
Ein Ort im Lauf von 100 Jahren. Ein Vierseithof ist eine in sich geschlossene Welt; seine Gemäuer schirmen gegen Unbill und Schrecken von draußen ab. Innerhalb verändert sich mit dem Fluss der Zeit alles: die Bewohner und ihre Beziehungen, ihre Kleider und Speisen, ihre Aufgaben und Vergnügungen. Doch insgeheim bleibt vieles gleich, weil es von einer Generation an die nächste weitergegeben wird: Träume und Ängste, Freuden und Verluste. Das ist das Thema und die These des Films von Mascha Schilinski.
Info
In die Sonne schauen
Regie: Mascha Schilinski,
149 Min., Deutschland 2025;
mit: Hanna Heckt, Lena Urzendowsky, Lea Drinda, Zoë Baier
Weitere Informationen zum Film
Neue Ansichten einer engen Welt
Wie Regisseurin Schilinski und ihr Kameramann Fabian Gamper das inszenieren, ist ganz famos. Wie sie für diese enge Welt aus guten Stuben und dunklen Gängen, Scheunen, Hof und flachem Ackerland – gedreht wurde in der Altmark – ständig neue und überraschende Ansichten finden, lässt unentwegt staunen.
Offizieller Filmtrailer
Im Sog des synästhetischen Bilderrausches
Da wechseln Halbtotalen mit Schlüsselloch-Einstellungen; da sorgen extreme Nahaufnahmen, Farbfilter, exzentrische Lichtquellen und handgemachte Effekte für einen irrlichternden Look, der menschlichem Sehverhalten möglichst nahe kommt. Bis hin zu trüben Schlieren unter Wasser, wenn die Kamera in den nahen Kanal eintaucht, in dem ausgiebig gebadet und geplanscht wird: Alle vier Epochen spielen im Sommer. Zugleich führt die Tonspur ein Eigenleben. Neben Song-Fragmenten hört man Knistern, Knacken, Rascheln, Ambient-Sounds und unzählige weitere Klänge.
Dieser faszinierend einfallsreiche, synästhetische Bilderrausch entfaltet einen unwiderstehlichen Sog – und verschleiert zugleich, dass all das, was man da sieht und hört, inhaltlich weniger berauschend ist. Weil alle Episoden im assoziativen Mosaik-Modus mehr oder weniger subtil Schrecknisse schildern, die folgenlos bleiben und somit keinen Sinnzusammenhang ergeben – außer dem, dass es eben geschehen ist.
Heimsuchung vergangener Gewalt
In der Kaiserzeit lässt sich die kleine Alma (Hanna Heckt) einreden, dass in sie der Geist ihrer verstorbenen Schwester eingefahren ist. In der NS-Zeit entwickelt Erika (Lea Drinda) eine Obsession für ihren Onkel Fritz, dem ein Unterschenkel fehlt – ihm wurden einst von seinen Eltern die Knochen gebrochen, damit er nicht in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Zur DDR-Zeit provoziert die lebenshungrige Angelika (Lena Urzendowsky) ihr engstirniges Umfeld so lange, bis ihr nur noch die Flucht bleibt. Nelly (Zoë Baier) wächst wohlbehütet als Tochter von Berliner Akademiker-Eltern auf, die den nun verlassenen Hof renovieren wollen – wird aber in ihren Träumen von der Gewalt der Vergangenheit heimgesucht.
Die tritt meist in bedeutungsschwangeren Blicken und geflüsterten Andeutungen auf. Über die gutmütige Magd Trudi erfährt man, dass sie zwangssterilisiert wurde, damit sie nicht durch Schwangerschaft als Arbeitskraft ausfällt – und seither die Männer über sich drübersteigen lassen muss. Ein Mädchen, dem ein ähnliches Schicksal droht, wirft sich unter ein Fuhrwerk. Und bei Kriegsende gehen Frauen ins Wasser, um nicht den Rotarmisten in die Hände zu fallen. So heißt es; gezeigt wird es nicht.
Was uns aus der Zukunft anblickt
Sein betreten wegsehendes Verhältnis zur Dramatik macht der Film in einer Szene besonders deutlich. Lange buhlt Angelika bei ihrem Onkel Uwe darum, er möge sie in die nächste Stadt fahren. Der verlangt erotische Gefälligkeiten von ihr; umsonst. Später schmust sie mit ihrem Cousin Rainer. Als er mehr will, was sie verweigert, knallt er ihr an den Kopf: Jeder wisse doch, dass sie für ihren Onkel die Beine breit mache. Schnitt und Schauplatz-Wechsel.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" – sinnliches Amour-fou-Drama in der thüringischen Provinz kurz nach dem Mauerfall von Emily Atef
und hier eine Besprechung des Films "Adam und Evelyn" – Romanverfilmung über den Wendesommer 1989 als Vertreibung aus dem Nischenparadies von Andreas Goldstein
und hier ein Bericht über den Film "Little Women" – unterhaltsames US-Historiendrama über Lebensentwürfe von vier Frauen von Greta Gerwig
und hier einen Beitrag über den Film "Jahrhundertfrauen (20th Century Women)" – liebevolles Patchwork-Familienporträt von Mike Mills.
Typisch deutsche Kunst für Frankreich
Ebenso wenig verwundern die Vorschusslorbeeren, die der Film erhält. Kino als theoriegestützte Großerzählung ist passé; der Zeitgeist verlangt nach endlos gestaffelten Serien und soap operas, bei denen das Publikum auf zerstreute Schnitzeljagd gehen kann: Wer und was ist wie und womit verknüpft? Dem erschließt Schilinskis Bilderreigen eine lange vernachlässigte Sphäre; die dörfliche und agrarische Lebenswelt.
Zudem bedient sie eine spezifisch französische Vorstellung von typisch deutscher Kunst, die spätromantisch vieldeutig, erdverbunden emotional und dunkel raunend sei. Deshalb werden Dichter wie Peter Handke und Filmemacher wie Hans-Jürgen Syberberg jenseits des Rheins weitaus mehr geschätzt als hierzulande. Dazu passt, dass „In die Sonne schauen“ beim Festival in Cannes den „Preis der Jury“ erhielt – als erster deutscher Film seit „Sterne“ von Konrad Wolf 1959.
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