Venedig

60. Biennale Venedig: Foreigners Everywhere

Agnes Questionmark: Cyber Teratology Operation, 2024. Foto: Elke Linda Buchholz
Expedition auf unbekannte Kunst-Kontinente: Die Biennale rückt lange ignorierte Künstler aus dem globalen Süden und den Rändern der Gesellschaft ins Rampenlicht – von Abstraktion aus dem Orient über Wimmelbilder fremder Lebenswelten bis zu Stammbäumen über 65.000 Jahre und Kriegs-Karaoke aus der Ukraine.

„Fremde überall“ lautet die Losung aber nicht nur in der Hauptausstellung. Viele Kuratoren der Länderpavillons – diesmal sind 88 Nationen dabei – greifen sie bereitwillig auf. Offenbar hat keiner mehr Lust, nur die nationale Kunstelite vorzuzeigen. Das schafft einen Spannungsbogen, der dieser Biennale guttut. Sonst herrschte in den Giardini oft ein wilder, kruder Themenmix. Diesmal wirft man sich thematisch die Bälle zu.

 

Allenthalben wurden erstmals Indigene gebeten, die Pavillons zu bespielen; etliche haben migrantische Biografien. Zu denen Highlights zählen der Skandinavische Pavillon, indem eine eigens komponierte Kanton-Oper aufgeführt – bewacht von einem riesigen Drachenhaupt aus Ostasien am Eingang. Archie Moore, ein Aborigines-Künstler aus Australien, erhielt den Goldenen Löwen für sein wuchtiges Memorial: Er hat einen Ahnen-Stammbaum, der 65.000 Jahre umfasst, mit weißer Kreide auf schwarze Wände gezeichnet.

 

Träge tropfendes Palmöl

 

Im US-Pavillon feiert der queere Jeffrey Gibson seine Cherokee-Herkunft regenbogenbunt, mitreißend und mit dröhnenden Beats. Das knallt. Dagegen tropft im Pavillon der Niederlande Palmöl träge von den Wänden. Eingeladen wurden ehemalige Plantagenarbeiter aus dem Kongo. Ihre Skulpturen von Tieren und Menschen sind dunkel, voller Wut und ranziger Schokolade. Mit dem Erlös ihrer Werke wollen sie ihr Land zurückkaufen, das derzeit vom Lebensmittel-Konzern Unilever genutzt und ausgebeutet wird.

Impressionen der Ausstellung im Arsenale


 

„Schwanensee“ für Putins Sturz

 

Sehr eigene Duftnoten setzt Österreich. Die in Leningrad geborene Wienerin Anna Jermolaewa hat ein Dutzend frische Sträuße in Vasen arrangiert. Jede Blume steht für eine Revolution: Nelken für Portugal (1974), Krokusse für Myanmar (2007), ein Orangenbäumchen für die Ukraine. Nebenan probt eine ukrainische Tänzerin Tschaikowskis „Schwanensee“-Ballett – es war bei politischen Krisen immer im sowjetischen Staatsfernsehen zu sehen. Der nächste Anlass soll Putins Abgang sein, hofft sie.

 

Kriegs-Karaoke aus der Ukraine offeriert Polen einen Pavillon weiter; dazu stehen Mikrophone zum Mitmachen bereit. „WEE WEEE HUUU“, „TUDUH TUH“ oder „WZWFF BUUHH“: Auf großer Leinwand ahmen von der Front geflüchtete Männer und Frauen die Geräusche der russischen Kriegsmaschinerie nach. So klingen Mörsergranaten, Maschinengewehre und Flugangriffe. Konsterniert schweigen die Anwesenden. Schlicht ist das – und schlicht unheimlich.

 

Jüdische Emigration ins All

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension über die "59. Biennale Venedig: The Milk of Dreams" mit einer umfassenden Würdigung und Rehabilitation des Surrealismus

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "O Quilombismo" – faszinierend vielfältige Überblicks-Schau über nichtwestliche Gegenwartskunst im Haus der Kulturen der Welt, Berlin

 

und hier ein Bericht über die "documenta fifteen" – Überblick über die weltgrößte Gegenwartskunst-Ausstellung 2022 in Kassel

 

und hier ein Beitrag über die Ausstellung "Yael Bartana – Redemption Now" – erste große Werkschau der israelischen Videokünstlerin im Jüdischen Museum Berlin

 

und hier einen Artikel über die Ausstellung "Fahrelnissa Zeid: Pionierin der Moderne" – große Retrospektive der türkisch-irakisch-jordanischen Künstlerin in der Deutsche Bank KunstHalle, Berlin.

 

Auf andere Weise unbehaglich geht es im deutschen Pavillon zu. An seiner NS-Architektur haben sich schon viele Künstler abgearbeitet. Diesmal versperrt ein Erdhaufen den Haupteingang; hinein kommt man nur durch eine Seitenpforte. Drinnen breitet der Theatermann Ersan Mondtag, Berliner mit türkischen Wurzeln, die Biografie seines Großvaters aus. Unten steht die nachgebaute Werkbank einer Asbest-Firma, an der er ab 1968 schuftete; weißer Staub wird aufgewirbelt. Oben in der Wohnung lagert auch das graue Pulver; dazu schaufelt sich ein graubärtiger Schauspieler selbst sein Grab – Opa starb an Lungenkrebs.

 

Ergänzt wird das von einer zwiespältigen Zukunftsvision. Die Israelin Yael Bartana schickt im Videofilm ein Generationenschiff ins All. Da die Erde unbewohnbar geworden ist, setzt das jüdische Volk seine ewige Wanderung nun im Weltraum fort; der Bauplan des Science-Fiction-Spaceshuttles beruht auf Formeln der Kabala, also jüdischer Mystik.

 

Dreckige Füße als Vatikan-Beitrag

 

Gibt’s nicht irgendwo etwas zu lachen? Doch, ausgerechnet bei den Eidgenossen. Der nonbinäre Helvetico-Brasilianer Guerreiro do Divino Amor (was für Künstlername!) hat mit allen digitalen Mitteln ein barockes Trash-Universum zusammengemixt. Unter einer Riesenkuppel ist ein irrwitziger, bitterböser Bilderrausch zu sehen: Banken, Kühe, Uhren und Alpengipfel – alle nationalen Klischees werden verwurstet. Sich selbst stellt der Künstler als vielbrüstige Gottheit auf einen himmelhohen Sockel. So viel Selbstironie hätte man den Schweizern nicht zugetraut.

 

Sogar der Papst beehrte diese Biennale, das gab’s noch nie. Er lieferte auch die Idee zum diesjährigen Beitrag des Vatikan: In einem Frauengefängnis auf der vorgelagerten Insel Giudecca arbeiten Künstlerinnen mit Insassinnen zusammen. Ohne Voranmeldung ist aber nur von außen eine einzige Arbeit zu sehen: Die Fassade der Gefängniskapelle wird haushoch von zwei schmutzigen Fußsohlen bedeckt. Der für Provokantes bekannte italienische Künstler Maurizio Cattelan hat sie gemalt. Man mag an den liegenden toten Christus denken, wie beim Renaissancemaler Andrea Mantegna. An demütige Fußwaschungen, wie Papst Franziskus sie gerne vollzieht. Oder an den Dreck, der dem Vatikan selbst an den Sohlen klebt.