München

Jenseits von Hellas – Santiago Calatrava in der Glyptothek

Santiago Calatrava: Aegineten 275 J, 2021, Schmiedeeisen und alte Eiche. Foto: © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek, fotografiert von Renate Kühling
Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen: Der spanische Stararchitekt zeigt in der Glyptothek Skulpturen, die von antiken Vorbildern inspiriert sind. Eine eindrucksvolle Tour d’Horizon durch zeitlose Prinzipien der Darstellung von Menschen – allerdings kümmerlich erläutert.

Brückenbauer von Weltrang: Der 1951 in Valencia geborene Santiago Calatrava Valls ist einer der renommiertesten und höchstbezahlten Architekten unserer Zeit. Viele seiner Entwürfe sprengen alle Maßstäbe, auch finanziell. Beim Wiederaufbau des World-Trade-Center in New York verteuerten sich die Baukosten seines 2016 eröffneten U-Bahn-Umsteigebahnhofs von zwei auf fast vier Milliarden Dollar.

 

Info

 

Jenseits von Hellas – Santiago Calatrava in der Glyptothek

 

22.06.2022 - 23.10.2022

täglich außer montags

10 bis 17 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek, Kunstareal, Katharina-von-Bora-Straße 10, München

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Dennoch erhält Calatrava weiterhin weltweit Aufträge – das dürfte an seiner einzigartigen Formensprache liegen. Anders als etliche Kollegen verweigert er sich dem Diktat des rechten Winkels zwecks Rendite-Optimierung. Stattdessen verwendet er organische, von natürlichen Vorbildern wie Blattwerk oder Gerippen abgeleitete Formen, denen er häufig eine abstrakte, biofuturistische Anmutung verleiht.

 

Augapfel-Kino + Torso-Hochhaus

 

Ein 1998 eingeweihtes Planetarium mit Kino für Valencia gestaltete er wie einen gigantischen Augapfel. Für die Pfeiler des 1990 in Betrieb genommenen Züricher Bahnhofs Stadelhofen nahm er Maß an einer Hand mit abgespreiztem Daumen. Sein erster Wolkenkratzer, 2005 in Malmö fertig gestellt, ähnelt einem gedrehten menschlichen Oberkörper – und heißt folgerichtig „Turning Torso“.

Impressionen der Ausstellung


 

Bildhauerei + Architektur ohne Grenzen

 

Calatravas Formensprache eignet sich besonders für Brücken und andere Verkehrsbauten. In Deutschland hat er eine Kostprobe seines Könnens an prominenter Stelle errichtet: Die Berliner Kronprinzenbrücke überspannt die Spree nördlich des Regierungsviertels und führt zum Spreebogenpark. Millionen von Touristen dürften sie bereits benutzt haben.

 

Allerdings begreift sich der Spanier ebenso sehr als Bildhauer wie als Baumeister. „Zwischen der Bildhauerei und der Architektur gibt es keine klaren Grenzen“, sagt Calatrava: „Es gibt nur eine Konvention, (…) und zwar mit der natürlichen Suche der Formen“. Dazu ließ und lässt er sich von klassischen Skulpturen inspirieren.

 

Begeisterung für Ägina-Giebel

 

1992 besuchte er die Staatlichen Antikensammlungen in München. Ihn begeisterten die Prunkstücke der Kollektion: Marmorfiguren, die beide Giebel des Tempels der Aphaia von Ägina schmückten. Sie machen den wichtigsten Wechsel altgriechischer Kunstepochen anschaulich. Der um 510 v. Chr. entstandene Westgiebel ist noch spätarchaisch gestaltet, der zehn bis 20 Jahre später angefertigte Ostgiebel bereits frühklassisch. Das sieht man den Plastiken an: idealisierend kraftvoll gespannt im Westgiebel, lebensnah beweglich im Ostgiebel.

 

Die seit 1827 in der Glyptothek aufgestellten Ensemble regten Calatrava dazu an, im Lauf von drei Jahrzehnten 16 eigene „Aegineten“-Skulpturen zu schaffen – sie sind nun erstmals am Ort ihrer Inspiration zu sehen. Zuvor werden drei weitere Werkgruppen mit mehr oder weniger Bezug zur Antikensammlung gezeigt. Neben der Kasse begrüßen den Besucher zwei monumentale, hölzerne Totems. Sie werden mit der „Endlosen Säule“ (1937/8) von Constantin Brâncuși verglichen, sehen aber eher wie Wirbelsäulen aus.

 

Wie Stacheltier-Querschnitt aus Stahl

 

Drei in den Nachbarräumen platzierte „Steel Leaves“ beeindrucken durch fast schon aggressive Dynamik. Spitze Gebilde, die Borsten oder Schuppen sein könnten, bilden aufeinander gepfropft einen Halbkreis – als hätte Calatrava aus einem Igel oder Stacheltier einen Querschnitt herausgeschnitten, hundertfach vergrößert und in Stahl gegossen. Allerdings bleibt der Bezug zur antiken Plastik unklar.

 

Offensichtlich ist er hingegen bei neun runden Marmorskulpturen. Auf mannshohen Pfeilern kreisförmig angeordnet, entspricht das Arrangement der „Cyclades“ der gleichnamigen Inselgruppe in der Ägäis. Die Eilande rings um Delos sind berühmt für ihre bronzezeitlichen Idole aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. mit schematischer Stilisierung menschlicher Körper. Dem entsprechen Calatravas glatte Scheibenformen mit elegant geschwungenen Ein- und Ausstülpungen.

 

Raum-Kombinationen von Mensch + Material

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Kykladen" über die frühgriechische Kultur in der Ägais der Bronzezeit im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Rudolf Belling - Skulpturen und Architekturen"gelungene Retrospektive im Hamburger Bahnhof, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Coop Himmelb(l)au - Frankfurt Lyon Dalian" - Werkschau des dekonstruktivistischen Büros im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt/Main

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Lina Bo Bardi 100 – Brasiliens alternativer Weg in die Moderne" - erste deutsche Werkschau der Architektin in der Pinakothek der Moderne, München.

 

Dagegen entfernen sich seine Aegineten-Skulpturen sichtlich von ihren antiken Vorläufern. Während von diesen nur wenige runde Schutzschilde tragen, haben alle Calatrava-Krieger welche zur Hand, die sie in allen möglichen Positionen halten: zur Linken, zur Rechten, über dem Haupt etc. Offenbar geht es ihrem Schöpfer darum, sämtliche räumlichen Kombinationen von Mensch und Material durchzuspielen.

 

Passenderweise sind alle Figuren kopflos; ihre extrem schlanken, muskellosen Leiber lassen sie wie Gliederpuppen wirken. Diesen bronzenen Pappkameraden fehlt jede Individualität; sie erscheinen wie Strichmännchen, die Architekten in Erstfassungen ihrer Entwürfe skizzieren. Dennoch geht von den posierenden, hockenden oder stürzenden Gestalten ein eigentümlicher Reiz aus – sie demonstrieren unveränderliche Prinzipien der Darstellung von Menschen.

 

Virtuose Papierarbeiten

 

Dass Calatrava bei seiner Aktualisierung der Antike den Künstlern vor 2500 Jahren ebenbürtig ist, zeigen seine Zeichnungen, Aquarelle und zwei Leporellos, die gleichfalls ausgestellt werden: Auf ihnen spielt er sämtliche Ansichten von Antlitz und Körpern der Krieger virtuos durch. Allerdings würde man sich wünschen, dass diese Schau ausführlicher kommentiert würde. Die Erläuterungen zu jeder Werkgruppe beschränken sich auf wenige allgemein gehaltene Sätze, die zudem teilweise mehrfach wiederholt werden.