulösen. Viele seiner Arbeiten spickte Duchamp mit Anzüglichem – doch so vieldeutig, dass seine Intentionen ungewiss blieben. Angefangen mit dem Künstler-Alter Ego „Rrose Selavy“, mit dem er viele Objekte signierte – was sich als „Eros, c’est la vie“ lesen lässt.

 

Bis zum berühmten Kalauer der Mona-Lisa-Reproduktion mit Schnurr- und Ziegenbart, betitelt mit „L.H.O.O.Q.“ (1919); die Buchstabenfolge wird auf Französisch wie „Elle a chaud au cul“ ausgesprochen, was etwa „Ihr ist heiß am Hintern“ bedeutet. Gleichviel, wie man das auffasst: Seine steten Verweise auf Geschlechtliches machen Duchamps Œuvre wesentlich attraktiver als viele knochentrockene Konzeptkunst-Nachfolger.

 

Großmeister der Coolness

 

Doch am wirkungsvollsten dürfte nicht sein Werk, sondern seine oszillierende Persönlichkeit gewesen sein: zwischen Erotomanie und Rationalität – 1932 gab er ein Schach-Fachbuch mit heraus –, zwischen lässigem Dandytum und avancierter Kunsttheorie. Wobei er sich völlig selbstbestimmt auf alles nur einließ, so weit und solange es ihm passte.

 

So nahm ihn Andy Warhol 1966 auf: 20 Minuten lang blinzelte Duchamp stoisch in die Kamera und rauchte dabei eine Zigarre. Ein Großmeister der Coolness – davon können heutige Kunsthochschul-Absolventen beim rastlosen Buhlen um Stipendien und Galeristen-Gunst nur träumen.