
Gold und Lateinamerika haben ein wahrhaft zwiespältiges Verhältnis; seit seiner Entdeckung galt der Kontinent den Spaniern in erster Linie als sagenhaftes Goldland, als „El Dorado“. Die Ausbeutung von Bodenschätzen ab dem 16. Jahrhundert geht im Grunde bis heute weiter – nur sind es jetzt vor allem nationale und internationale Konzerne, welche die Erze schürfen. Sie finden in der Atacama-Wüste im Norden Chiles in erster Linie Kupfer, Lithium, Silber und eben Gold. Der Abbau macht Chile zu einem der reichsten Länder Lateinamerikas.
Info
Bitter Gold
Regie: Juan Olea,
83 Min., Chile/ Mexico/ Uruguay/ Deutschland 2024;
mit: Katalina Sánchez, Francisco Melo, Michael Silva, Daniel Antivilo
Weitere Informationen zum Film
Dem Gold folgt der Teufel
Das ist der unausgesprochene Hintergrund des archaisch anmutenden und symbolisch aufgeladenen Neowesterns „Bitter Gold“ von Regisseur Juan Francisco Olea. „Dem Gold folgt stets der Teufel“, sagt eine seiner Figuren, und in der Tat: Vom Leibhaftigen scheinen einige der verhärmten Gestalten besessen zu sein, die diesen Film bevölkern.
Offizieller Filmtrailer
Illegal in verlassener Mine schürfen
Auch der ältere Pacifico (Francisco Melo) – sein friedlicher Name steht im Gegensatz zu seiner durchsetzungsstarken Natur – hofft, reichlich Gold zu finden, um sich und seiner halbwüchsigen Tochter Carola ein besseres Leben zu ermöglichen. Irgendwohin an der Küste wollen sie ziehen, weit weg vom Dreck und Staub der Atacama-Wüste. Dann soll die junge Frau auch wieder auf die Schule gehen.
Doch statt als Fahrschein in eine glücklichere Zukunft erweist sich eine verlassene Mine mitten in der Wüste als Abstieg in die Hölle von Gier und Gewalt. Hier sucht Pacifico mit ein paar Tagelöhnern nach einer ergiebigen Kupferader, insgeheim hofft er jedoch auf einen Goldfund – ohne offizielle Konzession und jegliche Schutzmaßnahmen. Die illegalen Kumpel vertrauen nur auf Instinkt, Erfahrung und den Beistand höherer Mächte.
Tochter muss Verletzten ersetzen
Dabei belauern die Männer, die alle aus der Gegend stammen, sich gegenseitig; ihr Misstrauen wird nur durch Pacificos Autorität und Fachwissen in Schach gehalten. Dann kommt versehentlich ein Mann im Dunkel der Mine ums Leben; dabei wird Pacifico schwer verletzt und fällt als Gruben-Chef aus.
Seine Tochter muss nun seinen Platz einnehmen. Sie versucht, den Anschein zu wahren, als sei nichts Arges passiert, um sich gegen die Machos zu behaupten. Doch kann eine Frau dem Berg seine Schätze abringen? Die Männer sind skeptisch. Anfangs schützt der mächtige Schatten des Vaters das Mädchen. Doch je länger er abwesend und seine Rückkehr fraglich bleibt, desto respektloser und anzüglicher werden die Tagelöhner.
Die rauen Regeln der Wüste
Sie warten nur auf ein Zeichen von Schwäche; im besten Fall darf sie für die Männer weiter kochen. Carola weiß: Es wird sie kein Netz auffangen, das sie nicht selbst knüpft. Also hilft ihr nur eine verzweifelte Flucht nach vorn; dabei darf sie nicht zimperlich sein, was Newcomerin Katalina Sánchez mit Bravour spielt.
Auch wenn sie sich hinter oberflächlich freundlichen Worten versteckt, werden die Beziehung zwischen allen Figuren von latenter Gewaltbereitschaft dominiert. Carola ist da keine Ausnahme; welche rauen Regeln in der Wüste gelten, hat sie schnell kapiert. Zunehmend verzweifelt versucht sie, die rücksichtslose Männer-Meute auszutricksen. Nicht als Wonder Woman, sondern als unsicherer Teenager, der sich nur auf seinen wachen Verstand verlassen kann.
Wüste, Himmel + Mine als Augenschmaus
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Colonos" – fesselnder Spätwestern über Massaker an Indigenen in Feuerland um 1900 von Felipe Gálvez
und hier eine Besprechung des Films "Der Perlmuttknopf" – exzellenter Essay-Film über die Verfolgung von Oppositionellen + Indigenen in Patagonien von Patricio Guzmán, mit Silbernem Bären 2015 prämiert
und hier einen Beitrag über den Film "Gold" - Spätwestern über deutsche Goldschürfer in Kanada von Thomas Arslan
und hier einen Bericht über den Film „¡No!“ – packendes Polit-Drama über das Ende der Pinochet-Diktatur in Chile von Pablo Larraín mit Kameramann Sergio Armstrong.
Im Gegensatz dazu sind die großartigen Aufnahmen, die Kameramann Sergio Armstrong der kargen Wüstenlandschaft abgerungen hat, ein Augenschmaus. Das Farbenspiel der Felsen und Dünen in allen Farbtönen zwischen Beige, Ocker und Rostrot; der mit unzähligen Sternen übersäte Nachthimmel und der stockdunkle Schacht, den nur Helm- oder Taschenlampen schlaglichtartig erhellen – diese drei Sphären, die den Film dominieren, könnten kontrastreicher kaum sein.
Wie John Ford oder Sergio Leone
Als Kulissen für eine schnörkellose, absolut ökonomische Dramaturgie: Jede Einstellung fügt sich passgenau an die vorige; die wortkargen Männer reden keine überflüssige Silbe, und die Auflösung geschieht so überraschend wie folgerichtig. Regisseur Olea hat seine Vorbilder wie die klassischen Western von John Ford oder Sergio Leone genau studiert und seine Konstellation daran angelehnt – aber er gibt ihr einen originellen, zeitgenössischen Dreh. Besser geht’s nicht.
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