
„Schläfer“ nennt man nicht nur Spione oder Terroristen, die lange inkognito auf ihren Einsatz warten, sondern offenbar auch Meisterwerke, die viele Jahre unbeachtet herumstehen oder -hängen, bis jemand ihren wahren Schöpfer erkennt. Deshalb hat der spanische Filmemacher Álvaro Longoria seine Doku über die Wiederentdeckung eines Gemäldes von Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610) im Original „The Sleeper: El Caravaggio perdido“ betitelt.
Info
Ecce Homo – Der verlorene Caravaggio
Regie: Álvaro Longoria,
78 Min., Spanien/ Italien 2025;
mit: Jorge Coll, Maria Cristina Terzaghi, Filippo Benappi, Nicola Spinosa
Weitere Informationen zum Film
Mindestgebot 1500 Euro
2021 tauchte in Madrid ein der Fachwelt unbekanntes Barock-Gemälde auf. „Ecce Homo“ hing jahrzehntelang in den Wohnräumen der Familie Pérez de Castro; ihr Vorfahr Evaristo Pérez de Castro, spanischer Premierminister 1839/40, hatte es Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten. Als das Familienmitglied Mercedes Méndez beim Umzug in eine kleinere Wohnung keinen Platz mehr dafür hatte, lieferte sie das Bild beim Auktionshaus „Ansorena“ ein. Es wurde als Werk aus dem Umkreis des spanischen Barockmalers Jusepe de Ribera (1591-1652) für ein Mindestgebot von 1500 Euro angeboten.
Offizieller Filmtrailer OmU
Galerist argumentiert pro domo
Dann machte plötzlich das Gerücht die Runde, es könne sich um ein Gemälde von Caravaggio handeln; auf Alte Meister spezialisierte Kunsthändler stellten fabelhafte Summen in Aussicht. Also wurde es aus der laufenden Auktion entfernt; mit welcher Begründung, bleibt unklar. Zugleich schaltete sich Jorge Coll ein, spanischer Geschäftsführer der „Colnaghi Gallery“ in London; 1760 gegründet, ist sie die wohl älteste kommerzielle Kunstgalerie der Welt. Er wurde offenkundig von der Familie beauftragt, sich um Authentifizierung und Verkauf des Bildes zu kümmern – wie und warum er, bleibt offen.
Coll beruft die beiden Kunsthändler-Kollegen Andrea Lullo und Filippo Benappi in eine Art Triumvirat; fortan berät das Trio häufig und ausführlich über die nächsten Schritte. Mal auf Spanisch, mal auf Englisch: Ob alle Szenen authentisch oder manche nachgestellt sind, bleibt unklar. Zugleich fungiert Coll für den Regisseur als Cicerone, der vor laufender Kamera wortreich über die Mechanismen des Kunstmarkts schwadroniert. Dass er dabei gern pro domo argumentiert, schimmert öfter durch; stellenweise wirkt die Doku wie eine Auftragsarbeit von „Colnaghi“.
Begründungen bleiben auf der Strecke
Denn Filmemacher Longoria verzichtet auf eine stringente Dramaturgie; lieber heftet er sich an die Fersen von Coll, während der seine eigenen Interessen verfolgt. So werden die nächsten Etappen – die aufwändige Restaurierung des Gemäldes durch zwei italienische Spezialisten und Gutachten renommierter Caravaggio-Experten – stets aus Sicht des Top-Galeristen geschildert. Wobei zwar viel erwogen und palavert wird, aber schlüssige Begründungen mitunter auf der Strecke bleiben.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Der Schatten von Caravaggio" – opulentes Biopic über den Barock-Starmaler von Michele Placido
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Hommage an Caravaggio 1610 – 2010" mit zwei Originalen + Werken der Caravaggisten in der Gemäldegalerie, Berlin
und hier einen Bericht über die Ausstellung "Utrecht, Caravaggio und Europa" – facettenreiche Themenschau über niederländische Caravaggisten in der Alten Pinakothek, München
und hier einen Bericht über die Doku "The Lost Leonardo" – brillante Reportage über "Salvator Mundi", das teuerste und umstrittenste Gemälde der Welt, von Andreas Koefoed
und hier eine Kritik des Films "The Best Offer – Das höchste Gebot" – Psycho-Thriller im Kunsthandel von Giuseppe Tornatore mit Geoffrey Rush.
Hauptsache im Prado als Selfie-Hintergrund
Andere wichtige Aspekte werden ebenfalls nur kurz angerissen. Der italienische Kunsthistoriker Nicola Spinosa betont den Interessenkonflikt zwischen Wissenschaftlern, deren Zuschreibungs-Urteile langwierige Forschung erfordern, und dem Kunstmarkt, der möglichst rasch Kasse machen will. Weswegen manche seiner Akteure wunschgemäß ausfallende Experten-Gutachten honorieren – Journalist Scott Reyburn von der „New York Times“ geißelt das unverblümt als „Korruption“.
Doch solche Themen verfolgt Routinier Longoria, der bereits neun Dokus gedreht und mehr als drei Dutzend Filme produziert hat, nicht weiter. Lieber steuert er zielstrebig auf den Höhepunkt zu: eine öffentliche Präsentation von „Ecce Homo“ im Mai 2024 – das machten die früheren Eigentümer zur Bedingung für den Verkauf an Privat. Wer der neue Besitzer ist, wie viel er für das Gemälde bezahlt hat, welche Provision Coll & Cie. erhalten haben, wie sie unter ihnen aufgeteilt wurde – all das bleibt ungenannt. Hauptsache, das Bild hängt im Prado als werbewirksamer Hintergrund für Selfies; der Vorhang zu, und die meisten Fragen offen.
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