Ibrahim Nash'at

Hollywoodgate – Ein Jahr unter den Taliban

Eine Gruppe der Taliban nach dem Abzug der Vereinigten Staaten aus Afghanistan im Jahr 2021. Foto: Cine Global
(Kinostart: 14.8.) Einblicke in eine Männerwelt des Todes: Der ägyptische Filmemacher Ibrahim Nash'at durfte in Afghanistan nach dem Abzug der ausländischen Truppen filmen. Zwar streng überwacht, doch er trickst die Taliban im Schnitt aus – um zu erzählen, was er nicht sagen soll.

Nach fast 20-jähriger Präsenz verließen im August 2021 die letzten US-Truppen Afghanistan. Die Bilder verzweifelter Einheimischer, die sich an die Tragflächen startender Transportmaschinen klammerten, weckten Erinnerungen an das Trauma der US-Niederlage in Vietnam. Binnen kürzester Zeit übernahmen die Taliban die Kontrolle im ganzen Land – ein Alptraum für alle, die für die westlichen Besatzer gearbeitet hatten, und für alle Frauen, die ihre hart erkämpften Rechte wieder einbüßten.

 

Info

 

Hollywoodgate –
Ein Jahr unter den Taliban

 

Regie: Ibrahim Nash'at,

91 Min., Afghanistan/ USA 2023;

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der ägyptische Filmemacher Ibrahim Nash’at wollte mehr über die neuen Machthaber wissen und die Transformation der Taliban „von einer aufständischen Miliz zu einem Militärregime“ dokumentieren. Dafür handelte er mit dem Regime, das offenbar auch eine PR-Abteilung unterhält, eine Vereinbarung aus. Wichtigste Bedingung: Er durfte nur Taliban filmen. Dafür konnte er über ein Jahr lang einen hochrangigen Offizier und einen Fußsoldaten mit der Kamera begleiten.

 

Panzer, Opfer + Mohnfelder

 

Der Film beginnt mit dieser einleitenden Erklärung, unterlegt von unscharfen Bildern: Wir sehen Taliban-Kampfgruppen auf Panzern und beim Drangsalieren ihrer bedauernswerten, zumeist weiblichen Opfer. Ein Mohnfeld steht emblematisch für das wichtigste Exportprodukt. Dem folgen wackelige Aufnahmen von Nash’ats Ankunft in Kabul im Sommer 2021. Damit beginnt der dokumentarische Teil, der ohne Kommentare auskommt.

Offizieller Filmtrailer


 

US-Militärgerät im Milliarden-Wert

 

Alle ihm auferlegten Restriktionen einhaltend und nur von einem afghanischen Übersetzer begleitet, schaut Filmemacher Nash’at zunächst einem Luftwaffengeneral über die Schulter. Der ist vor allem damit beschäftigt, zurückgelassene Waffensysteme auf ihren Gebrauchswert zu prüfen. Zwar hat die US-Armee versucht, so viel wie möglich zu zerstören. Dennoch fielen den Taliban Ausrüstung im Wert von Milliarden von US-Dollar in die Hände, von Nachsichtgeräten bis zu „Black Hawk“-Kampfhubschraubern.

 

Nash’at ist dabei, als der General eine Basis der CIA inspiziert: Er findet Medikamente und ein funktionstüchtiges Fitnessstudio, aber auch jede Menge Kriegstechnik vor. Dabei erweist sich „Hollywoodgate“ schlicht als Name eines Zugangs zu diesem Gebäude-Komplex. Schon bald stolzieren die Kämpfer, die anfangs noch in frisch gewaschenen, traditionellen Gewändern vor die Kamera traten, in amerikanischer High-Tech-Ausrüstung herum. Es wirkt wie ein bizarres Kostümspiel, ein letzter Witz auf Kosten der Feinde.

 

Als nächstes Tadschikistan überfallen

 

Doch das Lachen bleibt dem Zuschauer im Hals stecken, wenn die Männer von sich erzählen oder meinen, unter sich zu sein. So denkt der General, ein ehemaliger Koranschüler, laut darüber nach, dass es derart gut bewaffnet wohl nun an der Zeit sei, den Nachbarstaat Tadschikistan zu überfallen. Beim Versuch, zurückgelassenes Fluggerät starten zu lassen, erweist er sich als ziemlich kompetent. Wie seine Piloten: Sie haben ihr Handwerk von den Amerikanern gelernt, als sie noch in der regulären afghanischen Armee dienten. Nun werden sie von den Taliban rekrutiert.

 

Glaubt man den Untertiteln, bekam Regisseur Nach’at sehr schnell mit, dass die Männer ihn ohne zu zögern verschwinden lassen würden, wenn sie mitbekämen, dass er sie in schlechtem Licht erscheinen lässt. Auch wollen sie nicht, dass er filmt, wie viele Gewehre ihnen gerade in die Hände gefallen sind.

 

Generals-Frau darf nicht arbeiten

 

Dafür erzählen sie ihm gern vom Krieg gegen die US-Armee, die sie auch einfach „die Juden“ nennen. Auch der General erzählt gut gelaunt, wie er seiner Frau verboten hat, ihren Beruf als Ärztin auszuüben. Ein knappes Jahr später steht er vor einem Schrank abgelaufener Medikamente und ärgert sich, dass vor Jahresfrist niemand seinen Befehl ausführte, die Bestände dahin zu schicken, wo sie gebraucht werden. „Der Arzt ist faul“, sagt jemand zur Erklärung – und man fragt sich unwillkürlich, ob die Frau des Generals die Aufgabe möglicherweise besser gelöst hätte.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Tevî her tiştî – Trotz alledem" – anschauliche Doku über Frauen-Selbstbestimmung im kurdischen Teil Syriens von Robert Krieg

 

und hier eine Besprechung des Films "Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats" – aufschlussreiche Doku über eine Dschihadisten-Familie in Syrien von Talal Derki

 

und hier einen Beitrag über den Film "Stein der Geduld" – präzises Psychogramm einer afghanischen Ehefrau von Atiq Rahimi mit Golshifteh Farahani

 

und hier einen Bericht über den Dokumentarfilm "Generation Kunduz – Der Krieg der Anderen" über Jugend in Afghanistan von Martin Gerster.

 

Das ist eine der eher bitter-ironischen Folgerungen, die sich aus dem Schnitt der im Grunde oft banalen Szenen ergeben. Nash’at muss mit dem arbeiten, was er zeigen darf, um zu erzählen, was er nicht sagen soll. Interessant ist also, was er trotzdem filmen konnte: Kleinigkeiten am Rande, wie händchenhaltende Taliban oder das entlarvende Lachen von mitunter sogar sympathisch wirkenden Kämpfern, wenn sie vom Töten reden. Der Film wird somit zu einem PR-Stunt des neuen Regimes, der nach hinten losgeht: als beredte Bestandsaufnahme der jetzigen Zustände mit ihrem quasi-religiösen Märtyrer-Kult.

 

Ehre, Rache, Krieg + Patriarchat

 

„Hollywoodgate“ verhält sich damit auf beklemmende Weise spiegelbildlich zum Dokumentarfilm “Tevî her tiştî – Trotz alledem“, der vor zwei Monaten ins Kino kam. Darin beobachtet Filmemacher Robert Krieg ebenso nüchtern und kommentarlos, wie werktätige Frauen in den „Rojava“ genannten syrischen Kurdengebieten leben. Auch Nash’at dokumentiert den Alltag einer neuen Gesellschaft, aber die entpuppt sich als eine alte Gesellschaft in neuen Uniformen.

 

Und während in „Trotz alledem“ nur Frauen zu sehen waren, zeigt „Hollywoodgate“ eine reine Männerwelt, regiert von archaischen Idealen: Ehre, Rache, Krieg und Patriarchat. Als Nash’at – der sicher nicht wieder nach Afghanistan eingeladen wird – verbotenerweise eine Gruppe Kinder filmt, erscheint zum ersten und letzten Mal so etwas wie Leben auf der Leinwand. Ansonsten dominiert der Tod selbst die alltäglichsten Szenen.