Berlin

Werner Herzog

Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu ›Rescue Dawn‹, USA 2006. Foto: Lena Herzog, Fotoquelle: Deutsche Kinemathek
Jeder für sich und Gott gegen alle: In 60 Jahren hat Werner Herzog rund 70 Filme gedreht – als Einzelkämpfer. Die Gedenkschau der Deutschen Kinemathek zum 80. Geburtstag fällt nach gelungenem Auftakt stark ab; sie setzt zu sehr auf Digital-Gadgets anstatt auf ekstatische Wahrheiten.

In der Laufbahn des Filmemachers Werner Herzog wie in der Ausstellung für ihn gibt es nach gelungenen Anfängen einen krassen Bruch. Der Regisseur wanderte 1996 nach Kalifornien aus; danach schwang sich sein Schaffen zu neuen, unvermuteten Höhen auf. Das gelingt dieser Gedenkschau zum 80. Geburtstag im zweiten Teil nicht. Weil es ihr – im Gegensatz zum Jubilar – an Wagemut fehlt, Riskantes auszuloten und eindrucksvoll darzustellen.

 

Info

 

Werner Herzog

 

24.08.2022 - 27.03.2023

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Straße 2, Berlin

 

Katalog 9,95 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Werner Herzog ist der letzte Mohikaner der Pioniere des Neuen Deutschen Films. Fassbinder ist seit langem tot und Wim Wenders mit der Verwaltung seines Ruhms beschäftigt. Edgar Reitz hat sich offenbar zur Ruhe gesetzt, der hyperaktive Alexander Kluge verfolgt bizarre Projekte, Volker Schlöndorff verfertigt gelegentlich biedere Konfektionsware. Nur Herzog dreht immer noch unverdrossen einen Spiel- und Dokumentarfilm nach dem anderen, inzwischen mehr als 70. Außerdem schreibt er Bücher, gibt Seminare und tritt als Schauspieler in Kino und TV auf.

 

Zentrifugales Riesenwerk

 

Wie kann seinem Riesenwerk eine Museumsschau gerecht werden? Ausstellungen über Regisseure sind prinzipiell schwierig; statische Exponate bilden meist nur Fußnoten zu bewegten Bildern. Doch in Herzogs Fall wird die Aufgabe besonders heikel. Sein Filmschaffen greift in sämtliche Richtungen aus, behandelt alles und sein Gegenteil – ihm ist nichts Sichtbares fremd. Da hängt viel von der Entscheidung für eine sinnvolle Gliederung ab.

Interview mit Direktor Rainer Rother + Impressionen der Ausstellung


 

Inmitten tobender Naturgewalten

 

Die Kuratoren haben eine derart summarische Zweiteilung gewählt, dass sie alles umfasst – aber kaum strukturiert. Der erste Raum behandelt die „Natur“ in Herzogs Filmen; wie wohl kein anderer Regisseur hat er unermüdlich das Walten der Elemente festgehalten. In allen Erscheinungsformen und Winkeln des Globus: von der Wüste in „Fata Morgana“ (1971) über die Antarktis in „Begegnungen am Ende der Welt“ (2007) bis zu Vulkanausbrüchen in „Into the Inferno“ (2016). Auch seine Filmfiguren sind häufig einer feindlichen Natur ausgesetzt.

 

Was der „Natur“-Raum immersiv widerspiegelt: Auf drei Video-Leinwänden in der Mitte toben die Gewalten – glühende Lavaströme, brennende Ölquellen oder Wassermassen in wuchernden Urwäldern. Alle Wände sind mit Dschungel-Fototapete beklebt; die grüne Hölle war der Schauplatz von Herzogs berühmtesten Filmen „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) und „Fitzcarraldo“ (1982). Darauf prägnante Set-Fotos, darunter Dokumente zur Entstehung mancher Werke, dazwischen Monitore mit Filmausschnitten. Eine konventionelle, aber aussagekräftige Präsentation, die Lust auf mehr macht.

 

Preview-Recycling von Doku-Statements

 

Doch es folgt eine „Wunderkammer“, die eher einem Gruselkabinett gleicht: In Vitrinen werden Dutzende von Requisiten samt handbeschrifteten Zetteln ausgebreitet. Etliche sind makaber – Schädel, tote Ratte, Hirschkäfer, zerschlagene Puppe –, manche echt, andere nicht. Das Arrangement sieht aus wie der Fundus einer B-Horror-Movie-Produktionsfirma und soll illustrieren, dass in Filmen Fakten und Fiktion, Original und Fälschung kaum zu unterscheiden sind. Alles Illusion, tatsächlich?

 

Im Kino-Kabinett nebenan preisen Kollegen wie Wenders, Schlöndorff und jüngere Fans wie die Regisseure Chloé Zhao und Joshua Oppenheimer die Qualitäten von Herzog. Talking Heads, bigger than life – bloß: Alle Statements entstammen dem Dokumentarfilm „Werner Herzog – Radical Dreamer“ von Thomas von Steinaecker, der am 27. Oktober anläuft. Solches Preview-Recycling begegnet dem Besucher noch einmal.

 

Bewertung mit politischer Korrektheit

 

Im zweiten Teil eine Etage darüber: Er ist dem „Menschen“ gewidmet und auf rund der doppelten Ausstellungsfläche dürftig bestückt. Eingangs bewerten auf Monitoren zehn Zeitgenossen Herzogs Werk mit Kategorien heutiger politischer Korrektheit, wobei es erwartbar schlecht abschneidet. Die Regisseurin Uli Decker betont, sie wolle keine Abenteuerfilme mit weißen Heldenmännern mehr sehen.

 

Der Schauspieler Peter Brownbill moniert, dass die Akteure in „Auch Zwerge haben klein angefangen“ (1970) als anarchische Chaoten auftreten – wobei Herzog als erster Regisseur einen Spielfilm nur mit Kleinwüchsigen besetzte. Und im Folgejahr mit der Doku „Land des Schweigens und der Dunkelheit“ über Taubblinde bewies, wie sensibel und respektvoll er mit Schwerbehinderten umzugehen versteht.

 

Sozialarbeiterfragen + Waldorfschulen-Wand

 

Solche Kontroversen der Rezeption sollen fünf Medienstationen aufgreifen; Inhalte und Entstehungs-Umstände mancher Herzog-Filme waren seinerzeit recht umstritten. Bildschirme zeigen Kürzest-Ausschnitte, nebenstehende Texte tippen die jeweiligen Diskussionen nur an und münden in Sozialarbeiterfragen. Etwa „Wie lässt sich übergriffiges Verhalten am Set vermeiden?“ oder „Ist ein Miteinander auf Augenhöhe überhaupt möglich“? Würde die Ausstellung eindeutig Position beziehen, wäre zumindest Erkenntniszuwachs möglich.

 

Immerhin stellt sie hier noch Fragen, während der letzte Raum zum „Menschen“ – generell und der Person Herzog – sich mit erhabener Fast-Leere begnügt. Links vier Monitore mit weiteren Interviews aus der „Radical Dreamer“-Doku, rechts eine Wand mit der Überschrift „Was macht uns zum Menschen?“. Darunter Fotos zahlreicher Herzog-Protagonisten, zu neun Gruppen unter Begriffen wie „Individualismus“, „Pflicht“ oder „Widerständigkeit“ angeordnet. Das hätte keine Waldorfschulen-AG schöner hinbekommen.

 

Debatten in der Audioguide-App

 

Würdiger Abschluss dieser Minimal-Gestaltung ist ein Halbrund mit zwei Multimedia-Strandkörben und Karikaturen des auf Popkultur-Größen spezialisierten Comic-Zeichners Reinhard Kleist zu Schlüsselszenen aus Herzogs Vita. Sonst nichts. Die Macher betonen, alles Weitere finde sich auf einer Audioguide-App: O-Töne von Herzog und seinen Mitarbeitern, Hintergrund-Infos zu Exponaten und Angebote zur Beteiligung an Debatten über kontroverse Filme.

 

Indes: Keiner geht in eine Ausstellung, um Filmschnipsel und Internet-Content zu sehen, die er im Kino oder daheim komfortabler und konzentrierter konsumieren könnte. Die Kunst ihrer Inszenierung liegt darin, anschauliche Artefakte aufzubieten, die man beim Rundgang mit Gewinn betrachtet. Auf dem Primat des Analogen besteht auch Herzog selbst, trotz seines Interesses für Künstliche Intelligenz und technische Innovationen. Er besitzt kein Handy; in seinen Seminaren sind Digital-Geräte aller Art untersagt.

 

Keine Kolonialhistorie, sondern Kollaps

 

Anstatt diverse Aspekte mit Schlaglichtern und -worten zu streifen, täte die Schau besser daran, einige ausgewählte zu vertiefen. Ansatzpunkte dafür bietet Herzogs Gesamtwerk zuhauf; fast alle Streitpunkte in 50 Jahren Kinogeschichte kommen darin vor. Etwa der Dauerkonflikt zwischen ihm und seinem hassgeliebten Hauptdarsteller Klaus Kinski in fünf Filmen binnen 15 Jahren, den Herzog selbst 1999 in seiner Doku „Mein liebster Feind“ nachzeichnete: Was lässt sich dem Aufeinanderprallen dieser beiden Alphatiere entnehmen?

 

Oder der oft erhobene Vorwurf, Herzog habe in seiner Kolonialeroberer-Trilogie mit Kinski – zu der neben „Aguirre“ und „Fitzcarraldo“ noch „Cobra Verde“ (1987) zählt – deren Treiben glorifiziert und zudem indigene Statisten schlecht behandelt. Das bestritt der Regisseur schon 1973 überzeugend in einem Brief an die Filmbewertungsstelle Wiesbaden, die „Aguirre“ zunächst das Prädikat „wertvoll“ verweigert hatte: Sein Film zeige nicht reale kolonialgeschichtliche Ereignisse, sondern semifiktiv den „inhumanen Gehalt“ des Kolonialismus und seinen dadurch bedingten Zusammenbruch.

 

Antiker Tragödienheld im Filmgeschäft

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Salt and Fire" -  Öko-Katastrophenfilm von Werner Herzog

 

und hier eine Besprechung des Films "Königin der Wüste – Queen of the Desert" – malerisches Orient-Historienepos mit Nicole Kidman von Werner Herzog

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellungen "Pluriversum + Gärten der Kooperation" zum 85. Geburtstag von Alexander Kluge in Essen + Stuttgart

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Fassbinder – Jetzt: Film und Videokunst" – große Retrospektive des Regisseurs im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt am Main.

 

Ein Musterbeispiel für das, was Herzog „ekstatische Wahrheit“ nennt, die er 1999 so definierte: Er strebe keine „oberflächliche Buchhalter-Wahrheit“ an, sondern eine „poetische Wahrheit“, die vor allem durch „Imagination und Stilisierung“ zu erreichen sei. Um dem Publikum zu intensiven Eindrücken und Einsichten zu verhelfen, die allein durch aneinandergereihte Fakten nicht zu vermitteln seien.

 

Dieses anspruchsvolle Selbstverständnis lässt ihn gern zu Stoffen greifen, die dem Muster antiker Tragödien folgen: Außenseiter bieten der Welt die Stirn und dafür all ihre Kräfte auf – bis sie scheitern, an eigener Hybris oder Ignoranz der Umgebung. Womit Herzog letztlich in fiktionalen Varianten seine eigene Stellung im Filmgeschäft beschreibt: die eines heroischen Einzelkämpfers, der aufs Ganze geht und unbeirrbar seine Visionen umsetzt.

 

Zum Übernachten in leere Häuser einbrechen

 

Mit durchaus zwiespältigen Zügen: Wie dieser thrill seeker unentwegt und rastlos nach neuen Themen und Szenarios sucht – das hat etwas von visueller Bulimie. Sie ist nicht frei von Voyeurismus und Sensationalismus; Hauptsache, die Aufnahmen sind spektakulär. Dabei denkt Herzog stets in Bildern und arbeitet zuweilen ohne Drehbuch; das lässt ihn manchmal krachend scheitern.

 

Vielleicht ist die Arbeitsweise dieses grandios getriebenen Berserkers zu impulsiv und zügellos, um in eine Ausstellung zu passen. Im Reisebericht „Vom Gehen im Eis“ von 1974 über seine Wanderung von München nach Paris zur schwerkranken Filmkritikerin Lotte Eisner schildert er, wie er unterwegs bedenkenlos in leer stehende Häuser einbrach, um dort zu übernachten. Ein skrupelloser Korsar des Kinos: Vielleicht findet die Kinemathek eine adäquate Form dafür erst in einer Würdigung zum 90. Geburtstag.