Hannover

Tattoo – Antike, die unter die Haut geht

Postkarte der tätowierten Schaustellerin Maud Arizona, Frühes 20. Jh. . Foto: Christian Rose . Fotoquelle: Museum August Kestner
Tätowierungen bei den alten Griechen und Römern – das wäre ein aktueller Lifestyle-Ansatz zur Vermittlung von Wissen über die Antike. Doch eine Ausstellung im Museum August Kestner entpuppt sich weitgehend als Etikettenschwindel: Gezeigt werden vor allem Körperbilder um 1900 und heutige Tattoos.

Von einer Ausstellung über Tätowierungen und Antike, die von einem Antiken-Museum konzipiert worden ist, sollte man eigentlich erwarten, dass sie Tätowierungen in der Antike behandelt. Diese Schau, die bis Februar im Antikenmuseum der Universität Leipzig zu sehen war und nun in veränderter Form im Hannoveraner Museum August Kestner gezeigt wird, präsentiert aber vor allem Antiken-Motive bei heutigen Tätowierungen.

 

Info

 

Tattoo –
Antike, die unter die Haut geht

 

03.04.2025 - 17.08.2025

 

täglich außer montags 11 bis 18 Uhr

im Museum August Kestner, Platz der Menschenrechte 3, Hannover

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

In den Worten der Veranstalter: „Was passiert, wenn Motive aus längst vergangenen, antiken Gesellschaften auf einmal in den Hautbildern des 21. Jahrhunderts auftreten? Dieser Frage widmet sich die Ausstellung.“ Ja, was passiert dann? Dann laufen eben Zeitgenossen mit Antike-Motiven am Leib herum. Um das mitzubekommen, muss niemand in ein Museum gehen – es genügt, darauf zu achten, was Mitmenschen auf entblößten Körperteilen so alles zur Schau tragen.

 

Wenige aussagekräftige Exponate

 

Die Banalität ihrer Fragestellung scheint den Kuratoren nicht entgangen zu sein, denn sie greifen halbherzig auf Altertümliches zurück: Die Ausstellung „nimmt zeitgenössische Tätowierungen von Bildmotiven aus dem antiken Mittelmeerraum in den Blick und widmet sich den antiken Tätowierpraktiken in Ägypten, Griechenland und Rom“. Dass jene nur an zweiter Stelle stehen, könnte am Mangel aussagekräftiger Exponate liegen: Die Schau hat sehr wenig vorzuweisen.

Impressionen der Ausstellung


 

Knappe Erläuterungen bleiben vage

 

Vier altägyptische Tonfigürchen mit punktförmigen Loch-Verzierungen; drei Scherben bemalter griechischer Gefäße, die Körperteile mit Bemalungen zeigen, sowie zwei römische Miniaturkopf-Gefäße mit Markierungen auf der Stirn – das war es im Wesentlichen. Dazu kommen ein paar Zitate aus Schriften antiker Autoren, die schildern, wie Sklaven, Verbrecher oder Kriegsgefangene mit Tätowierungen gebrandmarkt wurden, jedoch Barbaren wie Thraker oder Skythen sich selbst damit schmückten.

 

Dass antike Tätowierungen vorwiegend dazu dienten, soziale Gruppen und kulturelle Unterschiede zu kennzeichnen, wie die Schau betont, ist plausibel. Bloß: Sie geht nirgends darüber hinaus. Alle ohnehin recht knappen Erläuterungen bleiben im Vagen. So raunt der Text zum alten Ägypten: „Zeichen auf der Haut konnten genutzt werden … um konkrete Inhalte zu kommunizieren. Dies schließt die Verehrung von Gottheiten ebenso ein wie die Beschwörung göttlicher Kräfte durch Magie und Rituale.“ Das wüsste man gern genauer. Doch selbst eine lebensgroße Schautafel, bei der diverse Zeichen auf einem weiblichen Körper aufgetragen sind, bleibt völlig unkommentiert.

 

Bilderbogen historischer Postkarten

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Existenzielle Bildwelten - Sammlung Reinking" mit dem Rückentattoo-Kunstwerk "TIM" von Wim Delvoye in der Weserburg, Bremen

 

und hier eine Besprechung des Films "Der Mann, der seine Haut verkaufte" – präzis-groteske Kunstbetriebs-Satire über einen tätowierten syrischen Flüchtling von Kaouther Ben Hania

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung "Gottfried Lindauer: Die Māori Portraits" mit außergewöhnlichen Gesichts-Tätowierungen aus Neuseeland in der Alten Nationalgalerie, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Bart - zwischen Natur und Rasur + Im Dickicht der Haare" im Neuen Museum, Berlin, und der Grimmwelt, Kassel.

 

Bilder sprechen für sich, denkt man wohl in Hannover – und präsentiert gegenüber ein Sammelsurium historischer Postkarten. Weil man sie hat: Die Postkartensammlung Andreas Bornemann wurde 2020 dem Historischen Museum Hannover geschenkt. Was den antiken Exponaten an Schauwert fehlt, sollen offenbar Porträts ganzkörpertätowierter Frauen und Männer aus der Zeit um 1900 ausgleichen; deshalb baumeln sie auch als Parade von Blowup-Bannern unter der Decke. Der Bezug zur Antike ist allerdings extrem dürftig; er beschränkt sich auf drei briefmarkengroße Detail-Ausschnitte mit kleinen Triton- oder Athena-Abbildungen.

 

Üppig ausgebreitet wird dagegen eine Fotogalerie heutiger Tätowierungen mit Antike-Motiven. Das Spektrum reicht von Halbgöttern wie Herkules und römischen Kaisern wie Tiberius bis zu Medusen-Häuptern und Gefäßen mit tanzenden Grazien; auch ein Laokoon ist dabei. Ihre Träger fanden die Kuratoren nach eigenen Angaben durch eine Social-Media-Kampagne. Deren Beweggründe sind vielfältig und schlicht: von der Liebe zur Mythologie bis zur Erinnerung an eine Italien-Reise.

 

Nicht Zeigbares kann man nicht ausstellen

 

Abgerundet wird dieser Bilderbogen durch zwei Werke des zeitgenössischen italienischen Bildhauers Fabio Viale. Er verziert seine Kopien antiker Marmor-Skulpturen mit monochromer Bemalung, die wie Tattoos aussehen – allerdings wirkt seine Venus durch wahllos von Kopf bis Fuß verstreute Embleme arg zugetackert.

 

Da drängt sich der Verdacht auf, dass zwei Museen für Antike ihre als verstaubt geltenden Bestände für neue Zielgruppen attraktiv machen wollen, indem sie auf ein aktuelles Lifestyle-Sujet setzen. Nur: Mangels Masse entpuppt sich das als Etikettenschwindel; über Tätowierungen in der Antike erfährt man kaum etwas. Nun mag es sein, dass archäologische Funde und Schriftquellen nicht mehr hergeben. Dann taugt eben das Thema nicht für eine Schau; was sich nicht zeigen lässt, kann man nicht ausstellen.