Billy Shebar

Monk in Pieces

Meredith Monk arbeitet nicht nur mit ihrer Stimme, sondern zeigt vollen Körpereinsatz. Foto: © Real Fiction Filmverleih
(Kinostart: 21.8.) Stille Superheldin: Im Schatten prominenter Zeitgenossen aus der New Yorker Avantgarde-Szene hat die Vokalakrobatin Meredith Monk ein erstaunliches interdisziplinäres Gesamtwerk geschaffen. Ihre Würdigung im Doku-Porträt von Regisseur Billy Shebar ist längst fällig und hoch verdient.

Unter Kollegen und Kolleginnen gilt die 82-jährige Meredith Monk schon lange als einflussreiche Avantgarde-Ikone. In „Monk in Pieces“, Billy Shebars Porträt der vielseitigen Künstlerin, gibt sich die isländische Sängerin Björk als Fan zu erkennen; ebenso wie der Pop-Artist David Byrne, der Monk für eine Szene in seinem (einzigen) Film „True Stories“ (1986) als Choreographin und Vokalistin buchte. Und sogar in der Kult-Komödie „The Big Lebowski“ (1998) der Coen-Brüder sind Monksche Klangwelten zu hören.

 

Info

 

Monk in Pieces

 

Regie: Billy Shebar,

94 Min., USA/ Deutschland/ Frankreich 2025;

mit: Meredith Monk, David Byrne, Björk

 

Weitere Informationen zum Film

 

Außerhalb dieser Kreise ist die Vokalkünstlerin bis heute relativ unbekannt – verglichen mit manch männlichem Wegbegleiter aus der New Yorker Avantgarde-Szene, etwa den Minimal-Music-Pionieren Steve Reich und Philip Glass. Letzterer empfindet das als grobe Schieflage. Im Film-Interview sagt er über Monk, sie „war – und ist immer noch – unter uns allen die einzigartig Begabte.“

 

Schon immer interdisziplinär

 

In fast sechs Jahrzehnten hat die 1942 geborene Künstlerin ein schwer kategorisierbares Œuvre geschaffen, das der Film mit reichlich Archivmaterial kaleidoskopartig präsentiert. Sie arbeitet dabei nicht nur als Performerin, sondern als Komponistin, Choreografin, Theaterkünstlerin und Filmemacherin. Interdisziplinär agierte Monk schon, bevor dieser Begriff etabliert war.

Offizieller Filmtrailer


 

Vokalakrobatik über drei Oktaven

 

Am Beginn steht jedoch zumeist ihre Stimme. Monk arbeitet mit sogenannten „extended vocal techniques“, unkonventionellen Methoden des Vokalisierens abseits traditioneller Gesangstechniken. Ihre elastische Stimme setzt sie dabei wie ein Instrument ein. Oder eher wie eine Vielzahl von Instrumenten: gurgelnd, zwitschernd, trillernd, jodelnd. So kommuniziert sie Gefühle, ohne dafür auf Sprache zurückzugreifen.

 

Ihre Lautmalereien scheinen außerhalb konkreter kultureller Kontexte zu stehen; ihnen haftet etwas Archaisches, Vorzivilisatorisches an. In einem Interview von 2016 erklärt Monk, sie wolle mit ihrer mehr drei Oktaven umfassenden Vokalakrobatik „altertümlich und futurisch“ zugleich klingen.

 

Akademiker und Kritiker ringen um Worte

 

Für Shebar ist der Film die erste Regiearbeit über eine Musikerin. Wobei er durch eine private Freundschaft Monk gut kennt: Shebars Frau ist seit mehr als dreißig Jahren Tänzerin in Monks Ensemble. Trotzdem gerät der Film nicht hagiographisch. Shebar und seinem Co-Regisseur David Roberts ist ein eher zurückgenommenes, oft kurzweiliges Porträt der solitären Künstlerin gelungen.

 

Wohl wissend, dass ausufernde Interviews in solchen Filmporträts für Ermüdung beim Zuschauer sorgen, wenden sie Monks Ästhetik auf ihr eigenes Material an: In einer Sequenz lassen sie einige Akademiker und Kritiker um die richtigen Worten für Monks Schaffen ringen, und zwar zeitgleich. In Video-Call-Kacheln über den Bildschirm verteilt, produzieren die talking heads eine unterhaltsame, wenn auch weitgehend sinnfreie Kakophonie.

 

Konsistentes Selbstverständnis

 

Das ist offensichtlich von Monks eigenen Ensemblestücken inspiriert, in denen sich die Stimmen oft schnatternd überlagern. In der Montage wirkt es wie eine Replik auf den Zusammenschnitt verschiedener Interviews, die im Zeitraum von mehreren Dekaden entstanden sind. Darin umreißt Monk ihr künstlerisches Selbstverständnis klar und verblüffend konsistent.

 

Überhaupt tritt die Künstlerin als eloquente und reflektierte Gesprächspartnerin auf – insbesondere, wenn sie Einblicke ins Private gewährt. Als sie über den plötzlichen Tod ihrer Lebenspartnerin, der Choreographin Mieke van Hoek, im Jahr 2002 spricht, erläutert sie, wie absurd das in solchen Situationen gerne bemühte Konzept des „finding closure“ in ihrem Augen sei; also die Absicht, emotional mit etwas abzuschließen. Schließlich habe Miekes Tod ihr Leben nachhaltig verändert.

 

Variation einer großen Idee

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Tony Conrad – Completely in the Present" – Doku-Porträt des US-Avantgarde-Komponisten + Miterfinders der Drone-Music von Tyler Hubby

 

und hier eine Besprechung des Films "Köln 75" – frech-flinke Tragikomödie über das legendäre Kölner Konzert des Jazz-Pianisten Keith Jarrett von Ido Fluk mit Mala Emde

 

und hier einen Bericht über den Film "Maestro" – feinfühliges Psychogramm der Ehe des Star-Dirigenten + -Komponisten Leonard Bernstein von und mit Bradley Cooper

 

und hier einen Beitrag über den Film "Opus – Ryūichi Sakamoto" – Doku-Mitschnitt des letzten Auftritts des japanischen Multiinstrumentalisten + Filmmusik-Komponisten von Neo Sora

 

und hier einen Bericht über den Film "Cunningham" – anschauliche Doku über den US-Choreografen Merce Cunningham von Alla Kovgan.

 

Und überhaupt: Wieso etwas hinter sich lassen? Lieber integriert Monk immer neue Erfahrungen in ihren kreativen Kosmos. Frei von eitlem Sendungsbewusstsein stellt sie an einer Stelle lakonisch fest, dass die meisten Kunstschaffenden sowieso nur eine Idee haben, die sie immer neu variieren – sie selbst eingeschlossen. Nur ist es in ihrem Fall eine recht große Idee. Schließlich arbeitet sie an der Auflösung elementarer Grenzen: zwischen Körper und Geist, zwischen Gefühlen und deren Artikulation.

 

Als Kind litt Monk an Strabismus. Diese extreme Form des Schielens ging einher mit einer Spaltung ihrer visuellen Wahrnehmung und motorischen Störungen. Ihre Mutter schickte sie zur sogenannten Dalcroze-Eurythmie, einer vom Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroz konzipierten Rhythmischen Erziehung. Ein Nebeneffekt der Therapie war, dass Monk neue Verbindungen zwischen Körperwahrnehmungen und ihrem stimmlichen Ausdruck entdeckte – was ihr Schaffen nachhaltig prägen sollte.

 

Missverstanden + beharrlich

 

Die Doku liefert keinen chronologischen Abriss ihres Lebens, sondern setzt Schlaglichter, indem er einige ihrer Projekte näher vorstellt und sie in Beziehung zu Ereignissen setzt, die ihren Weg dorthin prägten. So wurde Monks Durchhaltevermögen dadurch befeuert, dass ihre Mutter lange an Depressionen litt; sie rutschte in eine Dauerkrise ab, nachdem ihre Karriere als Sängerin von Werbe-Jingles versandet war.

 

Anders als ihre Mutter wollte sich Meredith Monk vom Zuspruch der Öffentlichkeit offenbar nie abhängig machen. Obwohl ihre Kunst oft ignoriert oder missverstanden wurde, arbeitete sie unablässig an ihrem kreativen Kosmos und schuf mit großer Beharrlichkeit ein bemerkenswertes Gesamtwerk. Wie gut, dass diese unerschrockene Künstlerin ein filmisches Denkmal bekommt, das ihrer würdig ist.