
Das Wichtigste vorab: Die berühmte Vorspeise aus dünn geschnittenem Rindfleisch wurde tatsächlich nach dem Maler Vittore Carpaccio (1460/65–1525/26) benannt. Warum? Als Giuseppe Cipriani das Gericht 1950 in seiner „Harry’s Bar“ kreierte, war in Venedig gerade eine große Carpaccio-Ausstellung zu sehen – dessen Werk ebenso von leuchtenden Rot- und Weißtönen bestimmt wird wie ein heller Teller mit zarten rohen Fleischscheiben.
Info
Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig
15.11.2024 - 02.03.2025
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr
in der Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, Stuttgart
Katalog 34,90 €
Weitere Informationen zur Ausstellung
Realitätsnähe macht zugänglich
Insbesondere in Carpaccios Werken findet sich enorm viel irdische Realität, selbst wenn er das Leben von Heiligen schildert oder biblische Personen auftreten lässt. Seine Gemälde vermittelten dem Publikum Einblicke in geistige Sphären, indem sie das Religiöse in die damalige Gegenwart der Lagunenstadt versetzten. Das macht diesen Künstler auch für heutige Betrachter sehr zugänglich. Die großzügig gehängte Schau mit so knappen wie klugen Wandtexten macht deutlich, das Carpaccio zu Unrecht weit weniger bekannt ist als sein Lehrer Giovanni Bellini (1435-1516).
Feature zur Ausstellung. © Staatsgalerie Stuttgart
Thomas von Aquin schulmeistert
Typisch für Carpaccio ist seine sachkundige Erzählfreude. Er beherrscht die Takelage der venezianischen Schiffstypen und ihre verschiedenen Bootsformen von der Gondel bis zum Hochseesegler perfekt bis ins feinste Detail. Ebenso vertraut ist ihm die Einrichtung einer Wöchnerinnenstube der venezianischen Oberschicht: vom Alkovenbett bis zu den gelben Quitten auf dem Wandbord.
Bei einem Gemälde des Heiligen Thomas von Aquin von 1507 vergisst der Maler nicht einmal den Schlüsselbund im Bücherkasten auf dem Arbeitspult, genauso wenig wie ein Lesezeichen-Zettelchen im aufgeschlagenen Buch. Der gelehrte Dominikanermönch selbst thront mitten auf dem großen Altarbild im gelehrten Disput mit zwei anderen Heiligen und hebt dozierend den Zeigefinger: Seine schulmeisterliche Geste wirkt fast ein wenig ironisch übertrieben.
Nachruhm litt unter Nebensächlichkeiten
Das frisch restaurierte Stück aus der hauseigenen Sammlung ist das größte Werk der Ausstellung; es bildet zusammen mit dem zweiten Stuttgarter Carpaccio-Gemälde „Martyrium des heiligen Stephanus“ (1520) ihren Ausgangspunkt. 1852 hatte der Württembergische König Wilhelm I. in Venedig 250 Gemälde überwiegend italienischer Meister en bloc erworben. Nicht jedes davon gilt heute noch als Arbeit eines berühmten Meisters. Aber mit den beiden Carpaccios kann Stuttgart punkten.
Diese Ausstellung ist überraschenderweise die erste Soloschau in Deutschland des seinerzeit höchst erfolgreichen Frührenaissance-Malers. Vielleicht litt sein Nachruhm darunter, dass Carpaccio aus Sicht früherer Kunsthistoriker zu viele scheinbar nebensächliche Details abbildete. Aber genau diese dokumentarische Welthaltigkeit macht seine Werke aus heutiger Sicht so interessant und aussagekräftig.
Raum-Rekonstruktion mit Groß-Reproduktionen
Der erste Großauftrag für den Sohn eines Pelzhändlers kam von einer der venezianischen Bruderschaften, genannt „Scuole“. In ihnen organisierten sich Venedigs Kaufleute und Handwerker, weil sie von der großen Politik der Adelsrepublik, die das östliche Mittelmeer beherrschte, ausgeschlossen waren. Es gab zahlreiche dieser auch sozial engagierten Gemeinschaften, etwa für einzelne Berufsgruppen oder ethnische Minderheiten wie die Dalmatiner oder die Albaner; für letztere wurde Carpaccio später ebenfalls tätig.
Die „Scuola di Sant’Orsola“ nahm, eine Besonderheit, auch Frauen auf – und bestellte bei Carpaccio einen Bilderzyklus mit Szenen aus der Ursula-Legende. Was er für diesen Auftraggeber malte, lässt sich zwar nicht im Original studieren: Die empfindlichen Leinwände verlassen Venedig niemals. Doch in Stuttgart wird eine aufwändige Raum-Rekonstruktion mit von hinten beleuchteten Groß-Reproduktionen geboten.
Turbanträger steinigen Heiligen
Die vielfigurigen Szenen mit Episoden aus dem Leben der Heiligen schildert Carpaccio, als hätten sie sich in der Lagunenstadt zugetragen. Da gruppieren sich elegante Würdenträger zu zeremoniellen Staatsakten. Gesandtschaften werden empfangen, die offizielle Schreiben überbringen, während im Hintergrund reger Schiffsverkehr zu sehen ist. In solchen Ansichten spiegelt sich auch das Selbstverständnis der See- und Handelsmacht Venedig, die auch in Kriegszeiten auf diplomatischen Ausgleich setzte.
Weitgereiste Botschafter und Handelsherren aus fernen Ländern waren in Venedig kein ungewöhnlicher Anblick: Auf vielen Gemälden von Carpaccio tummeln sich Turbanträger. Nicht immer treten sie friedlich in Erscheinung. Auf dem Bild des Stephanus-Martyriums werfen sie als blutdürstige Menge Steine als todbringende Wurfgeschosse auf den Heiligen. Noch lebt das Opfer, doch die düsteren Rottöne des Gemäldes lassen ein trauriges Ende erahnen.
Carpaccio könnte Dürer begegnet sein
Im selben Saal gegenüber ergreift die Heilige Familie die Flucht nach Ägypten. Um rasch ins rettende Exil zu gelangen, schreitet Josef mit weitausholenden Schritten voran, wendet sich aber zugleich sorgenvoll zurück zu seiner Frau, die mit dem Kind auf einem Esel reitet. Diese effektvolle Komposition hat sich Carpaccio von Albrecht Dürer abgeschaut. Dessen Grafiken waren in der Lagunenstadt zu Carpaccios Lebzeiten schon im Umlauf, noch bevor der Nürnberger selbst dorthin reiste. Beide Künstler könnten sich also begegnet sein.
Auch beim Motiv des Gelehrten in seiner Studierstube, ein damals beliebtes Sujet, treten beide in einen Dialog. Dürers „Hieronymus im Gehäus“ beugt sich einsam über sein Manuskript, bei Carpaccio sitzt der Heilige Thomas von Aquin dagegen über einem wohlgefüllten Bücherkasten. Der um 1450 in Mainz erfundene Buchdruck führte in Venedig, wie auch andernorts, zu einem Boom der Publizistik. Hier erschien um 1500 ein hebräisches Wörterbuch, das Carpaccio gekannt haben muss: In seiner „Mariengeburt“ hängt eine Schrifttafel an der Wand, die es korrekt und exakt zitiert.
Letzte Königin von Zypern
Dieses Gemälde stellt eine Innenraum-Szene dar, in der Marias Mutter Anna von vielen Frauenhänden umsorgt wird: Sie servieren ihr Essen oder trocknen im Hinterzimmer Tücher am offenen Herd. Fast wie später im „Goldenen Zeitalter“ der niederländischen Malerei im 17. Jahrhunderts erlauben hintereinander geschachtelte Räume einen Blick in die Tiefe. Still und zugleich geschäftig geht es in dieser Sphäre der Frauen zu.
Dagegen sind aus der venezianischen Frührenaissance nur wenige Porträts von Frauen überliefert, was ihre nachrangige gesellschaftliche Rolle widerspiegelt. Eine Ausnahme war Caterina Cornaro, von 1474 bis 1489 die letzte Königin von Zypern. Nach ihrer Abdankung kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück und wurde zur bedeutenden Kulturmäzenin. Gentile Bellini zeigt sie als reife Frau, wie eingesponnen in ein Netz aus hauchdünnen Gesichtsschleiern und kostbaren Halsketten.
Lesende Gottesmutter als Rollenmodell
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Tizian und die Renaissance in Venedig" – umfassende Übersichtsschau im Städel Museum, Frankfurt
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Venezia 500<< – Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei" – umfassender Epochen-Überblick in der Alten Pinakothek, München
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Mantegna und Bellini – Meister der Renaissance" – hervorragende Gegenüberstellung in der Gemäldegalerie, Berlin
und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Florenz und seine Maler – Von Giotto bis Leonardo da Vinci" – exzellenter Epochen-Überblick in der Alten Pinakothek, München.
Oft schirmt eine Steinbrüstung im Vordergrund den Betrachterraum von der heiligen Sphäre ab. Auf dieser Barriere sitzt, steht oder schlummert das Christuskind, betreut von seiner Mutter. In Stuttgart füllen diese kleinformatige Preziosen einen ganzen Saal. Eine Madonna aus der National Gallery in Washington sticht heraus: Im modischen orangeroten Kleid statt im traditionellen Marienmantel sitzt die Madonna im Freien auf einem Balkon und liest. Die Zeit scheint still zu stehen. Nur ein zarter Nimbus macht deutlich, dass es sich um die Mutter Gottes handelt. Mit dieser Madonna konnte sich jede gebildete Venezianerin identifizieren.
Irdische Dinge im Blick
So wird diese Ausstellung zur Zeit- und Bildungsreise. Sie führt anschaulich vor, wie sich in der Frührenaissance von Venedig unterschwellig zukünftige Themen der Malerei vorbereiteten und ankündigten: beispielsweise das Stillleben und Genre-Szenen, also die Schilderung von Alltag. Rund 150 Jahre später sollten dies eigenständige Bildaufgaben werden. Um 1500 dominierten noch christliche Inhalte. Aber irdische Dinge beanspruchten mehr und mehr Aufmerksamkeit, jedenfalls in der Wahrnehmung von Vittore Carpaccio.