Berlin + Zürich

Lygia Clark – Retrospektive

Lygia Clark, Óculos, 1966, © Cultural Association “The World of Lygia Clark” / Foto: Eduardo Clark, 1973. Fotoquelle: © Neue Nationalgalerie - Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Von abstrakten Neoconcretismo-Bildern bis zur Steine- und Sandsack-Therapie: Die brasilianische Künstlerin legte einen weiten Weg zurück – und wurde damit zur Pionierin der Performancekunst. Ihr vielgestaltiges Œuvre zeigen Neue Nationalgalerie und Kunsthaus in einer grandios inszenierten Werkschau.

Banaler geht es kaum: Auf einer mit Luft gefüllten Plastiktüte liegt ein runder Stein in einer kleinen Mulde. Drückt man die Tüte vorsichtig zusammen, steigt der Stein nach oben. Lässt man sie los, fällt der Stein zurück in die Mulde. Ist das ein Kunstwerk? Heute mag einem das sensorische Objekt „Pedra e Ar“ („Stein und Luft“), mit dem Lygia Clark (1920-1988) den Prozess des Atmens darstellen wollte, allzu schlicht vorkommen.

 

Info

 

Lygia Clark – Retrospektive

 

23.05.2025 - 12.10.2025

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamerstr. 50, Berlin

 

Katalog 42 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

14.11.2025 - 08.03.2026

 

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

im Kunsthaus, Heimplatz 1, Zürich

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Doch 1966 waren derartige Kunstwerke ein völliges Novum. Sie stellten eine radikale Erweiterung des Kunstbegriffs dar; an ihm hat die Brasilianerin eifrig mitgearbeitet und damit nachfolgende Künstlergenerationen inspiriert. Mit so unterschiedlichen Werken, dass man sie auf den ersten Blick kaum derselben Künstlerin zuordnen würde.

 

Vorhänge unterteilen Werkphasen

 

Wie konsequent Lygia Clark ihr Anliegen durchdekliniert hat, immer wieder die Grenzen des Geläufigen zu sprengen, führt ihre erste Werkschau in Deutschland anschaulich vor Augen; anschließend wird sie im Kunsthaus Zürich gezeigt. In einem wunderbar passenden Arrangement: Schwere dunkelgrüne Vorhänge unterteilen die obere Ausstellungshalle der Neuen Nationalgalerie in verschiedene Bereiche, die einzelnen Werkphasen entsprechen.

Feature zur Ausstellung. © Neue Nationalgalerie - Stiftung Preußischer Kulturbesitz


 

Übers Sehen hinaus alle Sinne ansprechen

 

So zeichnet die Schau mit etwa 120 Werken von den späten 1940er bis in die 1980er Jahre die Entwicklung einer Künstlerin nach, die anfangs zu den wichtigsten Vertreter des brasilianischen „Neoconcretismo“ zählte und später weit darüber hinaus ging. Von geometrisch-abstrakten Gemälden über partizipativ angelegte Skulpturen bis zu performativen Arbeiten lässt sich nachvollziehen, wie Clark ihre Kunst über das Sehen hinaus ins interaktive Anfassen, Fühlen, Hören, Riechen und Basteln vordringen ließ – oder sogar zum improvisiertem Tanzen einlud.

 

1920 in der Millionenstadt Belo Horizonte in eine gutbürgerliche Familie geboren, heiratet Lygia Clark mit 18 Jahren einen wohlhabenden Ingenieur, mit dem sie nach Rio de Janeiro zieht und drei Kinder bekommt. Doch das genügt ihr nicht. Ab 1947 studiert sie bei dem Landschaftsarchitekten und Künstler Roberto Burle Marx und der Malerin Zélia Ferreira Salgado. 1950 setzt sie ihre Ausbildung in Paris fort, unter anderem bei Fernand Léger. Dort entsteht ihr abstraktes Gemälde „Escada“ („Treppe“) – die geometrische Komposition aus Linien und Farbverläufen hat große Raumwirkung.

 

Europäische Abstraktion poetisch erweitert

 

Zurück in Brasilien schließt sich die Künstlerin dem „Grupo Frente“ an, der sich um eine Neuinterpretation der Konkreten Kunst bemüht. In den 1950er Jahren steht die geometrisch-abstrakte Kunst hoch im Kurs, vor allem durch das Wirken und die Lehrtätigkeit von Emigranten wie dem Schweizer Max Bill. Gleichzeitig versucht man, sich vom europäischen Kunstbetrieb abzugrenzen; etwa, indem man geometrischen Bildaufbau mit subjektiv-poetischen Experimenten kombiniert, weil man die Konkrete Kunst als zu mathematisch-rational empfindet.

 

Clarks Beitrag dazu ist eine Serie von Arbeiten mit dem Titel „Descoberta da Linha Orgânica“ („Entdeckung der Organischen Linie“): konstruktive Gemälde, bei denen der Rahmen nicht länger Begrenzung der Leinwand, sondern Teil der Komposition ist. Dieses Konzept entwickelt sie von 1955 bis 1957 mit zwei Werkreihen weiter, bei denen sie reliefartige, rahmenlose Sperrholz-Tafeln mit weißen und schwarzen Autolacken bespritzt.

 

Skulpturen verdrehen erlaubt

 

Dabei will sie es nicht bewenden lassen. “Mit der Geometrie habe ich angefangen, aber ich war auf der Suche nach einem organischen Raum, in dem man das Bild betreten konnte“, erklärt sie im Interview. Wie die übrigen Neoconcretismo-Künstler will sie sinnlich erfahrbare Kunstwerke anfertigen, in die auch spielerische Elemente einfließen. Etwa die „Bichos“ („kleine Tiere“): bewegliche Skulpturen aus Metallplatten, die mittels Scharnieren in verschiedene Konstellationen gebracht werden dürfen. Das ist auch in dieser Ausstellung möglich: bei allen Objekten, deren Podeste von rotem Teppich eingefasst sind.

 

Ab 1964 fertigt sie „Trepantes“ („Larven“) und „Obras Moles“ („Weiche Werke“) an, die auf dem Prinzip des Möbiusbands beruhen, also einer in sich gedrehten Endlosschleife. Aus dünnen Metallblechen oder Gummi bestehend, schlingen sich die Bänder um Baumstümpfe oder Steine herum. Neben handwerklicher Perfektion zeichnen sie sich durch elegante Coolness aus. Dennoch betont Clark später: „Ich glaube, dass viele erkennen, dass der ästhetische Teil nicht so wichtig ist. Wichtig ist der organische Teil.“

 

Rosmarinduft einatmen + sich in die Augen schauen

 

Unter „organisch“ versteht sie, dass ein Kunstwerk zur Interaktion mit dem Publikum einlädt und damit gewissermaßen ein Eigenleben führt. So werden Besucher zum Beispiel aufgefordert, unter dem Titel „Caminhando“ („Unterwegs“) selbst Endlosschleifen aus Papierbanderolen zu basteln. Aktives Mittun verlangen auch die „Objetos Sensoriais“ („Sensorische Objekte“): Brillen und Masken, die man sich aufsetzt, oder Plastikanzüge, in die man hineinsteigt und damit unterschiedliche Erfahrungen machen kann – plötzlich inhaliert man Rosmarinduft oder schaut sich mit Hilfe von Spiegeln selbst in die Augen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Hélio Oiticica: Das große Labyrinth + Brasiliana" – erste deutsche Retrospektive für den "Andy Warhol Brasiliens" im Museum für Moderne Kunst + dortige Installations-Kunst seit 1960 mit Werken von Lygia Clark in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Das Verlangen nach Form - O desejo da Forma" mit Neoconcretismo + zeitgenössischer Kunst aus Brasilien in der Akademie der Künste, Berlin mit Werken von Lygia Clark

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Robert Burle Marx - Tropische Moderne" – große Werkschau des Landschafts-Architekten und akademischen Lehrers von Lygia Clark in der Deutsche Bank KunstHalle, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Dark Mirror – Lateinamerikanische Kunst seit 1968" – grandiose Überblicks-Schau im Kunstmueum Wolfsburg.

 

Was heutzutage belustigend anmuten mag, hatte für Clark auch eine politische Dimension. Seit 1964 war in Brasilien eine Militärdiktatur an der Macht, die politische Oppositionelle folterte und ermordete. So spielen die „Sensorischen Masken“ von 1967 auch auf die Kapuzen an, die Regimegegnern übergestülpt wurden. Zwei Jahre darauf entwirft die Künstlerin eine Zwangsjacke. Ansonsten geht es ihr vor allem darum, mit ihren Arbeiten die Sensibilität zu schärfen; etwa für Manipulationen, denen die menschliche Wahrnehmung unterliegen kann.

 

Durch alle Fortpflanzungs-Phasen kriechen

 

1968 geht Clark ins Exil nach Frankreich. Ab 1972 lehrt sie an der Pariser Sorbonne bis zu ihrer Rückkehr nach Brasilien 1976. Nun lässt sie die Herstellung von Objekten hinter sich und wendet sich der performativen Kunst zu; ihre Aktionen sind in der Ausstellung als Videofilme, an manchen Tagen auch in Form von Live-Acts zu erleben. Oder durch Eigeninitiative: Man kann selbst mit anderen in ein Netz aus Gummibändern schlüpfen und die Gruppendynamik bei einer gemeinsam improvisierten Performance erleben.

 

Eine andere Selbsterfahrung ermöglicht die begehbare Installation „A casa é o corpo“ („Das Haus ist der Körper“) von 1968. Durch diese mehrteilige Konstruktion läuft beziehungweise kriecht man hindurch und erlebt dabei alle Phasen der Fortpflanzung, von der Empfängnis bis zur Geburt. Diese Arbeit leitet bereits zur therapeutischen Kunst über, der sich Lygia Clark in ihrem Spätwerk widmet. 1976 entwickelt sie eine Behandlungsmethode, die ihren körperbetonten Kunstansatz mit Psychoanalyse und eigenen Therapieerfahrungen verbindet.

 

Wahrnehmungs-Sitzungen in Wohnung

 

In ihrer Wohnung in Rio de Janeiro legt sie ihren Patienten in einstündigen Einzelsitzungen diverse Objekte – wie Steine, Muscheln, mit Kaffeebohnen gefüllte Plastiktüten oder Kissen – auf verschiedene Körperteile; das soll sie von verdrängten Ängsten, Traumata oder unstillbaren Sehnsüchten befreien. Was das bewirkt, kann man im Therapiezelt der Schau selbst ausprobieren; sogar Sandsäcke stehen bereit. Damit hat sich Clark bewusst vom Kunstbetrieb verabschiedet; möglicherweise ein Grund, warum ihr Wirken erst jetzt in Mitteleuropa ausführlich gewürdigt wird.