Alex Garland

Men – Was dich sucht, wird dich finden

Was führt der seltsame nackte Unbekannte (Rory Kinnear) im Schilde? Copyright: Men Film Rights LLC./Koch Films/Kevin Baker
(Kinostart: 21.7.) Kein Entrinnen vor den Männerfratzen: Eine Witwe will auf dem Land das Trauma ihres Gatten-Todes bewältigen, doch die Trauerarbeit wird zum schlechten Trip. Regisseur Alex Garland, Spezialist für vertrackten Psycho-Horror, setzt nach zwei SciFi-Szenarien nun auf heidnische Symbolik.

Zurück zur Gegenwart, oder besser back to the basics: Die ersten beiden Filme, bei denen Alex Garland Regie führte, waren anspruchsvolle, mit Horror-Elementen versetzte Science Fiction. In „Ex Machina“ (2015) ging es um künstliche Intelligenz, in „Auslöschung“ (2018) um unerklärliche Naturphänomene. Doch in seiner dritten Regie-Arbeit verzichtet Garland fast völlig auf Technologie; stattdessen setzt er auf psychologischen Horror und vorchristliche Symbolik.

 

Info

 

Men – Was dich sucht, wird dich finden

 

Regie: Alex Garland,

100 Min., Großbritannien 2022;

mit: Jessie Buckley, Rory Kinnear, Paapa Essiedu, Gayle Rankin 

 

Website zum Film

 

„Men – Was dich sucht, wird dich finden“ ähnelt strukturell dem Folklore-Horrorfilm „Midsomar“ von Ari Aster, der 2019 für das Genre neue Maßstäbe setzte. In beiden Fällen will die weibliche Hauptfigur ein schweres Trauma auf einer Reise verarbeiten. Am Ziel muss sie sich den eigenen Dämonen stellen, nicht zuletzt den Folgen einer toxischen Beziehung zu einem Mann.

 

Allein mit Seelennöten

 

Hier enden die Parallelen. Während die Hauptfigur in „Midsomar“ nach der kompletten Auslöschung ihrer Familie von einem heidnischen Kult aufgefangen wird und dadurch Rache an ihrem unaufrichtigen Beziehungspartner nehmen kann, muss Harper Marlowe (Jessie Buckley) mit ihren Seelennöten allein fertig werden. Ihr Mann James (Paapa Essiedu) ist bereits tot.

Offizieller Filmtrailer


 

Nackedei verfolgt Protagonistin

 

Nachdem sie ihn bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung aus der gemeinsamen Wohnung ausgesperrt hat, hat er seine Drohung wahrgemacht und sich vom darüberliegenden Balkon gestürzt. Oder ist er beim Versuch, über diesen Balkon zurück in die Wohnung zu klettern, abgerutscht? Solche Zweifel, viele Schuldgefühle und die Trauer um einen gefürchteten, aber auch geliebten Menschen – Harper nimmt eine Menge Gepäck mit, als sie zu einem Landsitz in den britischen Midlands fährt, wo sie sich zeitweise einquartieren will.

 

Dort trifft sie zunächst auf ihren Vermieter Geoffrey (Rory Kinnear), dessen altmodischen Humor sie noch auf seine Provinzialität zurückführt. Schon auf ihrem ersten Spaziergang kommt es zu einer wesentlich unheimlicheren Begegnung: Ein splitternackter Mann verfolgt sie aus dem Wald bis in den Garten des Landhauses. Auch Harpers Ausflug zur nahen Kirche verläuft beunruhigend.

 

Invasion der Verfolger

 

Zuerst findet sie steinerne Darstellungen des „Green Man“ – einer Männerfratze, die Zweige und Reben aus seinem Rachen zieht – und der „Sheela na gig“; diese stilisierte Frau zeigt mit gespreizten Beinen ihre Vulva vor. Beide Figurentypen gelten als heidnisch; ihre genaue Bedeutung ist unklar. Dann hört sich der Vikar pflichtschuldig ihre Geschichte an, nur um ihr daraufhin subtil die Schuld an James’ Tod zuzuschieben.

 

Von einem merkwürdigen Teenager muss sich als bitch beschimpfen lassen. Allmählich scheinen sich alle Männer, denen sie im Dorf begegnet, immer ähnlicher zu werden. Bis Harper es schließlich mit einer regelrechten Invasion unterschiedlicher Typen zu tun hat, die sich in einem einig sind: Sie haben es auf sie abgesehen.

 

Personifizierte Männlichkeits-Aspekte

 

Obwohl Regisseur Alex Garland ein paar Regeln des Genres auf den Kopf stellt, verdichtet sich der Horror nach allen Regeln der Kunst; angetrieben vom Soundtrack der Musiker Ben Salisbury und Geoff Barrow, einem Mitglied der Trip-Hop-Band Portishead. Besonders beeindruckend ist die Leistung des Schauspielers Rory Kinnear, der neben Harpers Vermieter noch weitere furchteinflößende Männergestalten verköpert.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films  "Ex Machina"Sci-Fi-Kammerspiel über künstliche Intelligenz von Alex Garland

 

und hier eine Besprechung des Films "The Innocents" – norwegischer Alltags-Horror-Thriller unter Kindern von Eskil Vogt

 

und hier einen Beitrag über den Film "Midsommar" – klug komponierter Mystery-Horror-Thriller über nordische Kommune von Ari Aster

 

und hier einen Bericht über den Film "Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution" über die Miss-World-Wahlen 1970 von Philippa Lowthorpe mit Jessie Buckley.

 

Jessie Buckely muss sich wie bei ihrer letzten großen Hauptrolle in „I’m Thinking of Ending Things“ (2020) von Verrätselungs-Meister Charlie Kaufman in einer Traumwelt zwischen Trauer, Trauma und Halluzination zurechtfinden. Sie erleidet Kinnears verbale Mikroaggressionen mit nuanciertem Spiel. Und sie teilt, als gegen Ende alles Innere nach Außen gekehrt wird, auch physisch aus – ohne zu zögern.  

 

Vaginaler body horror

 

Im Prinzip legt Garland seine Karten recht schnell auf den Tisch: Alle Männer im Dorf personifizieren Aspekte von Männlichkeit, die Harper in ihrer Zweierbeziehung die Luft abgeschnürt haben. Sie alle dienen als Auslöser für Erinnerungen an ihre multiplen Verletzungen, die sich unentwirrbar mit Schuldgefühlen vermischen. Wie sich dieses Geflecht aus Realität und Halluzination, dem in Rückblenden erzählten letzten Streit mit ihrem toten Gatten und dem eskalierenden Horror im Landhaus weiterentwickelt, ist äußerst kunstvoll.

 

Inmitten einer neutralen Landschaft und mit diskret effektvoller Kameraführung folgt der Film einer Spirale der Gewalt, die sich immer schneller dreht. Sie mündet in einer Sequenz von beeindruckendem body horror. Warum diese eher vaginal als phallisch ausfällt, oder wie  das finale Lächeln auf Harpers Gesicht zu deuten sei – das sind nur ein paar der Fragen, die Regisseur Garland am Ende wohlweislich offenlässt.