
In einer Wüsten-Landschaft stapeln Rowdies Boxen zu einer gigantischen Lautsprecherwand; Kabel werden gesteckt und Schalter umgelegt. Bald dröhnen monoton-repetitive beats über die unwirtliche Ebene. Zu einem Sound, der grollt und wummert, als würden sich tektonische Platten aneinander reiben, tanzt im staubigen Ambiente eine Schar vom Leben gezeichneter Reisender in Sachen Techno.
Info
Sirât
Regie: Óliver Laxe,
115 Min., Marokko/ Frankreich/ Spanien 2025;
mit: Sergi López, Stefania Gadda, Jade Oukid, Joshua Liam Henderson
Weitere Informationen zum Film
Militär beendet die Party
Am nächsten Tag taucht Militär auf und beendet die Party, weil der Ausnahmezustand ausgerufen wurde: Alle Ausländer sollen das Land verlassen. Da bricht ein halbes Dutzend Raver mit zwei geländegängigen 1970er-Jahre-Bussen aus der Kohorte aus. Sie rasen halsbrecherisch über schmale Pisten durch das Atlas-Gebirge und die Wüste ins Nirgendwo; zur nächsten, noch extremeren Musik- und Tanzerfahrung. Diese soll tief im Süden von Marokko stattfinden, in der umkämpften Grenzregion zur Westsahara. Kurzentschlossen folgen ihnen Luis und Esteban in ihrem kaum wüstentauglichen Familienwagen.
Offizieller Filmtrailer OmU
Versehrungen sind kein Thema
Regisseur Laxe hat die Technofreaks in seinem Film mit echten Aussteigern ohne schauspielerische Erfahrung besetzt. Dass Josh (Joshua Liam Herderson) eine Beinprothese und Bigui (Richard Bigui Bellamy) einen Armstumpf hat, wird nicht weiter thematisiert oder bewertet. Nach anfänglicher Ablehnung akzeptiert die kleine Gruppe, die wie eine Familie wirkt, allmählich Luis und Esteban ebenfalls als Weggefährten.
Obwohl der dickliche, verschlossen wirkende Vater zunächst keinerlei Verständnis für den Lebensstil der Raver aufbringt: Er lässt sich nur aus Sorge um seine Tochter auf die Gemeinschaft mit ihnen ein. Sein Sohn dagegen ist schnell fasziniert von den tätowierten Gestalten mit ihren wilden Frisuren und der Fürsorge füreinander.
Von Mad Max zu Zabriskie Point
In „Sirât“ verschmilzt Óliver Laxe nicht nur zwei Milieus miteinander, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen. Während er den Weg seiner Figuren in die Wüste verfolgt, wandelt sich auch der Film selbst einige Male. Nach dem dokumentarischen Beginn folgen Motive aus Abenteuerfilmen, dann schlägt er die Tonlage von Endzeit-Erzählungen an.
Fühlt man sich anfangs durch die Leere der menschenfeindlichen Landschaft etwa an die „Mad Max“-Actionfilm-Reihe von George Miller (seit 1979) erinnert, kommen zwischendurch freundlichere Assoziationen auf. So lässt etwa die Zärtlichkeit der Aussteiger untereinander an die Späthippies in Michelangelo Antonionis Wüstenutopie „Zabriskie Point“ (1970) und ihre Liebesspiele zwischen nackten Felsen unter brennender Sonne denken.
Islamische Brücke ins Paradies
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Raving Iran" – Dokumentation über Teherans Underground-Techno-Szene von Susanne Regina Meures
und hier eine Besprechung des Films "Déserts – Für eine Handvoll Dirham" – schwarzhumorig-surrealer Rache-Western im marokkanischen Atlas-Gebirge von Faouzi Bensaïdi
und hier einen Bericht über den Film "Furiosa: A Mad Max Saga" – fünfter Teil der Endzeit-Action-Saga in der Wüste von George Miller
und hier einen Beitrag über den Film "Den Menschen so fern" – packender existentialistischer Sahara-Western nach einer Erzählung von Albert Camus von David Oelhoffen.
Was durchaus zum Filmtitel passt: In der islamischen Lehre von den letzten Dingen bezeichnet der Begriff „As-Sirât“ die Brücke, die Verstorbene überqueren müssen, um ins Paradies zu gelangen. Sie sei dünn wie ein Haar, heißt es, und scharf wie das schärfste Messer; wessen Vertrauen in Gott nicht ausreicht, stürzt von ihr hinab in den Schlund der Hölle.
Geteiltes Kritiker-Echo
Regisseur Laxe konfrontiert seine Figuren derart drastisch mit dem nackten Überleben, wie man es in dieser Intensität im Kino lange nicht erlebt hat. Das entzweite die Kritiker beim Festival von Cannes, bei dem „Sirât“ den Preis der Jury erhielt – manche warfen dem Film Effekthascherei vor. Doch findet Laxe bei aller naturalistischen Härte ein Schlussbild, das die Schrecken zwar nicht ungeschehen macht, aber als Plädoyer für die Hoffnung auf ein Mindestmaß an Solidarität zu verstehen ist.
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