Johannes Betz

Sep Ruf – Architekt der Moderne

Sep Ruf: Treppenhaus in der Neuen Maxburg, 1952-57, München. Foto: ® Alpenrepublik 2025
(Kinostart: 10.7.) Baumeister der frühen Bundesrepublik: In den 1950/60er Jahren schuf Sep Ruf viele moderne Wohn- und Verwaltungsbauten, die leicht und elegant erschienen – als Sinnbilder der jungen Demokratie. Regisseur Johannes Betz widmet ihm eine solide, passagenweise etwas konfuse Doku.

„Ich weiß nicht, welcher Architekt diesen Bungalow gebaut hat, aber er verdient zehn Jahre!“ Der da so scharf kritisiert, ist kein Geringerer als der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer. Und der, der von ihm so scharf kritisiert wird, ist Franz Joseph „Sep“ Ruf (1908-1982), einer der führenden Baumeister der frühen Bundesrepublik. Wobei Adenauers harsches Verdikt wohl mindestens ebenso politisch wie ästhetisch bedingt war.

 

Info

 

Sep Ruf – Architekt der Moderne

 

Regie: Johannes Betz,

96 Min., Deutschland 2025;

 

Weitere Informationen zum Film

 

Den 1963/4 errichteten Kanzlerbungalow am Bonner Rheinufer hatte nämlich Ludwig Erhard persönlich in Auftrag gegeben. Adenauer war seinem Wirtschaftsminister und Nachfolger als Regierungschef in herzlicher Abneigung verbunden; das dürfte quasi durch Kontaktschuld auch auf den Planer des Wohn- und Amtssitzes abgefärbt haben. Erhard wiederum war Sep Ruf sehr zugetan; er hatte sich von ihm bereits Anfang der 1950er Jahre einen Flachdach-Bungalow als Wochenend-Landhaus am Tegernsee errichten lassen. Nebenan baute Ruf einen weiteren Bungalow für sich; beide waren also Nachbarn.

 

Gebäude schildert politische Gesinnung

 

Erhard schätzte die offene und luftige Bauweise, die Rufs Markenzeichen war. Wie beim Kanzlerbungalow: Das einstöckige Haus ist außen weitgehend verglast, das Dach scheint auf dünnen Pfeilern gleichsam zu schweben. Der offizielle Trakt, einem von zwei Quadern, bietet von allen Seiten Einblicke; zugleich spiegelt sich das Grün der Parklandschaft ringsum in den Glasscheiben. Man solle dieses Gebäude anschauen, um seine Politik zu verstehen, hat Erhard gesagt: „Es erzählt mehr über meine politische Gesinnung, als wenn sie mich eine politische Rede halten hören.“

Offizieller Filmtrailer


 

Verwirrender Interview-Reigen

 

Sep Rufs Meisterwerk, bei dem er fließende Übergänge zwischen Außen und Innen auf die Spitze trieb, hebt sich Regisseur Johannes Betz bis zum Schluss seiner Doku auf. Auch ansonsten behandelt Betz die Chronologie seines Schaffens recht freimütig, greift voraus oder springt zurück. Zudem hat er zahlreiche Weggefährten, ehemalige Studenten, Verwandte, Architektur-Experten oder Bewohner seiner Häuser aufgetan, die natürlich nur Gutes über Sep Ruf und sein Wirken zu berichten wissen. Samt Widersprüchen: Er soll schüchtern und sanft, aber auch ein begnadeter Netzwerker gewesen sein. Was denn nun?

 

Die Interviewten sagen ihr Sprüchlein auf, verschwinden und tauchen später für ein, zwei Sätze wieder auf – dieser Reigen von talking heads verwirrt zuweilen: Wer spricht jetzt, und worüber? Um den Redefluss zu strukturieren, fasst ihn gefühlt jede Viertelstunde eine Stimme aus dem Off zusammen, derweil auf dem split screen ein Best-of-Bildergewitter abläuft. Solche Redundanzen wirken, als sei der Film als multimediale Begleitung zu einer Ausstellung konzipiert worden, deren Besucher meist nur wenige Minuten lang zusehen.

 

Emanzipation vom Traditionalisten

 

Gleichwohl: Die wichtigsten Stationen von Sep Rufs Erfolgslaufbahn – er soll mit seinem Büro insgesamt rund 300 Bauten entworfen haben – werden deutlich. Nach dem Diplom 1931 beim Traditionalisten German Bestelmeyer emanzipierte er sich rasch von seinem akademischen Lehrer. 1936 entwarf er eine kleine Siedlung im Münchener Vorort Grünwald für Arbeiter der Junkers-Werke: mit Satteldächern, weil die Nazis das vorschrieben, aber auch mit Pergolen, die alle Häuser miteinander verbanden.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer" – Doku über den Streit zwischen der Architektin und Le Corbusier über eine Villa von Beatrice Minger + Christoph Schaub

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Lina Bo Bardi 100 – Brasiliens alternativer Weg in die Moderne" – Retrospektive der International-Style-Architektin in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Ein Leben für die Architektur: Der Fotograf Julius Shulman" große Werkschau des Foto-Chronisten des International Style im Architekturmuseum Schwaben, Augsburg

 

und hier einen Bericht über den Film "Kevin Roche: Der stille Architekt" Porträt des Modernisten und Pritzker-Preisträgers 1982 von Mark Noonan

 

und hier einen Artikel über die Ausstellung "Coop Himmelb(l)au - Frankfurt Lyon Dalian" Retrospektive des dekonstruktivistischen Büros im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt/ Main.

 

1950/1 bewältigte er seine ersten Großaufträge: den Wiederaufbau der Niederlassung der Bayerischen Staatsbank in Nürnberg und ein Wohnhochhaus in der Münchener Theresienstraße – es steht direkt gegenüber des Museums Brandhorst. Hier gestaltete er die Fassaden erstmals mit Bändern aus geschosshohen Fenstern; getrennt nur durch schmale Elemente, die im Lauf der Zeit immer dünner wurden.

 

Leichtes + elegantes Justizgebäude

 

Nicht nur bei Wohnhäusern: An der Stelle der kriegszerstörten Maxburg aus dem 16. Jahrhundert entstand 1952/7 die „Neue Maxburg“. Ihre Fassade löste Sep Ruf in ein filigranes Quader-Raster auf; dessen Proportionen übernahm er vom frei stehenden Renaissance-Turm, der erhalten geblieben war. Innen verbindet eine frei schwebende Wendeltreppe die Etagen, deren offene Flure einen großzügigen Lichthof säumen. Alles wirkt so leicht und elegant, dass man kaum glauben mag, sich in einem Justizgebäude zu befinden; es beherbergt das Amts- und Landgericht von München.

 

Damit wurde Sep Ruf stilprägend: Viele gelungene Verwaltungsbauten aus der Wiederaufbauphase der 1950er Jahren orientieren sich an solchen Prinzipien. Er selbst nahm immer größere Aufträge an: etwa als Ko-Architekt mit Egon Eiermann den für die deutschen Pavillons auf der Brüsseler Weltausstellung 1958, im Alleingang die umfassende Erweiterung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, die bis 1976 dauerte, und ab 1968 die Gesamtplanung für die „Bürosiedlung Tucherpark“; ein Gewerbebauten-Ensemble am Rande des Englischen Gartens in München.

 

Gegen NS-Massivstein-Terror

 

Mehrere dieser monofunktionalen Klötze stehen mittlerweile allerdings leer. Und Studenten der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste klagen über winterliche Kälte. Denn die vier von Ruf 1952/4 errichteten Pavillons lassen sich schlecht beheizen; Gebäude mit Glasfassaden haben eine miserable Energiebilanz. Solche Kritik klingt aber nur ganz dezent an. Sie wäre auch ahistorisch: Nach dem Massivstein-Terror der Nazi-Architektur sollte das Bauen in der Bundesrepublik möglichst transparent und schwerelos erscheinen, als Sinnbild der jungen Demokratie – und das beherrschte Sep Ruf wie kaum ein anderer.