
Einsamkeit frisst die Seele auf. Das weiß die 70-jährige Mahin (Lily Farhadpour), seitdem ihr Mann vor 30 Jahren bei einem Autounfall gestorben ist. Nun sind auch ihre Kinder erwachsen und wohnen längst mit ihren eigenen Familien im Ausland. Zurück blieb Mahin, allein in ihrer geräumigen Parterrewohnung in Teheran.
Info
Ein kleines Stück vom Kuchen
Regie: Maryam Moghaddam + Behtash Sanaeeha
97 Min., Iran/ Frankreich/ Deutschland/ Schweden 2024;
mit: Lily Farhadpour, Esmail Mehrabi, Mohammad Heidari, Melika Pazouki
Weitere Informationen zum Film
Ausbruch aus der Isolation
Als Isolation und Tristesse sie zu übermannen drohen, nimmt Mahin ihr Schicksal selbst in die Hand. In einem Restaurant fällt ihr ein älterer Herr auf, der beklagt, niemanden zu haben, der für ihn kocht. Mahin folgt ihm zur Arbeit und findet heraus, dass er Faramarz (Esmail Mehrabi) heißt und Taxi fährt. Schließlich bittet sie ihn, dass er sie nach Hause fährt.
Offizieller Filmtrailer
Gemeinsam für eine Nacht
Schon im Auto beginnen die beiden ein Gespräch. Sie reden über die Vergangenheit, die Islamische Revolution von 1979 und den Krieg mit dem Irak von 1980 bis 1988. Und so bleibt Faramarz, als sie die Wohnung erreichen, noch ein bisschen da. Bei einem Glas Wein kommen sich die beiden rasch näher. Bald tanzen sie, ersetzen kaputte Glühbirnen im Garten, sprechen über ihre verflossenen Partner und lachen über die Widersprüche, die ihr Dasein bisher bestimmt hat.
Es ist eine lange Nacht, die diese beiden einsamen Menschen gemeinsam verbringen. Sie endet traurig, aber das ist nicht die Hauptsache. Das iranische Regie-Duo Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha hat einen zarten, berührenden Film über den Glauben an die Möglichkeit von Liebe und Glück gedreht – mit einer beeindruckenden, willensstarken Frau im Zentrum.
Durchschimmernde Systemkritik
Mahins Mut zur Eigeninitiative zeigt sich nicht nur in ihrer spontanen Männerwahl. Bei einem Spaziergang im Park hilft sie einer Teenagerin, die von der Sittenpolizei verhaftet zu werden droht, weil sie ihren Hidschab nicht richtig trägt. Mahin diskutiert mit dem Beamten und stellt sich zwischen ihn und das Mädchen. Am Ende fährt der Einsatzwagen ohne die junge Frau ab. „Je unterwürfiger du bist, desto mehr werden sie dich fertig machen“, sagt Mahin – und fügt hinzu, dass sie das erst vor kurzem gelernt hat.
„Ein kleines Stück vom Kuchen“ ist trotz des harmlos klingenden Titels voller scharfsinniger Anspielungen auf die politische und gesellschaftliche Situation im Iran. Eingebettet in eine simple Rahmenhandlung mit pointierten Dialogen, schimmert die Systemkritik mal mehr, mal weniger deutlich durch.
Recht aufs eigene Glück
Mahins stumme Existenz allein in ihrer Wohnung wird als eine Reihe von sorgfältig komponierten Tableaus gefilmt. Sie ist eine Frau, die sich nicht an die frauenfeindlichen Normen des Mullah-Regimes hält. Als Witwe erkennt sie plötzlich, dass sie trotz ihres Alters jedes Recht hat, glücklich zu sein. Als Faramarz in ihr Leben tritt, erleben sie gemeinsam ein Abenteuer, das beiden bis vor ein paar Stunden noch völlig undenkbar schien.
Die Geschichten, die sie einander erzählen, sind mal ernst, mal leicht und dabei immer faszinierend. Mit überraschender Geschwindigkeit entwickelt sich ihr erstes Rendezvous vom unbeholfenen Kennenlernen über erste Liebesbekundungen bis hin zu Plänen für eine gemeinsame Zukunft. Ihre unerschrockene Offenheit miteinander erscheint berührend und bestürzend zugleich.
Ausreiseverbot für Regie-Duo
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Taxi Teheran" - warmherziger Berlinale-Siegerfilm 2015 von Jafar Panahi
und hier eine Besprechung des Films "Drei Gesichter" - vergnügliches und vielschichtiges Gesellschafts-Panorama von Jafar Panahi
und hier einen Beitrag über den Film "Sharayet – Eine Liebe in Teheran" – lesbisches Coming-Out im Mullah-Regime von Maryam Keshavarz
sowie diese Rezension des Episodenfilms "Irdische Verse" über die kafkaesken Seiten des iranischen Alltags von Ali Asgari und Alireza Khatami.
Die iranischen Behörden hatten den Filmemachern jedoch die Ausreise verboten und ein Gerichtsverfahren eingeleitet. Auslöser waren vor allem jene Szenen, in denen Mahin das Tragen des Kopftuchs verächtlich macht und sich mit einem Mann vergnügt, mit dem sie nicht verheiratet ist.
Wider die brutale Realität
„Was kann uns die Sittenpolizei schon anhaben?“ sagt Mahin einmal, als sie ausgelassen mit Faramarz tanzt. Er scherzt: „Sie werden uns zwangsverheiraten.“ Bei aller Freude wissen beide insgeheim, dass sie ein Märchen leben, das von kurzer Dauer ist. Voller Sympathie zeigt der Film, wie sie wenigstens für kurze Zeit die Definitionsmacht über ihr Dasein zurückgewinnen, und das macht ihn sympathisch.
Moghaddam und Sanaeeha stemmen sich mit warmherzigen Bildern und klugem Humor widerspenstig gegen die brutale Realität. Erst in der letzten Wendung, die die Geschichte nimmt, liegt ihre ganze Tragik. Die Strafe, die Mahin erwartet, ist hart. Ein Leben in einer Gesellschaft, in der eine Frau tatsächlich ihr Stück vom Kuchen haben kann, bleibt ihr versagt. Aber den Versuch war es allemal wert.
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