Charlène Favier

Oxana – mein Leben für Freiheit

Oxana (Albina Korzh 2.v.r.) und ihre Mitstreiterinnen werden von der ukrainischen Polizei verhaftet. Foto: © 2024 - Rectangle Productions - 2.4.7. Films - Hero Squared - France 3 Cinéma - Tabor Ltd - X Verleih AG
(Kinostart: 24.7.) Blasphemische Ikone: Der Film über die „Femen“-Aktivistin Oksana Schatschko porträtiert ein Leben, das zwischen Politik, Protest und Kunst zerrieben wird. Für eine Heldinnengeschichte widersetzt sich die Hauptfigur aber auch über ihren Tod hinaus zu sehr der Verklärung.

Vor gut 15 Jahren gingen die Aktionen der Frauenrechtsbewegung „Femen“ durch alle Medien. Mit Körperbemalung, Blumenkränzen und bloßen Brüsten protestierten die Aktivistinnen gegen patriarchale und autoritäre Strukturen sowie gegen religiöse Dogmen. Mit ihrem Körpereinsatz erregten sie weltweit Aufmerksamkeit, sorgten aber auch für Irritationen und Missverständnisse. Eine der Schlüsselfiguren der sich schnell internationalisierenden Bewegung war Oksana Schatschko.

 

Info

 

Oxana – mein Leben für Freiheit

 

Regie: Charlène Favier,

103 Min., Frankreich 2024;

mit: Albina Korzh, Maryna Koshkina, Lada Koshkina, Oksana Zhdanova, 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sie gründete die Gruppe gemeinsam mit zwei Freundinnen 2008 im ukrainischen Städtchen Chmelnizkyj, bevor sie wenig später nach Kiev umzog. Zugleich fungiert sie als Hauptfigur des zweiten Spielfilms der französischen Regisseurin Charlène Favier; diese schildert mehr als eine kurze Lebensgeschichte. Eingebettet in die Nacherzählung der letzten Stunden von Oksana Schatschko (Albina Korzh), die sich am 23. Juli 2018 im französischen Exil das Leben nahm, beleuchtet die Handlung Stationen der Bewegung von der Gründung über die Professionalisierung bis zum Niedergang.

 

Initialzündung für die Aktivistin

 

Dabei ist dem talentierten Mädchen aus einfachem, religiösem Elternhaus die Renitenz nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Früh zeigt sich ihr künstlerisches Talent. Als sie Ikonenmalerin werden will, bestärkt ein Pope sie darin und verschafft ihr auch Aufträge. Den vereinbarten Lohn sieht sie aber nie. Er erklärt das mit dem Geldmangel der orthodoxen Kirche – ihr Blick fällt auf sein großes Auto, das er auf der Straße geparkt hat. Seine Heuchelei inszeniert die Regisseurin als eine Art Initialzündung für ihre Protagonistin, die sich später von der Kirche distanzieren und kompromisslos gegen jede Art von Ungerechtigkeit auflehnen wird.

Offizieller Filmtrailer


 

Rauschhafter Aufbruch in knalligen Farben

 

In den 2000er Jahren war die postsowjetische Ukraine ein patriarchalisch geprägtes, korruptes Land, wo fügsame Frauen als Exportgut für westliche Männer galten, sei es als Ehefrauen oder Prostituierte. Auch dagegen wollen die drei Gründerinnen Oksana Schatschko, Anna Hutsol (Oksana Zhdanova) und Aleksandra Shevchenko (Mariia Kokshaikina) protestieren, als sie in einer feuchtfröhlichen Clubnacht „Femen“ gründeten. Favier filmt das als rauschhaftes Ereignis in knalligen Farben und führt die Methode auch fort, als die Bewegung in andere osteuropäische Länder expandiert.

 

Visuell orientiert sie sich neben zeitgenössischem Nachrichtenmaterial auch am 2013 entstandenen kontroversen Dokumentarfilm „Ukraine is not a Brothel“. Dafür begleitete die Filmemacherin Kitty Green die „Femen“-Gründerinnen 14 Monate lang bei ihren internationalen Protesten. Dabei exponierte sie aber auch einen Mann, Viktor Sviatsky, als Mittler mit den internationalen Medienkontakten hinter den Aktionen. Diese Figur bleibt aber für Faviers Film aber unerheblich.

 

Leben voller Widersprüche

 

Sie konzentriert sich ganz auf ihre Hauptfigur, die an ihrem letzten Tag die wichtigsten Stationen ihres bewegten Lebens Revue passieren lässt. Nach eigenem Bekunden wollte die Regisseurin eine Heldinnengeschichte erzählen – was ihr glücklicherweise nur zum Teil gelingt, denn sowohl die Story als auch die Protagonistin haben zu viele Brüche und Widersprüche. Das zeigt sich sinnfällig auch in Schatschkos eigenen Bildern.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier ein Interview mit den Filmemachern Mike Lerner + Maxim Posdorowkin über ihre Doku "Pussy Riot – A Punk Prayer" zum Selbstverständnis der und Prozess gegen die russischen Aktivistinnen

 

und hier eine Rezension des Films "Das Hamlet Syndrom" – bewegende Dokumentation über Kriegstrauma-Theater mit jungen Ukrainern von Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski

 

und hier eine Besprechung des Films "Rhino" – Porträt eines ukrainischen Kleingangsters von Oleg Senzow

 

und hier einen Beitrag über den Film "Donbass" – bewegendes Episoden-Drama über den Krieg seit 2014 in der Ost-Ukraine von Sergei Loznitsa

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "The Ukrainians" – aktuelle ukrainische Protest-Kunst in der daadgalerie, Berlin.

 

Als Künstlerin arbeitet sich die Aktivistin zeitlebens an ihrer orthodox geprägten Erziehung ab. In ihren ausführlich gezeigten Gemälden benutzt sie religiöse Motive, persifliert und hinterfragt sie damit. In jeder Hinsicht freigeistig und zugleich getrieben, will sie sich auch in ihren Beziehungen nicht festlegen. So bleibt ihre Darstellung immer ambivalent, so wie sich auch ihre Haltung zur mitbegründeten Gruppe ändert. Je professioneller und zunehmend international diese agiert, desto mehr entfremdet sich Oksana von ihr.

 

Von Belarus ins französische Exil

 

Eine Zäsur stellt dabei ihre Gefangenschaft in Belarus dar. Nach einer Aktion gegen die Wiederwahl des seit 1994 regierenden Präsidenten Alexander Lukaschanko wird sie dort ohne Anklage für unbestimmte Zeit in Einzelhaft festgehalten und gefoltert. Die Freilassung erscheint dann fast wie ein Wunder, gefolgt von Ernüchterung nach ihrer Ankunft in Frankreich, wo sie immer wieder aufs Neue verhört wird. Dass sie als politische Geflüchtete gefährdet ist, wird von den Behörden nicht ernst genommen.

 

Von nun an reduziert der Film sein Tempo; die wohl komponierten, strengen Bilder werden stiller. Die als Rückblenden eingestreuten Erinnerungen strahlen dagegen eine große Wärme aus und unterstreichen visuell Oksanas Einsamkeit im Exil. Das wäre alles kaum so eindrücklich ohne die Hauptdarstellerin Albina Korzh, die sich mit Verve ihrem Vorbild anverwandelt und sie in jeder Nuance glaubhaft verkörpert. 

 

Distanz bleibt bis zum Ende

 

Daneben wirken alle anderen Figuren blass, selbst wenn sie mit vollem Körpereinsatz bei der Sache sind. Dennoch besteht zur Hauptfigur und ihrem tragischen Ende immer eine gewisse Distanz. Das liegt vielleicht auch an der porträtierten Persönlichkeit selbst, die sich widerborstig der Verklärung verweigert. Was bleibt, ist das Gefühl des Verlustes einer Kämpferin, die heute mehr denn je gebraucht würde.