Mascha Schilinski

In die Sonne schauen

Auf der Suche nach der eigenen Stimme: Angelika (Lena Urzendowsky) beim Spiegeltanz. Foto: © Fabian Gamper / Studio Zentral
(Kinostart: 28.8.) Vier gewinnt: ein Vierseithof, vier Epochen und vier weibliche Hauptfiguren. Daraus macht Regisseurin Mascha Schilinski ein Familienepos im Mosaik-Modus – faszinierend einfallsreich gefilmt und mit Klängen unterlegt, aber ohne Sinnzusammenhang außer magischer Trauma-Weitergabe.

Ein Ort im Lauf von 100 Jahren. Ein Vierseithof ist eine in sich geschlossene Welt; seine Gemäuer schirmen gegen Unbill und Schrecken von draußen ab. Innerhalb verändert sich mit dem Fluss der Zeit alles: die Bewohner und ihre Beziehungen, ihre Kleider und Speisen, ihre Aufgaben und Vergnügungen. Doch insgeheim bleibt vieles gleich, weil es von einer Generation an die nächste weitergegeben wird: Träume und Ängste, Freuden und Verluste. Das ist das Thema und die These des Films von Mascha Schilinski.

 

Info

 

In die Sonne schauen

 

Regie: Mascha Schilinski,

149 Min., Deutschland 2025;

mit: Hanna Heckt, Lena Urzendowsky, Lea Drinda, Zoë Baier

 

Weitere Informationen zum Film

 

Die Regisseurin schneidet aus dem vergangenen Jahrhundert vier Epochen heraus: die 1910er, die 1940er, die 1980er Jahre und die Gegenwart. Jede dieser Tranchen hat eine weibliche Protagonistin, aus deren Perspektive das Publikum ihre Umwelt wahrnimmt. Daneben gibt es noch zahlreiche weitere Figuren, die mitmischen, so dass der Zuschauer bald den Überblick verliert – bäuerliche Großfamilien zählen eben viele Köpfe. Zumal der Film umstandslos zwischen den Zeitebenen hin und her springt, als sei nichts leichter als das.

 

Neue Ansichten einer engen Welt

 

Wie Regisseurin Schilinski und ihr Kameramann Fabian Gamper das inszenieren, ist ganz famos. Wie sie für diese enge Welt aus guten Stuben und dunklen Gängen, Scheunen, Hof und flachem Ackerland – gedreht wurde in der Altmark – ständig neue und überraschende Ansichten finden, lässt unentwegt staunen.

Offizieller Filmtrailer


 

Im Sog des synästhetischen Bilderrausches

 

Da wechseln Halbtotalen mit Schlüsselloch-Einstellungen; da sorgen extreme Nahaufnahmen, Farbfilter, exzentrische Lichtquellen und handgemachte Effekte für einen irrlichternden Look, der menschlichem Sehverhalten möglichst nahe kommt. Bis hin zu trüben Schlieren unter Wasser, wenn die Kamera in den nahen Kanal eintaucht, in dem ausgiebig gebadet und geplanscht wird: Alle vier Epochen spielen im Sommer. Zugleich führt die Tonspur ein Eigenleben. Neben Song-Fragmenten hört man Knistern, Knacken, Rascheln, Ambient-Sounds und unzählige weitere Klänge.

 

Dieser faszinierend einfallsreiche, synästhetische Bilderrausch entfaltet einen unwiderstehlichen Sog – und verschleiert zugleich, dass all das, was man da sieht und hört, inhaltlich weniger berauschend ist. Weil alle Episoden im assoziativen Mosaik-Modus mehr oder weniger subtil Schrecknisse schildern, die folgenlos bleiben und somit keinen Sinnzusammenhang ergeben – außer dem, dass es eben geschehen ist.

 

Heimsuchung vergangener Gewalt

 

In der Kaiserzeit lässt sich die kleine Alma (Hanna Heckt) einreden, dass in sie der Geist ihrer verstorbenen Schwester eingefahren ist. In der NS-Zeit entwickelt Erika (Lea Drinda) eine Obsession für ihren Onkel Fritz, dem ein Unterschenkel fehlt – ihm wurden einst von seinen Eltern die Knochen gebrochen, damit er nicht in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Zur DDR-Zeit provoziert die lebenshungrige Angelika (Lena Urzendowsky) ihr engstirniges Umfeld so lange, bis ihr nur noch die Flucht bleibt. Nelly (Zoë Baier) wächst wohlbehütet als Tochter von Berliner Akademiker-Eltern auf, die den nun verlassenen Hof renovieren wollen – wird aber in ihren Träumen von der Gewalt der Vergangenheit heimgesucht.

 

Die tritt meist in bedeutungsschwangeren Blicken und geflüsterten Andeutungen auf. Über die gutmütige Magd Trudi erfährt man, dass sie zwangssterilisiert wurde, damit sie nicht durch Schwangerschaft als Arbeitskraft ausfällt – und seither die Männer über sich drübersteigen lassen muss. Ein Mädchen, dem ein ähnliches Schicksal droht, wirft sich unter ein Fuhrwerk. Und bei Kriegsende gehen Frauen ins Wasser, um nicht den Rotarmisten in die Hände zu fallen. So heißt es; gezeigt wird es nicht.

 

Was uns aus der Zukunft anblickt

 

Sein betreten wegsehendes Verhältnis zur Dramatik macht der Film in einer Szene besonders deutlich. Lange buhlt Angelika bei ihrem Onkel Uwe darum, er möge sie in die nächste Stadt fahren. Der verlangt erotische Gefälligkeiten von ihr; umsonst. Später schmust sie mit ihrem Cousin Rainer. Als er mehr will, was sie verweigert, knallt er ihr an den Kopf: Jeder wisse doch, dass sie für ihren Onkel die Beine breit mache. Schnitt und Schauplatz-Wechsel.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" – sinnliches Amour-fou-Drama in der thüringischen Provinz kurz nach dem Mauerfall von Emily Atef

 

und hier eine Besprechung des Films "Adam und Evelyn" – Romanverfilmung über den Wendesommer 1989 als Vertreibung aus dem Nischenparadies von Andreas Goldstein

 

und hier ein Bericht über den Film "Little Women" – unterhaltsames US-Historiendrama über Lebensentwürfe von vier Frauen von Greta Gerwig

 

und hier einen Beitrag über den Film "Jahrhundertfrauen (20th Century Women)" – liebevolles Patchwork-Familienporträt von Mike Mills.

 

Man könnte das für lakonische Empathie halten, würde nicht Regisseurin Schilinski in vielen Wortmeldungen beteuern, dass an ein geradezu magisches Kontinuum von Erfahrungen, Verletzungen und Traumata glaubt: „Es geht darum, was in uns durch die Zeiten hindurch lebt, uns bestimmt und uns vielleicht sogar aus der Zeit heraus, aus der Zukunft anblickt.“ Kein Wunder, dass sie als wichtige Inspirationsquelle die US-Fotografin Francesca Woodman (1958-1981) nennt; die nahm mit Langzeit- und Doppelbelichtungen quasi geisterhafte Erscheinungen auf.

 

Typisch deutsche Kunst für Frankreich

 

Ebenso wenig verwundern die Vorschusslorbeeren, die der Film erhält. Kino als theoriegestützte Großerzählung ist passé; der Zeitgeist verlangt nach endlos gestaffelten Serien und soap operas, bei denen das Publikum auf zerstreute Schnitzeljagd gehen kann: Wer und was ist wie und womit verknüpft? Dem erschließt Schilinskis Bilderreigen eine lange vernachlässigte Sphäre; die dörfliche und agrarische Lebenswelt.

 

Zudem bedient sie eine spezifisch französische Vorstellung von typisch deutscher Kunst, die spätromantisch vieldeutig, erdverbunden emotional und dunkel raunend sei. Deshalb werden Dichter wie Peter Handke und Filmemacher wie Hans-Jürgen Syberberg jenseits des Rheins weitaus mehr geschätzt als hierzulande. Dazu passt, dass „In die Sonne schauen“ beim Festival in Cannes den „Preis der Jury“ erhielt – als erster deutscher Film seit „Sterne“ von Konrad Wolf 1959.