Alexander Scheer

Leonora im Morgenlicht

Max Ernst (Alexander Scheer) und Leonora Carrington (Olivia Vinall) haben eine stürmische Liebesaffäre. Foto: Alamode Film
(Kinostart: 17.7.) Mehr als die Muse von Max Ernst: Die surrealistische Malerin und Autorin Leonora Carrington war ein schwieriger Charakter. Wie es ihr gelang, Fantasien und Wahnvorstellungen in Kunst zu verwandeln, zeigt anschaulich das Biopic des Regie-Duos Thor Klein und Lena Vurma.

„Ich hatte keine Zeit, die Muse von jemandem zu sein. Ich war damit beschäftigt, gegen meine Familie zu rebellieren und zu lernen, Künstlerin zu werden“, soll Leonora Carrington (1917-2011) gesagt haben. Was sie darunter verstand, führt das Regie-Duo Thor Klein und Lena Vurma in einem Biopic vor, das nur auf den ersten Blick konventionell anmutet – in vielen Details weicht es angenehm von den üblichen Heldengeschichten ab.

 

Info

 

Leonora im Morgenlicht

 

Regie: Thor Klein + Lena Vurma

103 Min., Frankreich/ Deutschland/ Mexiko 2025;

mit: Olivia Vinall, Alexander Scheer, Cassandra Ciangherotti

 

Weitere Informationen zum Film

 

Das beginnt schon am Anfang. Um 1950 fährt Carrington im mexikanischen Regenwald auf Einladung des britischen Sammlers und Mäzens Edward James zu dessen surrealistischem Skulpturengarten „Las Pozas“. Den gibt es tatsächlich; der Exzentriker und Multimillionär hat ihn mitten im Dschungel sukzessive aufgebaut. Dass er damals noch längst nicht so üppig und prächtig ausgesehen haben dürfte wie bei James‘ Tod 1984, ist für den symbolträchtigen Einstieg ohne Belang.

 

Déjà-vu-Effekte in versunkener Stadt

 

Die Malerin irrt durch ein Labyrinth bizarrer Plastiken und Pavillons, die von saftigem Grün überwuchert werden wie eine versunkene Stadt. Bei diesem Anblick hat sie Déjà-vu-Effekte; manches erinnert sie an Vorstellungen, die ihre Imagination seit langem heimsuchen. Genauso teils fasziniert, teils verstört bewegt sie sich später durch eine Abendgesellschaft, die bei James feiert – Damen in farbenfrohen Ballkleidern besingen in blumigen Versen Tod und Verderben.

Offizieller Filmtrailer


 

Flucht in die spanische Psychiatrie

 

Rückblende: Der Kontrast könnte kaum größer sein zur Party, die Ober-Surrealist André Breton 1938 in Paris gibt. Der Hausherr stolziert dozierend durch dunkle Räume, seine Gefolgsleute wie Salvador Dalí und Paul Éluard werfen ihm Stichworte zu. Carrington tritt als Geliebte von Max Ernst auf; wenig später zieht sie mit ihm in das südfranzösische Dorf Saint-Martin-d’Ardèche. Ihre Künstlerrefugiums-Idylle aus Nacktbaden im Sonnenschein, freier Liebe und Dauerkreativität malt das Regie-Duo arg klischeelastig aus.

 

Doch nach Kriegsausbruch wird Ernst als „feindlicher Ausländer“ interniert. Carrington erleidet einen Nervenzusammenbruch. Ihre Freundin, die surrealistische Malerin Remedios Varo (Cassandra Ciangherotti), überredet sie zur Flucht gen Süden – aber in Spanien hat sie eine psychotische Krise. Ihr reicher englischer Vater lässt sie in eine psychiatrische Klinik einweisen; dort wird sie mit Elektroschocks und Zwangsernährung behandelt. Diese Passagen zählen zu den eindrucksvollsten; Erinnerungsbilder zeigen, wie sich Leonora als Kind zurückgesetzt fühlte, aber Erzählungen von Märchen und Mythen umstandslos mit ihrer Weltwahrnehmung verband.

 

Als Grobian-Künstlerin bei der Vernissage

 

Zeitsprung in die Zukunft: Nach dem Entkommen aus der Psychiatrie und wechselvoller Emigration lässt sich Carrington Mitte der 1940er Jahre in Mexiko nieder, wo sie – abgesehen von einer Episode in New York in den 1960er Jahren – den Rest ihrer Tage bleiben wird. Mit dem ungarischen Fotografen Emérico Weisz verheiratet, lebt sie ein bürgerliches Dasein. Zugleich ist sie künstlerisch produktiv und – auch dank ihrer Kontakte zu in Mexiko wohnenden Surrealisten wie Remedios Varo – durchaus erfolgreich.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Fantastische Frauen - Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo" mit Werken von Leonora Carrington in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Surrealismus und Magie – Verzauberte Moderne" – opulente Themenschau mit Werken von Leonora Carrington im Museum Barberini, Potsdam

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Fotogaga: Max Ernst und die Fotografie" im Berliner Museum für Fotografie mit Fotos von Max Ernst und Leonora Carrington

 

und hier einen Bericht über den Film "Dalíland" – originelles Biopic über den surrealistischen Künstler Salvador Dalí von Mary Harron

 

und hier eine Kritik des Films "Abenteuer eines Mathematikers" – Biopic über Stanisław Ulam, jüdischer Mathematiker aus Polen und Miterfinder der Wasserstoffbombe, von Thor Klein.

 

Diese lange Phase verdichtet der Film zu einer einzigen Szene: ihrer ersten Einzelausstellung in Mexiko City. Carrington kommt erst im letzten Moment zur Vernissage, tritt rüpelhaft auf und brüskiert die Anwesenden; sie erfüllt also alle Stereotypen vom ungehobelten Künstler-Genie. Ob das seinerzeit in Mexiko goutiert wurde, darf bezweifelt werden – aber zur Hauptdarstellerin Olivia Vinall passt es blendend.

 

Ausgeblendetes Feminismus-Engagement

 

Die belgische Schauspielerin legt ihre erste große Kino-Hauptrolle alles andere als sympathisch an: Mürrisch, vorwitzig und misstrauisch bewegt sie sich durchs Geschehen. Ihr Blick wirkt vorwurfsvoll, von ihrer Stirn weicht fast nie eine Zornesfalte; als verlange sie stets, dass die Welt ihrer Besonderheit etwas schulde. Das wird kongenial visualisiert: Gesichte und Halluzinationen sickern in Carringtons Wirklichkeit ein, was sie zu surrealen Bilderfindungen inspiriert.

 

Dagegen wirkt Alexander Scheer als Max Ernst, dem womanizer der Surrealisten, recht ältlich – was er auch war, nämlich 26 Jahre älter als sie. Die übrigen Figuren bleiben ohnehin mehr oder weniger Staffage. Indem Thor Klein und Lena Vurma sich auf das dramatische erste Drittel von Carringtons Leben konzentrieren, unterschlagen sie bis auf ein paar raunende Sentenzen weitgehend, was die Surrealistin für den heutigen Kulturbetrieb so attraktiv macht: Mit ihren Werken und Schriften spielte sie eine bedeutende Rolle in der amerikanischen Frauenbewegung der 1970/80er Jahre.

 

Disney-Version des Surrealismus

 

Zugleich kommt ihre Malerei nur am Rande vor. Obwohl Carrington und Ernst oft pinseln und werkeln, geht es weniger um Kunst als vielmehr um Rollen- und Selbstverständnis. Vielleicht zurecht: Verglichen mit der handwerklichen Brillanz von Dalí, der Experimentierfreude von Max Ernst oder der intellektuellen Raffinesse von dessen vierter Ehefrau Dorothea Tanning wirken die bonbonbunten Fantasie-Landschaften von Carrington mit ihren eingestreuten Tieren und Fabelwesen eher süßlich bis kitschig. Dass ihre Disney-Version des Surrealismus jedoch seelischen Abgründen entsprang, machen Thor Klein und Lena Vurma drastisch deutlich.