Bonn

Para-Moderne – Lebensreformen ab 1900

Johann Adam Meisenbach: Tanzende am Lago Maggiore bei Ascona (um Rudolf von Laban), 1914. Kunsthaus Zürich, Bibliothek; Foto: © Erben Johann Adam Meisenbach. Fotoquelle: Bundeskunsthalle
Nonkonformismus als Freakshow: Die Bundeskunsthalle will Entstehung und Ideen alternativer Bewegungen nachzeichnen, verzettelt sich aber mit einem so geschichtsvergessenen wie gegenwartsblinden Sammelsurium. Darin findet sich Erhellendes wie Lächerliches – nur Emanzipation ist immer gut.

Alles muss anders werden: Dieser Gedanke ist fast genauso alt wie die europäischen Kulturen selbst. Man findet ihn bereits bei antiken Moralisten und christlichen Ordensgründern im Mittelalter. Die Wortführer von Bauernaufständen beschworen Utopien irgendwo zwischen Bronzezeit-Dörfern und Paradies. Der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau war im 18. Jahrhundert wohl der erste, der diese Losung als Entwicklungspfad aus einer verdorbenen Zivilisation zurück zur heilbringenden Natur beschrieb.

 

Info

 

Para-Moderne –
Lebensreformen ab 1900

 

11.04.2025 - 10.08.2025

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr

in der Bundeskunsthalle, Bonn

 

Katalog 43 €

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Davon weiß die Ausstellung „Para-Moderne“ nichts. Den erklärungsbedürftigen Titel beschreiben die Kuratoren Johanna Adam und Robert Eikmeyer recht vage als „Geflecht, das man rückblickend als das ökologisch-emanzipatorische Projekt der Moderne bezeichnen kann“. Nur um im nächsten Absatz ihre Definition gleich wieder aufzuheben: „Kunst – Wissenschaft – Esoterik. Das alles war/ ist die Moderne, ein vieldimensionales Projekt, das immer das Andere schon enthält, immer über sich hinaus ist und selbst sein Gegenteil inkorporiert. Die Moderne ist eine Para-Moderne“.

 

Alles hängt mit allem zusammen

 

Wenn Para-Moderne also alles und zugleich das Gegenteil ist, kann eine Ausstellung über sie alles Mögliche enthalten. Ohne die Bezüge zwischen den einzelnen Elementen deutlich herauszuarbeiten, denn irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen. Wobei die Schwerpunkte willkürlich gesetzt werden können; Hauptsache, sie sind bunt, lustig – und kleistern die Brüche im Konzept zu.

Feature über die Ausstellung; © Bundeskunsthalle


 

Emanzipation gut, Nazis schlecht

 

Ein Kriterium ist dem Kuratoren-Duo allerdings wichtig; das „ökologisch-emanzipatorische“. Es erfüllt die dramaturgische Funktion von good cop, bad cop: Mit emanzipatorisch ist vor allem Frauenemanzipation gemeint, und das ist gut. Ökologisch ist dagegen ambivalent, denn manche naturnahen Vorstellungen und Postulate wurden vom NS-Regime aufgegriffen, und das ist natürlich schlecht. Mithilfe dieses binären Bewertungsschemas lässt sich eine Schneise der Erkenntnis durch das Dickicht von acht Abteilungen und 45 Unterabteilungen in der Bundeskunsthalle schlagen.

 

Als erster Lebensreformer wird der US-Aussteiger Henry David Thoreau erwähnt, der in seinem Klassiker „Walden“ 1854 sein zweijähriges Wohnen in einer selbstgebauten Blockhütte beschrieb – dass er dabei nicht abgeschieden, sondern in der Nähe der Zivilisation hauste, übergeht die Schau. Davon abgesehen, fällt der erste Para-Modernist Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913) quasi vom Himmel. Der Maler, selbsternannte Prophet und Gründer einer der ersten Kommunen war der Prototyp einer ganzen Reihe ähnlicher Figuren in den Jahren um 1900.

 

Notwendworte für Volk – nichts für Pöbel

 

Einige dieser „Kohlrabi-Apostel“ werden ausführlich porträtiert. Gustav Nagel, der im Jesus-Look auftrat, lebte auskömmlich von Bildpostkarten mit frommen Sprüchen, die reißenden Absatz fanden. Ludwig Christian Haeusser stilisierte sich zur Inkarnation des Übermenschen, stauchte mit Hasstiraden sein Publikum zusammen und hatte Kontakte zur Dada-Bewegung – die Kuratoren widmen ihm einen halben Raum und schreiben ihm eine Vorbild-Funktion für Hitlers Führerkult zu.

 

Gustav Gräser wandelte bedürfnislos durchs Land, feilte an Schriften wie „Notwendworte für Volk – nichts für eingebildeten Pöbel“ und beteiligte sich 1900 an der Gründung der Aussteiger-Gemeinschaft „Monte Veritá“ im Tessin. Die spaltete sich bald in Fundis und Realos; letztere verdienten mit einer „Naturheilanstalt“ ordentlich Geld. Besonders wichtig ist aber dem Kuratorenpaar, das hier eine gewisse Käthe Kruse 1905 ihre erste „Reformpuppe“ nähte. Bald wurde sie zum Verkaufsschlager – zweifellos ein Akt der Emanzipation.

 

Tanzen, Turnen + Töpfern

 

Ebenso sicherlich Ausdruckstanz, der aus den Zwängen eingefahrener Bewegungsmuster befreit: Das Wirken der Pioniere Rudolf von Laban und Mary Wigman am Monte Veritá wird ausführlich gewürdigt. Samt einem Exkurs zu Sasha Waltz: Ob die selbst ernannte Doyenne der Berliner Tanztheater-Szene, die allerdings bereits nach einer Spielzeit als Leiterin des Staatsballets Berlin das Handtuch warf, sich selbst als Nachfahrin der Lebensreform-Bewegung sieht?

 

Noch mehr Platz, nämlich ein ganzer Saal, wird der wenig bekannten Loheland-Siedlung bei Fulda eingeräumt. Dort wurden ab 1919 ausschließlich Frauen in Gymnastik und Handwerken wie Weben, Drechseln und Töpfern ausgebildet. Gleichfalls ein eindeutig emanzipatorisches Unterfangen; davon zeugen Fotos rhythmisch hüpfender Schülerinnen und schöne Stoffe, Vasen und Krüge. Dass die Gründerinnen Hedwig von Rohden und Louise Langgaard anthroposophisch beseelt waren und letztere 1937 in die NSDAP eintrat, wird dagegen nur am Rande erwähnt.

 

Heidegger + Wittgenstein dachten in Hütten

 

Doch der Bezug wird räumlich hergestellt: Nebenan befindet sich der Hort des Bösen. Im Themenraum „In Abgründe blicken“ sind neben den Haeusser-Memorabilia auch ein Film des Gegenwarts-Künstlers Marcel Odenbach zu sehen. Er hat in den früheren Saalecker Werkstätten gedreht, wo der konservative Kulturtheoretiker und Rasseideologe Paul Schultze-Naumburg NS-Größen zu geselligen Abenden empfing. Grusel, grusel – aber was ist daran lebensreformerisch? Ebenso wenig erschließt sich, warum hier outsider art von Geisteskranken aus der berühmten Sammlung Prinzhorn in Heidelberg hängt – weil manche ihrer Schöpfer von den Nazis ermordet wurden?

 

Davor wird ein ähnlich dünner thematischer Zusammenhang genauso massiv inszeniert. Der Ruf des Existentialphilosophen Martin Heidegger leidet seit langem darunter, dass er sich 1933 den Nazis andiente. Seine Denker-Hütte im badischen Todtnauberg wurde 2018 bizarrerweise für eine andere Ausstellung leicht verkleinert nachgebaut. Die Kuratoren haben sie nach Bonn geholt, weisen aber darauf hin, dass Ludwig Wittgenstein seinen epochalen „Tractatus logico-philosophicus“ in einem norwegischen Holzhaus schrieb. Was soll das heißen – dass in Hütten entweder Meisterwerke oder Fragwürdiges ersonnen wird?

 

Naturkostladen-Chef prägte Hippie-Kultur

 

Gewinnbringender ist dagegen der einzige Blick über den nationalen Tellerrand hinaus, den Adam und Eikmeyer wagen. Deutsche Zivilisationsflüchtlinge wie Friedrich Wilhelm Pester und Otto Heinrich Carque ließen sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Kalifornien nieder. Ihr Vegetarismus und bedürfnisloses Auftreten fand Nachahmer; sie nannten sich um 1950 „Nature Boys“, die im Freien oder in Höhlen schliefen. Einer von ihnen namens Robert Bootzin eröffnete unter dem Pseudonym Gypsy Boots 1958 mitten in Los Angeles den Naturkostladen „Back to Nature Health Hut“.

 

Der Mann war ein PR-Genie und ließ nichts aus: Er bewirtete Hollywood-Größen und Rockstars, trat in TV-Shows auf, spielte in Filmen mit und verköstigte die Besucher der ersten großen Rockfestivals in Monterey (1967), Newport (1968) und Woodstock (1969). Gypsy Boots ist wohl das wichtigste Verbindungsglied zwischen der vegetarischen Lebensreformer-Tradition in Europa und der Hippie-Kultur in den USA, deren psychedelische Ästhetik vom Jugendstil beeinflusst war. Und wenig später die alternativen Jugendkulturen weltweit der 1970/80er Jahre inspirierte.

 

Kein Wort über IT-Lebensreform

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Künstler und Propheten: Eine geheime Geschichte der Moderne 1872 - 1972" zur Lebensreform-Bewegung in der Kunsthalle Schirn, Frankfurt

 

und hier eine Besprechung des Films "Monte Verità – Der Rausch der Freiheit" – Historiendrama über die erste moderne Aussteigerkolonie von Stefan Jäger

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Summer of Love: art, fashion, and rock and roll"psychedelische Pop Art aus San Francisco im PalaisPopulaire, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Dem Licht entgegen – Die Künstlerkolonie-Ausstellung 1914" – große Jugendstil-Schau im Institut Mathildenhöhe, Darmstadt

 

und hier einen Artikel über den Film "Siddharta (WA)" – Verfilmung des klassischen Gottsucher-Romans von Hermann Hesse durch Conrad Rooks.

 

Das ist ein halbes Jahrhundert her – und heute? Dazu schweigt sich die Ausstellung aus. Dass die milliardenschweren IT-Tycoons im Silicon Valley zeitgenössische Lebensreformer sind, die über KI-gesteuertes Dasein, Kyrokonservierung und Transhumanismus schwadronieren, erwähnt sie mit keinem Wort.

 

Lieber beschwört Bundeskunsthallen-Intendantin Eva Kraus zweckoptimistisch: „Die Werte der jungen aktivistischen Generation sind heutzutage bemerkenswert ähnlich wie in den Lebensreformen.“ Darüber könnten Yoga-Lehrer, Biosupermarkt-Betreiber und Greenpeace-Campaigner wohl nur kichern, wenn sie sich hier umsähen.

 

Alternativen sind schwer vermittelbar

 

So gleicht diese Ausstellung einer Esoterik-Messe: Man findet in dem überladenen Potpourri Interessantes und Ödes, Tiefschürfendes und Oberflächliches, Überzeugendes und Abwegiges. Und manches gar nicht: Die erfolgreichste aller Lebensreform-Bewegungen mit Heilslehren-Charakter, die Anthroposophie von Rudolf Steiner, kommt praktisch nicht vor – ihre Vorläuferin, die Theosophie von Helena Blavatsky, dagegen ausgiebig. Warum, mögen die Geister wissen.

 

Es ist offenbar schwierig, ein so schillerndes, vielgestaltiges und in sich widersprüchliches Phänomen wie alternative Lebensentwürfe in der Moderne für eine Ausstellung aufzubereiten. Also divergente Ansätze zu bündeln, geistige Traditionslinien herauszupräparieren und damit diese Strömungen in ihrer Gesamtheit verstehbar zu machen, anstatt nur absonderliche Skurrilitäten aneinander zu reihen. Daran ist schon 2015 die Schirn Kunsthalle in Frankfurt/ Main mit ihrer Schau „Künstler und Propheten: Eine geheime Geschichte der Moderne 1872 – 1972“ krachend gescheitert.