Maura Delpero

Vermiglio

Der Beginn einer Liebe: Pietro (Giuseppe De Domenico), Flavia (Anna Thaler) und Lucia (Martina Scrinzi). Foto: © Piffl Medien
(Kinostart: 24.7.) Wie herausgelöst aus Zeit und Raum: Inspiriert von einem Traum, erweckt Regisseurin Maura Delpero das italienische Alpendorf ihrer Großeltern im Winter vor 80 Jahren zum Leben. Die wunderbar stimmungsvolle Inszenierung dieser Familiensaga sorgt für berührende Intimität.

Hoch in den italienischen Alpen liegt ein kleines Dorf, in dem selbst im Winter 1944 die Welt noch heil zu sein scheint: Vermiglio. Das Leben in der abgelegenen Gemeinde ist einfach; der Alltag wird von altehrwürdigen Traditionen und dem Wechsel der Jahreszeiten bestimmt.

 

Info

 

Vermiglio

 

Regie: Maura Delpero,

119 Min., Italien/ Frankreich/ Belgien 2024;

mit: Tommaso Ragno, Giuseppe De Domenico, Roberta Rovelli, Martina Scrinzi,

 

Weitere Informationen zum Film

 

Kurz vor Weihnachten stößt der desertierte Soldat Pietro (Giuseppe De Domenico) zu der kleinen Gemeinschaft, die eng zusammenhält. Die Front ist zwar fern, aber dennoch Vorsicht geboten. Weil der fremde Sizilianer Pietro den Einheimischen Attilio (Santiago Fondevila) auf der Flucht vor den Deutschen rettete, darf er sich nun im Heuschuppen von dessen Familie verstecken.

 

Eine Romanze bahnt sich an

 

Kaum hat sich herumgesprochen, dass ein fremder Deserteur im Ort weilt, wird auch die scheue Dorfschönheit Lucia (Martina Scrinzi) auf den gutaussehenden jungen Mann aufmerksam. Seine verschlossene Art fasziniert sie, und so bahnt sich eine Romanze an. Lucias Vater, der Lehrer Cesare (Tommaso Ragno), hat derweil andere Probleme.

Offizieller Filmtrailer


 

Ein Haus voller Kinder

 

Weil seine Frau Adele (Roberta Rovelli) ständig schwanger wird, ist das Haus voller Kinder. Die Familie kommt nur mühsam über die Runden, und die frische Kuhmilch am Morgen wird streng rationiert. Gerade wurde das jüngste Geschwisterchen begraben, doch das nächste ist bereits auf dem Weg.

 

Am meisten sorgt sich Cesare jedoch um seinen Sohn Dino (Patrick Gardner), den er für einen heimlich trinkenden Taugenichts hält. Zugleich kämpft seine mittlere Tochter Ada (Rachele Potrich) mit ihrer aufkeimenden Sexualität: Manchmal greift sie heimlich im väterlichen Arbeitszimmer zu seinen pornografischen Fotoalben.

 

Vater der Regisseurin erschien ihr im Schlaf

 

Der zweite Spielfilm von Regisseurin Maura Delpero ist ein sorgfältig inszeniertes generationsübergreifendes Familienporträt. Die Idee zur Geschichte sei ihr buchstäblich im Schlaf gekommen, sagt die 1975 geborene Delpero: Ihr Vater habe sie nachts besucht.

 

„Er war in sein Elternhaus in Vermiglio zurückgekehrt“, erinnert sich Delpero: „Sein Gesicht verschmolz mit dem seines kindlichen Ichs. Ich war glücklich, ihn zu sehen, aber auch verängstigt, weil ich in dem Moment das Gefühl hatte, er stünde wirklich vor mir. Der Traum war wie eine Offenbarung, eine filmische Vision.“

 

Die Frauen von Vermiglio

 

Trotz der väterlichen Heimsuchung sind es vor allem die weiblichen Figuren in diesem streng patriarchalen Gefüge, die Delpero beschäftigen. Besonderes Augenmerk legt die Regisseurin dabei auf Lucias zaghafte emanzipatorische Bemühungen in einer Zeit, in der Frauen weder über ihren Körper noch ihr Leben selbst bestimmen können.

 

Stattdessen arbeiten sie auf den Feldern, wie im Krieg üblich, und halten gleichzeitig Haus und Hof in Schuss. Nur die wenigsten Mädchen haben wie Cesares clevere Tochter Flavia, die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren. Und ist der Ruf einer Frau einmal ruiniert, bleibt ihr nur die Möglichkeit, in die Stadt zu ziehen.

 

Zeit + Raum wie aufgelöst

 

Was die fromme Ada am meisten irritiert, ist die Regel, dass Mütter in den ersten vierzig Tagen nach der Geburt nicht in die Kirche gehen dürfen, bis ihr Körper vollständig „gereinigt“ ist. In diesem Fall, eröffnet sie dem örtlichen Priester, verzichte sie lieber aufs Heiraten. Lucia dagegen gibt sich bald mit Pietro das Ja-Wort. Ihr Glück wird allerdings nur von kurzer Dauer sein.

 

Die Kostüme und die althergebrachten Werte und Normen verorten die Geschichte in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Doch die Zwänge von Zeit und Raum wirken in „Vermiglio“ auf geheimnisvolle Weise wie aufgelöst. Delpero findet für ihren Film immer wieder Bilder von zeitloser Schönheit und Gültigkeit.

 

Intensive Farben + rustikale Innenräume

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Morgen ist auch noch ein Tag" – Kassenschlager von Paola Cortellesi über häusliche Gewalt im Italien der Nachkriegszeit

 

und hier eine Besprechung des Films "Luise" – stimmiges Historien-Kammerspiel über ein Dreiecksverhältnis auf Einödhof im Ersten Weltkrieg von Matthias Luthardt

 

und hier einen Bericht über den Film "Ende der Schonzeit" – intensives Melodram über deutsch-jüdische Dreiecksbeziehung auf Schwarzwald-Hof 1942 von Franziska Schlotterer

 

und hier einen Beitrag über den Film "Primadonna" über den Kampf einer Sizilianerin gegen Zwangsheirat in den 1960er Jahren von Marta Savina.

 

Dabei drängen sich die Farben in den Vordergrund: In etlichen Szenen dominieren Blautöne, die von der Wollkleidung bis in den Himmel reichen. Andere Einstellungen überraschen mit einer visuellen Intensität, die sich geradezu in die Netzhaut einzubrennen scheint.

 

Auch die rustikalen Innenräume der Bauernhäuser im Hochgebirge wurden mit viel Feingefühl ausgestattet. Dabei steht das karge Hab und Gut der Familien im auffälligen Kontrast zu Cesares bürgerlichen Ambitionen. Sein ganzer Stolz ist ein edles Grammophon, für das er gerne kostspielige Platten erwirbt.

 

Atmosphäre statt großem Drama

 

Seine Leidenschaft für die schönen Künste sorgt in der Ehe für weitere Konflikte, und sogar für Anflüge häuslicher Gewalt. Doch Delpero geht es in „Vermiglio“ nicht ums große Drama, sondern um Atmosphäre: Jede Erregung, jede Emotion, jede Grausamkeit wird vom schweren Schnee vor der Tür wie im Keim erstickt.

 

Die gedämpfte Stimmung ist durchaus als lebensbejahend zu verstehen. Mit ihrem ruhigen, zurückhaltenden Erzählstil erzeugt die Regisseurin eine berührende Intimität und Verbundenheit mit ihren Figuren – ein Gefühl, das im zeitgenössischen Kino viel zu selten zu finden ist.