Valeria Bruni Tedeschi

Was uns verbindet

Elliott (César Botti) und Sandra (Valeria Bruni Tedeschi) sind mittlerweile sehr vertraut miteinander. Foto: Alamode Film
(Kinostart: 7.8.) Wie im richtigen Leben: Erneut gewinnt Filmemacherin Carine Tardieu aus Alltagssituationen tiefe Einsichten. Mit einer überragenden Valeria Bruni-Tedeschi in der Hauptrolle gelingt ihr ein Plädoyer für Wahlfamilien, das bis kurz vor Schluss auch dramaturgisch überzeugt.

Genau beobachtete, tiefgründige und ungewöhnliche Alltagsgeschichten sind die Spezialität der französischen Regisseurin Carine Tardieu. Der Durchbruch gelang ihr 2017 mit der Familienkomödie „Eine bretonische Liebe“, in der eine junge Frau nach ihrem biologischen Vater sucht. Für ihren letzten Film „Im Herzen jung“ (2023) konnte sie dann die großartige Fanny Ardant verpflichten.

 

Info

 

Was uns verbindet

 

Regie: Carine Tardieu,

106 Min., Frankreich/ Belgien 2024;

mit: Valeria Bruni Tedeschi, Pio Marmaï, Vimala Pons

 

Weitere Informationen zum Film

 

Ardant spielte darin eine Frau, die sich im vorgerückten Alter in einen wesentlich jüngeren Mann verliebt. Um unverhoffte, außergewöhnliche Liebe geht es auch in „Was uns verbindet“, allerdings um Liebe in einem weiteren Sinne als dem romantischen. Sandra (Valeria Bruni-Tedeschi) ist Ende 50 und sehr zufrieden mit ihrem unabhängigen Leben als Betreiberin einer feministischen Buchhandlung. Als eines Tages ihre Nachbarn um Hilfe bitten, willigt sie widerstrebend ein.

 

Beginn einer tiefen Verbindung

 

Cécile (Mélissa Barbaud), die in der Wohnung gegenüber lebt, steht kurz vor der Entbindung und muss sofort ins Krankenhaus. Leider hat sich für die Aufsicht ihres Sohns Elliott (César Botti) kurzfristig niemand gefunden. Er bleibt also bei Sandra, die weder einen Bezug zu dem Jungen noch größere Erfahrung mit der Kinderbetreuung hat. Dafür funktioniert das Arrangement zu ihrer eigenen Überraschung ziemlich gut. Das wird der Beginn einer tiefen Verbindung zu Elliott und bald auch zu seiner ganzen Familie.

Offizieller Filmtrailer


 

Zwei Jahre im Leben einer Wahlfamilie

 

Der Anlass ist tragisch, denn Vater Alex (Pio Marmaï) kommt mit der neugeborenen Tochter Lucille allein nach Hause. Ihre Mutter hat die Geburt aufgrund von Komplikationen nicht überlebt. Überwältigt vom Schmerz über den Tod seiner Frau, versucht Alex, den Alltag mit Unterstützung der Großmutter zu meistern. Auch Sandra springt immer öfter ein, zumal Elliott sie offenbar als wichtige Bezugsperson auserkoren hat.

 

Bald aber geht auch ihr Verhältnis zu Alex über das nachbarschaftliche hinaus. Das sorgt für noch mehr Gefühlsverwirrung im turbulenten Alltag mit einem Baby und einem aufgeweckten Sechsjährigen. Der Film verfolgt die Entwicklung dieser temporären Patchwork-Familie über einen Zeitraum von zwei Jahren. Dabei orientiert sich der Erzählrhythmus am Alter der kleinen Lucille, dem verbindenden Element zwischen allen Personen.

 

Perspektivwechsel durch neue Figuren

 

Fokussiert sich die Handlung zunächst auf die nachbarschaftliche Kleinfamilie, kommen nach und nach mehr Personen ins Bild. Wie im richtigen Leben geben sie der Geschichte neue Wendungen und erlauben gleichzeitig einen Perspektivwechsel in der Erzählung. Alex verliebt sich in eine Kinderärztin, Sandra bleibt ihm eine gute Freundin und für Elliott ein emotionaler Ruhepol. 

 

Dabei läuft in ihrem eigenen Leben wenig rund. Ihr Buchladen wirft kaum genug ab, und ständig nerven Verlagsmitarbeiter oder Angestellte. Alex ist derweil damit überfordert, zwei Kinder und einen Job unter einen Hut bringen. In einer Szene versucht er, beim Windelwechseln und Wäschewaschen noch eine Telefonkonferenz zu absolvieren. Das alles inszeniert Tardieu ohne Übertreibung oder Melodramatik.

 

Mitfühlender Blick aufs Leben

 

Mit ihrem auf dem Roman „L’intimité“ von Alice Ferney basierenden Film schaut sie den Protagonisten mitfühlend beim Leben zu. Sie taucht ausschnitthaft in prägende Situationen ein, etwa wenn Alex seine neue Liebe Emilia (Vimala Pons) trifft und später heiratet. Begleitet werden die Episoden von französischem Gypsy-Swing, für den Alex schwärmt; er verleiht dem Geschehen einen zeitlosen Unterton. Mitunter lockert er auch die Schwere der Situation auf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Im Herzen jung" – melancholische Dritter-Frühling-Love-Story von Carine Tardieu mit Fanny Ardant + Cécile de France

 

und hier eine Besprechung des Films "Die Überglücklichen" – Porträt einer furiosen Frauenfreundschaft von Paolo Virzí mit Valeria Bruni Tedeschi

 

und hier einen Bericht über den Film "Ein freudiges Ereignis" – realistische Tragikomödie über werdende Eltern von Rémi Bezançon mit Pio Marmaï

 

und hier einen Beitrag über den Film "Forever Young" – launige Jugenderinnerungen von Valeria Bruni Tedeschi.

 

Sandra, großartig leise und nuanciert gespielt von Valeria Bruni-Tedeschi, verlässt vorsichtig den Komfort ihres eingefahrenen Lebensweges. Sie muss zunächst für sich austarieren, wie viel Nähe sie zur neuen Wahlfamilie zulassen will – es macht Spaß, ihr dabei zuzuschauen. Wobei sie ist nicht die einzige ist, die sich verändert. Die Regisseurin gibt der Entwicklung und den Gefühlsschwankungen aller Figuren Raum und macht diese größtenteils so nachvollziehbar wie authentisch.

 

Abruptes Finale 

 

Gegen Ende des Films überschlagen sich die Ereignisse förmlich und lassen manche Begebenheit willkürlich erscheinen; etwa wenn Alex, Emilia und die Kinder Sandra zufällig auf der Straße treffen und sich wenig zu sagen haben. Auch das Finale erscheint etwas abrupt. Vielleicht ist das dem Grundtenor des Films angemessen, in dem alle einander, aber auch sich selbst, allerhand abverlangen.

 

„Ich bin nie stark genug“, sagt Sandra dazu passend einmal. Doch in Tardieus Inszenierung geht es auch darum, neue, ungewohnte Pfade im Leben zu verfolgen und aus ihnen letztlich mehr Stärke zu beziehen. Ihre ermunternde Botschaft: Es ist nie zu spät, am Leben teilzunehmen, und eine Wahlfamilie kann dabei helfen.