
Vor gut 15 Jahren gingen die Aktionen der Frauenrechtsbewegung „Femen“ durch alle Medien. Mit Körperbemalung, Blumenkränzen und bloßen Brüsten protestierten die Aktivistinnen gegen patriarchale und autoritäre Strukturen sowie gegen religiöse Dogmen. Mit ihrem Körpereinsatz erregten sie weltweit Aufmerksamkeit, sorgten aber auch für Irritationen und Missverständnisse. Eine der Schlüsselfiguren der sich schnell internationalisierenden Bewegung war Oksana Schatschko.
Info
Oxana – mein Leben für Freiheit
Regie: Charlène Favier,
103 Min., Frankreich 2024;
mit: Albina Korzh, Maryna Koshkina, Lada Koshkina, Oksana Zhdanova,
Weitere Informationen zum Film
Initialzündung für die Aktivistin
Dabei ist dem talentierten Mädchen aus einfachem, religiösem Elternhaus die Renitenz nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Früh zeigt sich ihr künstlerisches Talent. Als sie Ikonenmalerin werden will, bestärkt ein Pope sie darin und verschafft ihr auch Aufträge. Den vereinbarten Lohn sieht sie aber nie. Er erklärt das mit dem Geldmangel der orthodoxen Kirche – ihr Blick fällt auf sein großes Auto, das er auf der Straße geparkt hat. Seine Heuchelei inszeniert die Regisseurin als eine Art Initialzündung für ihre Protagonistin, die sich später von der Kirche distanzieren und kompromisslos gegen jede Art von Ungerechtigkeit auflehnen wird.
Offizieller Filmtrailer
Rauschhafter Aufbruch in knalligen Farben
In den 2000er Jahren war die postsowjetische Ukraine ein patriarchalisch geprägtes, korruptes Land, wo fügsame Frauen als Exportgut für westliche Männer galten, sei es als Ehefrauen oder Prostituierte. Auch dagegen wollen die drei Gründerinnen Oksana Schatschko, Anna Hutsol (Oksana Zhdanova) und Aleksandra Shevchenko (Mariia Kokshaikina) protestieren, als sie in einer feuchtfröhlichen Clubnacht „Femen“ gründeten. Favier filmt das als rauschhaftes Ereignis in knalligen Farben und führt die Methode auch fort, als die Bewegung in andere osteuropäische Länder expandiert.
Visuell orientiert sie sich neben zeitgenössischem Nachrichtenmaterial auch am 2013 entstandenen kontroversen Dokumentarfilm „Ukraine is not a Brothel“. Dafür begleitete die Filmemacherin Kitty Green die „Femen“-Gründerinnen 14 Monate lang bei ihren internationalen Protesten. Dabei exponierte sie aber auch einen Mann, Viktor Sviatsky, als Mittler mit den internationalen Medienkontakten hinter den Aktionen. Diese Figur bleibt aber für Faviers Film aber unerheblich.
Leben voller Widersprüche
Sie konzentriert sich ganz auf ihre Hauptfigur, die an ihrem letzten Tag die wichtigsten Stationen ihres bewegten Lebens Revue passieren lässt. Nach eigenem Bekunden wollte die Regisseurin eine Heldinnengeschichte erzählen – was ihr glücklicherweise nur zum Teil gelingt, denn sowohl die Story als auch die Protagonistin haben zu viele Brüche und Widersprüche. Das zeigt sich sinnfällig auch in Schatschkos eigenen Bildern.
Hintergrund
Lesen Sie hier ein Interview mit den Filmemachern Mike Lerner + Maxim Posdorowkin über ihre Doku "Pussy Riot – A Punk Prayer" zum Selbstverständnis der und Prozess gegen die russischen Aktivistinnen
und hier eine Rezension des Films "Das Hamlet Syndrom" – bewegende Dokumentation über Kriegstrauma-Theater mit jungen Ukrainern von Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski
und hier eine Besprechung des Films "Rhino" – Porträt eines ukrainischen Kleingangsters von Oleg Senzow
und hier einen Beitrag über den Film "Donbass" – bewegendes Episoden-Drama über den Krieg seit 2014 in der Ost-Ukraine von Sergei Loznitsa
und hier einen Bericht über die Ausstellung "The Ukrainians" – aktuelle ukrainische Protest-Kunst in der daadgalerie, Berlin.
Von Belarus ins französische Exil
Eine Zäsur stellt dabei ihre Gefangenschaft in Belarus dar. Nach einer Aktion gegen die Wiederwahl des seit 1994 regierenden Präsidenten Alexander Lukaschanko wird sie dort ohne Anklage für unbestimmte Zeit in Einzelhaft festgehalten und gefoltert. Die Freilassung erscheint dann fast wie ein Wunder, gefolgt von Ernüchterung nach ihrer Ankunft in Frankreich, wo sie immer wieder aufs Neue verhört wird. Dass sie als politische Geflüchtete gefährdet ist, wird von den Behörden nicht ernst genommen.
Von nun an reduziert der Film sein Tempo; die wohl komponierten, strengen Bilder werden stiller. Die als Rückblenden eingestreuten Erinnerungen strahlen dagegen eine große Wärme aus und unterstreichen visuell Oksanas Einsamkeit im Exil. Das wäre alles kaum so eindrücklich ohne die Hauptdarstellerin Albina Korzh, die sich mit Verve ihrem Vorbild anverwandelt und sie in jeder Nuance glaubhaft verkörpert.
Distanz bleibt bis zum Ende
Daneben wirken alle anderen Figuren blass, selbst wenn sie mit vollem Körpereinsatz bei der Sache sind. Dennoch besteht zur Hauptfigur und ihrem tragischen Ende immer eine gewisse Distanz. Das liegt vielleicht auch an der porträtierten Persönlichkeit selbst, die sich widerborstig der Verklärung verweigert. Was bleibt, ist das Gefühl des Verlustes einer Kämpferin, die heute mehr denn je gebraucht würde.
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