Álvaro Longoria

Ecce Homo – Der verlorene Caravaggio

Der italienische Restaurator Andrea Cipriani arbeitet am "Ecce Homo"-Gemälde. Foto: Arsenal Filmverleih
(Kinostart: 31.7.) Seht, welch ein Bild: 2021 wurde in Madrid ein Gemälde entdeckt, das bald als unbekanntes Werk von Caravaggio galt. Wie es begutachtet, restauriert und vermarktet wurde, schildert die Doku von Regisseur Álvaro Longoria wortreich, aber wenig strukturiert – entscheidende Fragen bleiben offen.

„Schläfer“ nennt man nicht nur Spione oder Terroristen, die lange inkognito auf ihren Einsatz warten, sondern offenbar auch Meisterwerke, die viele Jahre unbeachtet herumstehen oder -hängen, bis jemand ihren wahren Schöpfer erkennt. Deshalb hat der spanische Filmemacher Álvaro Longoria seine Doku über die Wiederentdeckung eines Gemäldes von Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610) im Original „The Sleeper: El Caravaggio perdido“ betitelt.

 

Info

 

Ecce Homo – Der verlorene Caravaggio

 

Regie: Álvaro Longoria,

78 Min., Spanien/ Italien 2025;

mit: Jorge Coll, Maria Cristina Terzaghi, Filippo Benappi, Nicola Spinosa

 

Weitere Informationen zum Film

 

Dass der Begriff wenig geläufig ist, dürfte daran liegen, dass solche Fälle sehr selten vorkommen. Oder eher: Häufig werden Zufallsfunde voreilig und effekthascherisch als von Meisterhand etikettiert, bis Experten Wasser in den Wein schütten – meist wurde die fragliche Arbeit von einem Schüler, Gehilfen, Kopisten oder Nachfolger geschaffen. Was nicht ihre künstlerische Qualität, wohl aber ihren Marktwert drastisch mindert. Um den dreht sich fast alles in diesem Film.

 

Mindestgebot 1500 Euro

 

2021 tauchte in Madrid ein der Fachwelt unbekanntes Barock-Gemälde auf. „Ecce Homo“ hing jahrzehntelang in den Wohnräumen der Familie Pérez de Castro; ihr Vorfahr Evaristo Pérez de Castro, spanischer Premierminister 1839/40, hatte es Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten. Als das Familienmitglied Mercedes Méndez beim Umzug in eine kleinere Wohnung keinen Platz mehr dafür hatte, lieferte sie das Bild beim Auktionshaus „Ansorena“ ein. Es wurde als Werk aus dem Umkreis des spanischen Barockmalers Jusepe de Ribera (1591-1652) für ein Mindestgebot von 1500 Euro angeboten.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Galerist argumentiert pro domo

 

Dann machte plötzlich das Gerücht die Runde, es könne sich um ein Gemälde von Caravaggio handeln; auf Alte Meister spezialisierte Kunsthändler stellten fabelhafte Summen in Aussicht. Also wurde es aus der laufenden Auktion entfernt; mit welcher Begründung, bleibt unklar. Zugleich schaltete sich Jorge Coll ein, spanischer Geschäftsführer der „Colnaghi Gallery“ in London; 1760 gegründet, ist sie die wohl älteste kommerzielle Kunstgalerie der Welt. Er wurde offenkundig von der Familie beauftragt, sich um Authentifizierung und Verkauf des Bildes zu kümmern – wie und warum er, bleibt offen.

 

Coll beruft die beiden Kunsthändler-Kollegen Andrea Lullo und Filippo Benappi in eine Art Triumvirat; fortan berät das Trio häufig und ausführlich über die nächsten Schritte. Mal auf Spanisch, mal auf Englisch: Ob alle Szenen authentisch oder manche nachgestellt sind, bleibt unklar. Zugleich fungiert Coll für den Regisseur als Cicerone, der vor laufender Kamera wortreich über die Mechanismen des Kunstmarkts schwadroniert. Dass er dabei gern pro domo argumentiert, schimmert öfter durch; stellenweise wirkt die Doku wie eine Auftragsarbeit von „Colnaghi“.

 

Begründungen bleiben auf der Strecke

 

Denn Filmemacher Longoria verzichtet auf eine stringente Dramaturgie; lieber heftet er sich an die Fersen von Coll, während der seine eigenen Interessen verfolgt. So werden die nächsten Etappen – die aufwändige Restaurierung des Gemäldes durch zwei italienische Spezialisten und Gutachten renommierter Caravaggio-Experten – stets aus Sicht des Top-Galeristen geschildert. Wobei zwar viel erwogen und palavert wird, aber schlüssige Begründungen mitunter auf der Strecke bleiben.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Der Schatten von Caravaggio" – opulentes Biopic über den Barock-Starmaler von Michele Placido

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Hommage an Caravaggio 1610 – 2010" mit zwei Originalen + Werken der Caravaggisten in der Gemäldegalerie, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Utrecht, Caravaggio und Europa" – facettenreiche Themenschau über niederländische Caravaggisten in der Alten Pinakothek, München

 

und hier einen Bericht über die Doku "The Lost Leonardo" – brillante Reportage über "Salvator Mundi", das teuerste und umstrittenste Gemälde der Welt, von Andreas Koefoed

 

und hier eine Kritik des Films "The Best Offer – Das höchste Gebot" Psycho-Thriller im Kunsthandel von Giuseppe Tornatore mit Geoffrey Rush.

 

Da nennt ein halbes Dutzend Kunsthistoriker allerlei Argumente, warum das Bild von Caravaggio sein könnte oder nicht – aber welche letztlich den Ausschlag geben, bleibt offen. Selbst der allen Beteiligten so wichtige finanzielle Aspekt bleibt im Vagen. Juristen erwähnen, dass die spanischen Behörden das Gemälde zum „Kulturgut von nationaler Bedeutung“ deklariert haben. Was einem Ausfuhrverbot gleichkommt und somit die Erlösaussichten auf ein Bruchteil drückt – doch wieso das Triumvirat es am Ende an den ersten Interessenten veräußert, der ein konkretes Gebot abgibt, bleibt unklar. Um ein drohendes staatliches Vorkaufsrecht abzuwenden, deutet Coll nebulös an.

 

Hauptsache im Prado als Selfie-Hintergrund

 

Andere wichtige Aspekte werden ebenfalls nur kurz angerissen. Der italienische Kunsthistoriker Nicola Spinosa betont den Interessenkonflikt zwischen Wissenschaftlern, deren Zuschreibungs-Urteile langwierige Forschung erfordern, und dem Kunstmarkt, der möglichst rasch Kasse machen will. Weswegen manche seiner Akteure wunschgemäß ausfallende Experten-Gutachten honorieren – Journalist Scott Reyburn von der „New York Times“ geißelt das unverblümt als „Korruption“.

 

Doch solche Themen verfolgt Routinier Longoria, der bereits neun Dokus gedreht und mehr als drei Dutzend Filme produziert hat, nicht weiter. Lieber steuert er zielstrebig auf den Höhepunkt zu: eine öffentliche Präsentation von „Ecce Homo“ im Mai 2024 – das machten die früheren Eigentümer zur Bedingung für den Verkauf an Privat. Wer der neue Besitzer ist, wie viel er für das Gemälde bezahlt hat, welche Provision Coll & Cie. erhalten haben, wie sie unter ihnen aufgeteilt wurde – all das bleibt ungenannt. Hauptsache, das Bild hängt im Prado als werbewirksamer Hintergrund für Selfies; der Vorhang zu, und die meisten Fragen offen.