
Die Lausitz gewinnt als Filmregion an Popularität. Nach der Romanverfilmung „Mit der Faust in die Welt schlagen“ im Frühjahr kommt in diesem Jahr nun schon der zweite Film in die Kinos, der dort angesiedelt ist. Industriebrachen, hohe Arbeitslosigkeit, Fremdenfeindlichkeit – solche Bilder lassen sich offenbar leichter auf die Lausitzer Landschaft projizieren als auf die Regionen um die Boomstädte Leipzig oder Jena.
Info
Wilma will mehr
Regie: Maren-Kea Freese
110 Min., Deutschland 2025;
mit: Fritzi Haberlandt, Konstanze Dutzi, Meret Engelhardt, Victor Ferin
Weitere Informationen zum Film
Neustart in Wien
Darum folgt sie dem Ruf eines ehemaligen Kollegen, der mittlerweile einen Baumarkt in Wien leitet, und zieht aus dem Lausitzer Braunkohlerevier in die österreichische Hauptstadt. Aber natürlich gestaltet sich der Neuanfang nicht so glatt wie gedacht. Zwar ist Wilma eine Frau mit vielen Zertifikaten und noch mehr Talenten. Aber ihre Bescheinigungen über die Berufsfortbildungen, die sie in den letzten Jahren erfolgreich absolviert hat, sind alle nicht gut genug.
Offizieller Filmtrailer
Schwarzarbeit für die bessere Gesellschaft
Ihre Original-Diplome aus der DDR sind ebenfalls nichts mehr wert, und da sie zudem noch keine Wiener Meldeadresse hat, landet die patente Elektrikerin und Maschinistin zunächst auf dem „Handwerkerstrich“. Dort verdient sie ihr Geld mit Schwarzarbeit für die bessere Wiener Gesellschaft. Quartier bezieht sie in einer Bohemien-WG; die besteht aus der feministischen Professorin Matilde (Meret Engelhardt) und dem Möchtegern-Schriftsteller Max (Simon Steinhorst).
Bald findet sie in dem charmanten Solaranlagenbauer Anatol (Valentin Postlmayr) einen neuen Arbeitgeber und Liebhaber. Aber so ganz los lässt Wilma die alte Heimat doch nicht. Vor allem die ungeklärte Beziehung zu ihrem Mann trübt das neue Glück.
Deplazierter Agitprop-Schlager
„Wilma will mehr“ ist ein Film über geistige, emotionale und geografische Verortungen. Er lebt von den inszenierten Gegensätzen zwischen Wiener Schmäh und Ossi-Bodenständigkeit. Das ist stellenweise ganz amüsant, doch oft misslingt der Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen Glaubwürdigkeit und Ostklischees.
So irritiert eine Szene, in welcher die Figuren in der WG-Küche inbrünstig den DDR-Agitprop-Schlager „Sag mir, wo du stehst“ schmettern. Oberflächlich mag der Text zu Wilmas Selbstfindungstrip passen, aber im historischen Kontext ging es in dem Lied der FDJ-Gesangstruppe „Oktoberclub“ um ein klares Bekenntnis zur SED-Parteilinie. So wirkt die Nummer hier eher deplatziert.
Tanzen kann sie auch noch!
Regisseurin Maren Kea-Freese ist es augenscheinlich wichtig, ostdeutsche Perspektiven ernst zu nehmen. Trotzdem werden auch in ihrem Film die Menschen des Beitrittsgebiets mitunter als skurriles Völkchen mit seltsamen Gewohnheiten dargestellt: wenn etwa die alte Brigadetruppe eine linkische Tanzeinlage aufführt oder Wilma mit einer Spontanbekanntschaft auf Russisch radebrecht.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Gundermann" – differenziertes Biopic von Andreas Dresen über den Baggerfahrer und populären Liedermacher aus der Lausitz mit Alexander Scheer
und hier eine Besprechung des Films "In den Gängen" – poetische Kleine-Leute-Studie in Ostdeutschland von Thomas Stuber mit Sandra Hüller
und hier einen Beitrag über den Film "Als wir träumten" – mitreißendes Drama von Andreas Dresen über eine Leipziger Jugend-Clique nach dem Roman von Clemens Meyer
sowie hier einen Bericht über den Film "Bei uns heißt sie Hanka" – anschauliche Doku über die Kultur der sorbischen Minderheit in der Lausitz von Grit Lemke.
Schwacher Stolz auf eigene Leistung
Es ist wenig Glattes oder Gefälliges an dieser Wilma, die sich ihren Neuanfang mit einem lachenden und einem weinenden Auge erkämpft. Sie verkörpert damit die trotzige Verteidigungshaltung vieler Ostdeutscher, die das Fähnlein der eigenen Qualitäten mühsam gegen die Zumutungen „des Westens“ hochhalten.
So knallt Wilma irgendwann ihrer in feministischer Theorie beschlagenen Professorin-Mitbewohnerin an den Kopf, dass sie ja schon immer ganz selbstverständlich Beruf und Familie unter einen Hut gebracht hätte. Von dem persönlichen Preis, den sie das gekostet hat, erwähnt sie jedoch nichts.
20 Jahre zu spät
Überhaupt hat man das Gefühl, dass dieser Film rund 20 Jahre zu spät kommt. Auch waren die Österreicher nie die Gegenfolie, an der sich die Ostdeutschen abgearbeitet haben. Die ostdeutsche Realität ist auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer die Abweichung zum westdeutsch definierten Normalzustand.
.
Diesen Button „Leseansicht umschalten“ bitte drücken. Alternative: Zum Aktivieren der
Leseansicht drücken Sie die Taste F9.
. Diesen
Button „Plastischen Reader aktivieren“ bitte drücken. Alternative: Ist dieser Button nicht
vorhanden, geben sie in der Adresszeile vor der URL manuell das Wort „read:“ ein und drücken sie
die Return-Taste. Dann erscheint dort „read://https_kunstundfilm.de...“. Alternative: Zum
Aktivieren der Leseansicht drücken Sie die Taste F9.