François Ozon

Wenn der Herbst naht

Michelle (Hélène Vincent) und ihre Freundin Marie-Claude (Josiane Balasko) im Wald. Foto: © 2024 Foz/France 2 Cinema/Playtime
(Filmstart: 28.8.) Eine vergiftete Beziehung: Bei Regisseur François Ozon ist mal wieder nichts, wie es scheint. Diesmal tischt er ein Familien-Drama mit Elementen aus Krimi, Mystery und Komödie auf. Trotz bemerkenswerter Hauptdarstellerin und raffiniert eingestreuten Lücken ist die Dramaturgie nicht frei von Hängern.

Auf der Zielgerade ihres Lebens wünschen sich viele Menschen einen verlässlichen besten Freund oder eine beste Freundin. Die eigene Mobilität lässt nach, Partner sind bereits gestorben, und auch im weiteren sozialen Umfeld bröckelt es. So gesehen kann sich die Rentnerin Michelle (Hélène Vincent) glücklich schätzen.

 

Info

 

Wenn der Herbst naht

 

Regie: François Ozon,

102 Min., Frankreich 2024;

mit: Hélène Vincent, Josiane Balasko, Ludivine Sagnier, Pierre Lottin

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sie lebt in einer beschaulichen Kleinstadt im französischen Burgund und hat in Marie Claude (Josiane Balasko) eine Gefährtin, mit der sie ihren Alltag zwischen Gartenarbeit und Kirchgängen teilt. Die beiden gehen gern in der schönen Umgebung spazieren, sammeln leidenschaftlich emsig Pilze und belohnen sich anschließend mit Kaffee und Kuchen.

 

Sorge um den kriminellen Vincent

 

Sie teilen aber auch die unangenehmen Seiten ihres Lebens. So kutschiert Michelle ihre Freundin regelmäßig ins Gefängnis: Dort sitzt Marie Claudes Sohn Vincent (Pierre Lottin) ein; seine bevorstehende Entlassung wird von seiner Mutter einerseits ersehnt, aber auch gefürchtet. Wird Vincent diesmal Tritt fassen? Oder wird er wieder aufgrund von krummen Machenschaften straucheln?

Offizieller Filmtrailer


 

Endgültiger Bruch mit der Tochter

 

Michelles Verhältnis zur eigenen Tochter Valérie (Ludivine Sagnier) ist ebenfalls angespannt. Die hat sich nun für eine Woche mit ihren zwölfjährigen Sohn Lucas (Garlan Erlos) angekündigt. Doch das Familientreffen steht von Anfang an unter einem schlechten Stern. Valérie nutzt jeden Aufhänger zum Streit und scheint einen tief sitzenden Groll gegen ihre Mutter zu hegen. Über dessen Wurzeln kann der Zuschauer zunächst nur spekulieren.

 

Als sie nach einem gemeinsamen Mittagessen mit einer Pilzvergiftung auf der Intensivstation landet, ist für Valérie klar: Ihre Mutter will sie umbringen. Sie reist umgehend ab und bricht jeglichen Kontakt ab. Auch ihren Enkel darf Michelle nicht mehr sehen, was die alte Frau in eine tiefe Depression stürzt. Ablenkung findet sie, indem sie dem zwischenzeitlich aus der Haft entlassenen Vincent unter die Arme greift.

 

Unfall, Selbstmord oder Mord?

 

Sie beschäftigt ihn als Gärtner und unterstützt ihn darüber hinaus finanziell, damit er sich den Traum von der eigenen Bar erfüllen kann. Vincent wiederum will die beste Freundin seiner Mutter nicht leiden sehen und sucht das Gespräch mit Valérie. Wenig später ist diese tot. Doch wer trägt die Schuld? War es ein Unfall, Selbstmord oder gar Mord? Dass Valérie ihre Mutter fortan regelmäßig als Geist heimsucht, bringt wenig Licht ins Dunkel.

 

Es ist eine eigenwillige Mischung aus Krimi, Gesellschaftskomödie, Familienaufstellung und Mystery-Drama, die der Vielfilmer François Ozon in seiner neuesten Regiearbeit zusammengerührt hat. In der Schwebe gehalten wird sein Vexierspiel dadurch, dass der Zuschauer die meisten zentralen plot points nicht zu sehen bekommt; also genau jene Szenen, die die Handlung vorantreiben oder ihr eine überraschende Wendung geben. So bleibt man oft unsicher, was wirklich passiert ist.

 

Ungewissheit bis zum Schluss

 

Manchmal erfährt man später ganz beiläufig, was sich ereignet hat – allerdings aus dem Mund einer Figur, die nicht unbedingt als vertrauenswürdige Quelle taugt. So lässt dieses clever eingefädelte, wenn auch etwas behäbig inszenierte Familien-Drama sein Publikum bis zum Schluss im Ungewissen. Wenn alle Lügner das Gleiche behaupten, wird es dann zur Wahrheit?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Mein fabelhaftes Verbrechen" – turbulente Krimikomödie von François Ozon

 

und hier einen Beitrag über den Film "Peter von Kant" – originelles Remake des Films "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" von Rainer Werner Fassbinder durch François Ozon

 

und hier eine Besprechung des Films "Alles ist gut gegangen" – eindringliche Reflexion über Sterbehilfe von François Ozon

 

und hier einen Bericht über den Film "Der andere Liebhaber" – raffinierter Psychothriller von François Ozon.

Ozons Produktivität als Filmemacher ist bemerkenswert, zumal er sich in seiner Laufbahn in vielen Genres versucht hat: vom Mystery-Drama “Unter dem Sand“ (2000) über „8 Frauen“ (2002), einer launigen Krimikomödie mit Musical-Elementen, bis zur Boulevard-Komödie „Mein fabelhaftes Verbrechen“ (2023). So unterschiedlich sie auch sind, verbindet all diese Filme, dass die Dinge oft anders liegen, als sie zunächst erschienen. So ist es auch in diesem eher leisen Drama.

 

Großes Schauspiel + dramaturgischer Leerlauf

 

Nuanciert und vielschichtig spielt die 81-jährige Hélène Vincent die Hauptfigur. In einem Moment zeigt sie eine fast jugendliche Freude am Leben; in einer anderen Szene wirkt sie derart fragil und verwirrt, dass plötzlich die Frage im Raum steht, ob sie überhaupt weiß, was sie tut. Doch trotz dieser beachtlichen Darstellung hat der Film zwischendurch immer wieder dramaturgische Hänger.

 

Es gibt Szenen, die sich scheinbar nirgendwo hin entwickeln und in denen es wenig zwingend scheint, zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Und doch hallt dieses geschickt mit Auslassungen arbeitende Drehbuch noch nach, wenn der Abspann vorbei ist. So ist man fast versucht, den Film ein weiteres Mal zu schauen; und sei es nur, um herauszufinden, ob nicht doch eine wichtige Anspielung durchgerutscht ist.