Valentin Merz

Nachtkatzen

Die Filmcrew bei der Arbeit. Foto: GM Films
(Kinostart: 3.8.) Nachts sind alle Katzen geil: In seinem Debütfilm verbindet Regisseur Valentin Merz die Lust am Filmemachen mit der Lust am Fleische, aber auch an Moosen, Milch und Steinen. In dem Film im Film gibt es kaum Gewissheiten, viele Ebenen und Ideen, ein paar Orgasmen und nur wenige Höhepunkte.

In einer abgelegenen französischen Landschaft dreht der Filmemacher Valentin (Valentin Merz) mit seinem Team einen queeren erotischen Film. Irgendwann während der Dreharbeiten verschwindet der Regisseur spurlos. Da einer der Schauspieler ihn im Traum tot im Wald hat liegen sehen, wird die Polizei eingeschaltet. Diese findet in der Tat seine Leiche, die allerdings ebenfalls sehr schnell wieder verschwindet.

 

Info

 

Nachtkatzen

 

Regie: Valentin Merz,

110 Min., Schweiz 2022;

mit: Adrian Merz, Alain Labrune, Robin Mognetti 

 

Weitere Informationen zum Film

 

„Nachtkatzen“ beginnt mit einer Sequenz aus dem Film im Film: Zu Schlagerklängen liebkosen und stimulieren zwei Männer einander, eine Frau leckt an Moosen und Steinen, andere winden sich zwischen Farnen oder begießen das ganze Spektakel aus Steinkrügen mit Milch. Während der Text zur Musik vom Abschied erzählt, gehen die Protagonisten im Bild in einer pansexuell üppigen Natur in neuen Sinnesfreuden auf.

 

„Ui-jui-jui“

 

Sexualität und ihre schwer abgrenzbaren Randbereiche spielen in „Nachtkatzen“ auf allen Ebenen eine Rolle. So berichtet eine der Schauspielerinnen in einem dokumentarisch anmutenden Teil von ihrem nie versiegenden Begehren und den körperlichen Möglichkeiten, über die sie in jüngeren Jahren verfügte. Ein eher einfach gestrickter Bauer aus der Region, der zu den Dreharbeiten gestoßen ist, um Geld zu verdienen, beschreibt das Thema des Films treffend so: „Ui-jui-jui“.

Offizieller Filmtrailer


 

Filmprojekt läuft aus dem Ruder

 

Es geht Regisseur Valentin Merz offenkundig darum, von den Freuden des Filmemachens selbst zu erzählen. Dafür hat er die Geschichte eines Filmprojekts ersonnen, das während seiner Durchführung aus dem Ruder, aber dennoch immer weiterläuft. So entspinnen sich zwischen Film-im-Film und Mantelgeschichte beständig neue Handlungsstränge. Von einigen ist nicht klar, welcher Ebene sie zuzuordnen sind; sicher aber ist, dass sich die Ebenen gegenseitig befruchten und durchdringen.

 

Mit jeder neuen Figur öffnen sich neue filmische Möglichkeiten und erzählerische Ansätze. Es gibt Passagen, die ins Soft- oder Queer-Pornografische gehen, Videoclip-Ästhetik zu voll ausgespielten Musiktiteln, Kriminal- beziehungsweise Neo-Noir-Anleihen und Brachialkomödiantisches. Manche von ihnen verlaufen sich im Dunkel des umliegenden Waldes, andere stoßen bis in Regionen transsexuell inspirierter Rituale an der mexikanischen Pazifikküste vor. Hier findet etwa Robin (Robin Mognetti), der Kameramann und Geliebte des Regisseurs, zuletzt zur recht finalen spirituelle Wahrheit.

 

Improvisationen ohne Drehbuch

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Unruh" – origineller Historienfilm über die Anfänge von  Uhrenindustrie + Anarchismus in der Schweiz von Cyril Schäublin mit Valentin Merz 

 

und hier eine Besprechung des Films "The Wild Boys (Les garçons sauvages)" – faszinierend queer-erotische Abenteuer-Fantasie von Bertrand Mandico

 

und hier einen Beitrag über den Film "Messer im Herz" – schräger Giallo-Krimi über Morde im Schwulenporno-Milieu von Yann Gonzalez

 

und hier einen Bericht über den Auftritt der "Ökosex"-Propagandistin Annie Sprinkle auf der documenta 14 in Kassel.

 

und hier eine Kritik der Ausstellung "Omer Fast »Reden ist nicht immer die Lösung«" über den Arbeitsalltag von Porno-Darstellern im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Die Ausarbeitung ihrer Rollen hat Regisseur Valentin Merz in seinem Spielfilmdebüt weitgehend den Darstellern überlassen, die im Film unter ihren eigenen Namen auftreten. Statt eines Drehbuchs hat er Kapiteleinteilungen vorgegeben und so eine Art Storyline konzipiert; darüber hinaus vertraut er weitgehend auf das Improvisationstalent seiner Mitstreiter.

 

Herausgekommen sind zum Teil recht komische Szenen, etwa in den Teilen, in denen ein Kommissar Nachforschungen zum Verhältnis von Film und Realität anstellt und sich dabei bemüht, den Eindruck zu erwecken, er arbeite entschlossen an einem Fall. Ob es den allerdings überhaupt tatsächlich gibt, vermag er zunehmend weniger zu beurteilen.

 

Film für kleine Fangemeinde

 

Ebenfalls in Erinnerung bleibt ein kauziges schweizerisches Bestatterpärchen, das – wie vieles in diesem Film – vom vorgesehenen Weg abkommt. Andere Handlungsstränge verlieren sich hingegen in bloßer Beliebigkeit und sind wenig angetan, das Interesse der Zuschauer zu fesseln; ebenso wirken die Beschwörungen (pan-)sexueller Höhepunkte auf Dauer eher albern als stimulierend.

 

Obwohl „Nachtkatzen“ eher in erster Linie ein Werk für eine ziemlich begrenzte Fangemeinde ist, gelingen dem Film einige großartige Einstellungen. Damit gelingt es dem filmgeschichtlich gut informierten Regisseur durchaus, sein Anliegen teilweise zu verwirklichen und die Magie des Kinos zumindest einige Momente lang lustvoll hervorzukitzeln.