Fritzi Haberlandt

Wilma will mehr

Heimatabend in Wiener Wohngemeinschaft: Matilde (Meret Engelhardt, M.), Max (Simon Steinhorst, r.) und Wilma (Fritzi Haberlandt). Foto: © Neue Visionen Filmverleih
(Kinostart: 31.7.) Fähnlein im Wind of Change: Eine Ossi-Musterfrau lässt in den 1990ern die Tristesse in der heimischen Lausitz hinter sich und startet neu in Wien. Regisseurin Maren-Kea Freese reiht Ost-Klischees aneinander – dass sich ihr Film nicht darin erschöpft, verdankt er seiner Hauptdarstellerin.

Die Lausitz gewinnt als Filmregion an Popularität. Nach der Romanverfilmung „Mit der Faust in die Welt schlagen“ im Frühjahr kommt in diesem Jahr nun schon der zweite Film in die Kinos, der dort angesiedelt ist. Industriebrachen, hohe Arbeitslosigkeit, Fremdenfeindlichkeit – solche Bilder lassen sich offenbar leichter auf die Lausitzer Landschaft projizieren als auf die Regionen um die Boomstädte Leipzig oder Jena.

 

Info

 

Wilma will mehr

 

Regie: Maren-Kea Freese

110 Min., Deutschland 2025;

mit: Fritzi Haberlandt, Konstanze Dutzi, Meret Engelhardt, Victor Ferin

 

Weitere Informationen zum Film

 

Jedenfalls zeichnen beide Filme die Lausitz als einen Ort, von dem man nur weg will. Wilma (Fritzi Haberlandt), die Hauptfigur mit dem in der DDR eher unüblichen Vornamen, hat Ende der 1990er Jahren nichts mehr zu verlieren: Der Job ist mal wieder weg, ihr Mann hat eine Affäre, und die sporadischen Treffen mit der alten Brigade erwärmen ihre Seele nur vorübergehend. Kurzum: Die Perspektive sieht düster aus.

 

Neustart in Wien

 

Darum folgt sie dem Ruf eines ehemaligen Kollegen, der mittlerweile einen Baumarkt in Wien leitet, und zieht aus dem Lausitzer Braunkohlerevier in die österreichische Hauptstadt. Aber natürlich gestaltet sich der Neuanfang nicht so glatt wie gedacht. Zwar ist Wilma eine Frau mit vielen Zertifikaten und noch mehr Talenten. Aber ihre Bescheinigungen über die Berufsfortbildungen, die sie in den letzten Jahren erfolgreich absolviert hat, sind alle nicht gut genug.

Offizieller Filmtrailer


 

Schwarzarbeit für die bessere Gesellschaft

 

Ihre Original-Diplome aus der DDR sind ebenfalls nichts mehr wert, und da sie zudem noch keine Wiener Meldeadresse hat, landet die patente Elektrikerin und Maschinistin zunächst auf dem „Handwerkerstrich“. Dort verdient sie ihr Geld mit Schwarzarbeit für die bessere Wiener Gesellschaft. Quartier bezieht sie in einer Bohemien-WG; die besteht aus der feministischen Professorin Matilde (Meret Engelhardt) und dem Möchtegern-Schriftsteller Max (Simon Steinhorst).

 

Bald findet sie in dem charmanten Solaranlagenbauer Anatol (Valentin Postlmayr) einen neuen Arbeitgeber und Liebhaber. Aber so ganz los lässt Wilma die alte Heimat doch nicht. Vor allem die ungeklärte Beziehung zu ihrem Mann trübt das neue Glück.

 

Deplazierter Agitprop-Schlager

 

„Wilma will mehr“ ist ein Film über geistige, emotionale und geografische Verortungen. Er lebt von den inszenierten Gegensätzen zwischen Wiener Schmäh und Ossi-Bodenständigkeit. Das ist stellenweise ganz amüsant, doch oft misslingt der Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen Glaubwürdigkeit und Ostklischees.

 

So irritiert eine Szene, in welcher die Figuren in der WG-Küche inbrünstig den DDR-Agitprop-Schlager „Sag mir, wo du stehst“  schmettern. Oberflächlich mag der Text zu Wilmas Selbstfindungstrip passen, aber im historischen Kontext ging es in dem Lied der FDJ-Gesangstruppe „Oktoberclub“ um ein klares Bekenntnis zur SED-Parteilinie. So wirkt die Nummer hier eher deplatziert.

 

Tanzen kann sie auch noch!

 

Regisseurin Maren Kea-Freese ist es augenscheinlich wichtig, ostdeutsche Perspektiven ernst zu nehmen. Trotzdem werden auch in ihrem Film die Menschen des Beitrittsgebiets mitunter als skurriles Völkchen mit seltsamen Gewohnheiten dargestellt: wenn etwa die alte Brigadetruppe eine linkische Tanzeinlage aufführt oder Wilma mit einer Spontanbekanntschaft auf Russisch radebrecht.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Gundermann" – differenziertes Biopic von Andreas Dresen über den Baggerfahrer und populären Liedermacher aus der Lausitz mit Alexander Scheer

 

und hier eine Besprechung des Films "In den Gängen" – poetische Kleine-Leute-Studie in Ostdeutschland von Thomas Stuber mit Sandra Hüller

 

und hier einen Beitrag über den Film  "Als wir träumten" – mitreißendes Drama von Andreas Dresen über eine Leipziger Jugend-Clique nach dem Roman von Clemens Meyer

 

sowie hier einen Bericht über den Film "Bei uns heißt sie Hanka" – anschauliche Doku über die Kultur der sorbischen Minderheit in der Lausitz von Grit Lemke.

 

Es ist in erster Linie Hauptdarstellerin Fritzi Haberlandt, die den Film vor sich selbst rettet. Sie haucht dieser Ossi-Musterfrau – praktisch, lebenserfahren und tanzen kann sie auch noch – mit der ihr eigenen Kantigkeit Leben ein. In den besten Momenten spürt man die Verlorenheit ihrer Figur, ihre Traurigkeit und Orientierungslosigkeit. Ihr Ausweg ist eine beständige Flucht nach vorn.

 

Schwacher Stolz auf eigene Leistung

 

Es ist wenig Glattes oder Gefälliges an dieser Wilma, die sich ihren Neuanfang mit einem lachenden und einem weinenden Auge erkämpft. Sie verkörpert damit die trotzige Verteidigungshaltung vieler Ostdeutscher, die das Fähnlein der eigenen Qualitäten mühsam gegen die Zumutungen „des Westens“ hochhalten.

 

So knallt Wilma irgendwann ihrer in feministischer Theorie beschlagenen Professorin-Mitbewohnerin an den Kopf, dass sie ja schon immer ganz selbstverständlich Beruf und Familie unter einen Hut gebracht hätte. Von dem persönlichen Preis, den sie das gekostet hat, erwähnt sie jedoch nichts.

 

20 Jahre zu spät

 

Überhaupt hat man das Gefühl, dass dieser Film rund 20 Jahre zu spät kommt. Auch waren die Österreicher nie die Gegenfolie, an der sich die Ostdeutschen abgearbeitet haben. Die ostdeutsche Realität ist auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer die Abweichung zum westdeutsch definierten Normalzustand.