
Genau beobachtete, tiefgründige und ungewöhnliche Alltagsgeschichten sind die Spezialität der französischen Regisseurin Carine Tardieu. Der Durchbruch gelang ihr 2017 mit der Familienkomödie „Eine bretonische Liebe“, in der eine junge Frau nach ihrem biologischen Vater sucht. Für ihren letzten Film „Im Herzen jung“ (2023) konnte sie dann die großartige Fanny Ardant verpflichten.
Info
Was uns verbindet
Regie: Carine Tardieu,
106 Min., Frankreich/ Belgien 2024;
mit: Valeria Bruni Tedeschi, Pio Marmaï, Vimala Pons
Weitere Informationen zum Film
Beginn einer tiefen Verbindung
Cécile (Mélissa Barbaud), die in der Wohnung gegenüber lebt, steht kurz vor der Entbindung und muss sofort ins Krankenhaus. Leider hat sich für die Aufsicht ihres Sohns Elliott (César Botti) kurzfristig niemand gefunden. Er bleibt also bei Sandra, die weder einen Bezug zu dem Jungen noch größere Erfahrung mit der Kinderbetreuung hat. Dafür funktioniert das Arrangement zu ihrer eigenen Überraschung ziemlich gut. Das wird der Beginn einer tiefen Verbindung zu Elliott und bald auch zu seiner ganzen Familie.
Offizieller Filmtrailer
Zwei Jahre im Leben einer Wahlfamilie
Der Anlass ist tragisch, denn Vater Alex (Pio Marmaï) kommt mit der neugeborenen Tochter Lucille allein nach Hause. Ihre Mutter hat die Geburt aufgrund von Komplikationen nicht überlebt. Überwältigt vom Schmerz über den Tod seiner Frau, versucht Alex, den Alltag mit Unterstützung der Großmutter zu meistern. Auch Sandra springt immer öfter ein, zumal Elliott sie offenbar als wichtige Bezugsperson auserkoren hat.
Bald aber geht auch ihr Verhältnis zu Alex über das nachbarschaftliche hinaus. Das sorgt für noch mehr Gefühlsverwirrung im turbulenten Alltag mit einem Baby und einem aufgeweckten Sechsjährigen. Der Film verfolgt die Entwicklung dieser temporären Patchwork-Familie über einen Zeitraum von zwei Jahren. Dabei orientiert sich der Erzählrhythmus am Alter der kleinen Lucille, dem verbindenden Element zwischen allen Personen.
Perspektivwechsel durch neue Figuren
Fokussiert sich die Handlung zunächst auf die nachbarschaftliche Kleinfamilie, kommen nach und nach mehr Personen ins Bild. Wie im richtigen Leben geben sie der Geschichte neue Wendungen und erlauben gleichzeitig einen Perspektivwechsel in der Erzählung. Alex verliebt sich in eine Kinderärztin, Sandra bleibt ihm eine gute Freundin und für Elliott ein emotionaler Ruhepol.
Dabei läuft in ihrem eigenen Leben wenig rund. Ihr Buchladen wirft kaum genug ab, und ständig nerven Verlagsmitarbeiter oder Angestellte. Alex ist derweil damit überfordert, zwei Kinder und einen Job unter einen Hut bringen. In einer Szene versucht er, beim Windelwechseln und Wäschewaschen noch eine Telefonkonferenz zu absolvieren. Das alles inszeniert Tardieu ohne Übertreibung oder Melodramatik.
Mitfühlender Blick aufs Leben
Mit ihrem auf dem Roman „L’intimité“ von Alice Ferney basierenden Film schaut sie den Protagonisten mitfühlend beim Leben zu. Sie taucht ausschnitthaft in prägende Situationen ein, etwa wenn Alex seine neue Liebe Emilia (Vimala Pons) trifft und später heiratet. Begleitet werden die Episoden von französischem Gypsy-Swing, für den Alex schwärmt; er verleiht dem Geschehen einen zeitlosen Unterton. Mitunter lockert er auch die Schwere der Situation auf.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Im Herzen jung" – melancholische Dritter-Frühling-Love-Story von Carine Tardieu mit Fanny Ardant + Cécile de France
und hier eine Besprechung des Films "Die Überglücklichen" – Porträt einer furiosen Frauenfreundschaft von Paolo Virzí mit Valeria Bruni Tedeschi
und hier einen Bericht über den Film "Ein freudiges Ereignis" – realistische Tragikomödie über werdende Eltern von Rémi Bezançon mit Pio Marmaï
und hier einen Beitrag über den Film "Forever Young" – launige Jugenderinnerungen von Valeria Bruni Tedeschi.
Abruptes Finale
Gegen Ende des Films überschlagen sich die Ereignisse förmlich und lassen manche Begebenheit willkürlich erscheinen; etwa wenn Alex, Emilia und die Kinder Sandra zufällig auf der Straße treffen und sich wenig zu sagen haben. Auch das Finale erscheint etwas abrupt. Vielleicht ist das dem Grundtenor des Films angemessen, in dem alle einander, aber auch sich selbst, allerhand abverlangen.
„Ich bin nie stark genug“, sagt Sandra dazu passend einmal. Doch in Tardieus Inszenierung geht es auch darum, neue, ungewohnte Pfade im Leben zu verfolgen und aus ihnen letztlich mehr Stärke zu beziehen. Ihre ermunternde Botschaft: Es ist nie zu spät, am Leben teilzunehmen, und eine Wahlfamilie kann dabei helfen.
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