
Wenn Tilda (Luna Wedler) schwimmt, passt ihre ganze Welt in ein Freibecken. Dann zählen für die Mathematik-Studentin nur die 22 Bahnen, die sie im kalten Wasser zurücklegt. Sie braucht die tägliche Routine als eine feste Größe in ihrem Leben. Das gibt ihr Halt im Alltag, ein bisschen Ordnung und Struktur.
Info
22 Bahnen
Regie: Mia Maariel Meyer,
Min., Deutschland 2025;
mit: Jannis Niewöhner, Luna Wedler, Zoë Baier, Laura Tonke
Weitere Informationen zum Film
Verlockendes Jobangebot
Als Tilda kurz vor der Masterarbeit steht, weist ihr Professor an der Uni sie auf ein Jobangebot hin: Eine Promotionsstelle in Berlin ist ausgeschrieben. Wenn sie sich rechtzeitig bewirbt, könnte sie direkt nach ihrem Abschluss dort anfangen. Bei ihrer Begabung dürfte sie beste Chancen haben, dass es klappt.
Offizieller Filmtrailer
In Tildas Kopf
Auf dem Heimweg von der Uni malt sich Tilda ihren Alltag in der Hauptstadt aus: Rechnen, lesen, arbeiten, solange sie will! Und Ida anrufen – aber an dieser Stelle gerät ihr Traum ins Stocken, denn sie weiß: Im Gegensatz zu den meisten ihrer alten Freunde aus der Schulzeit kann sie nicht einfach weggehen. Sie muss bleiben.
Zukunft und Vergangenheit finden bei Tilda nur im Kopf statt. Sie fühlt sich verantwortlich für die Menschen, die ihr lieb und teuer sind. Vielleicht denkt sie auch deshalb noch so oft an ihren Schulfreund Ivan, der vor fünf Jahren bei einem Autounfall verstarb. Dass plötzlich sein großer Bruder Viktor (Jannis Niewöhner) wieder in der Provinz auftaucht, wühlt die junge Frau emotional sehr auf.
Eindringliche Bestseller-Adaption
Regisseurin Mia Maariel Meyer orientiert sich in ihrer Kinoadaption des erfolgreichen Debüt-Romans von Caroline Wahl eng an der Vorlage. Das gilt für die Handlung wie für den unaufgeregten Ton des Films; aber damit macht es sich die Regisseurin keineswegs einfach. „22 Bahnen“ ist ein ruhiges, aber eindringliches Buch. Diese Intensität auf die Leinwand zu übertragen gelingt Meyer über weite Strecken mit einer einfachen, klaren Bildsprache.
Genauso wie in vielen Passagen des Romans wird Tilda auch im Film von ihren Gedanken durch den Alltag begleitet – zumeist aus dem Off, doch manchmal fließen einzelne Dialoge direkt mit ihren Reflexionen zusammen. In diesen Szenen wird der Text auch im Film greifbar; etwa wenn Tilda ein Gespräch mit der Mutter am Abendbrottisch im Voice-Over kommentiert.
Zurückhaltende Hauptdarstellerin
Luna Wedler ist eine ideale Besetzung für die Rolle der Tilda. Die gebürtige Schweizerin überzeugt hier als große Schwester mindestens ebenso wie zuvor in „Marianengraben“ (2024) von Eileen Byrne. Darin spielte Wedler mit viel Wut und Verzweiflung eine angehende Meeresbiologin, die sich wegen des Todes ihres kleinen Bruders schuldig fühlt.
In „22 Bahnen“ ist ihre Darstellung zurückhaltender und weniger erratisch. Wedler begegnet ihrer Figur mit einer entwaffnenden Mischung aus Schmerz, Resilienz und Sehnsucht. Man wünscht dieser jungen Frau den neuen Uni-Job, die Romanze mit Viktor und die Chance, aus ihrem Herkunftsmilieu auszubrechen. Gelingen will es ihr nicht.
Feiner Humor blieb erhalten
Immer wieder wird die Studentin ausgebremst – sei es durch die Krankheit der Mutter oder ihre eigene Angst vor Eigenständigkeit und Veränderung. Dennoch verleiht vor allem Tildas innere Stimme dem Drama oftmals eine angenehme Leichtigkeit.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Wilma will mehr" – Chronik eines Neuanfangs von Maren-Kea Freese
und hier eine Besprechung des Films "Die Gleichung ihres Lebens" von Anna Novion über die Selbstentfaltung einer hochbegabten Mathematikstudentin
und hier einen Beitrag über den Film "Die Frau, die sich traut" – pointiertes Porträt einer Familienmutter, die den Ärmelkanal durchschwimmen will, von Marc Rensing
und hier einen Bericht über den Film "Scherbenpark" – Prekariats-Girlie-Porträt von Bettina Blümner mit einer wunderbar rotzigen Jasna Fritzi Bauer.
Die Flaschen sprechen Bände
Bei der Inszenierung hält sich Meyer zurück; die Kamera beobachtet das Geschehen unaufdringlich. Das vermittelt den Eindruck, dass selbst der Regisseurin Tildas aufrichtige Persönlichkeit und Fürsorge imponiere. Selten weicht ihr Blick der impulsiven Protagonistin von der Seite.
Dabei versteht es Meyer, in wenigen Einstellungen ein komplexes Bild von Tildas Situation zu zeichnen; ein paar leere Schnapsflaschen genügen, um das Ausmaß des häuslichen Dramas zu verdeutlichen. Von wenigen überdeutlichen Konfliktsituationen zwischen der Mutter und beiden Töchtern abgesehen, rückt die Regisseurin die seelische und emotionale Zerrissenheit ihrer Protagonistin in den Vordergrund – und stellt damit einige wichtige Nebenfiguren in den Schatten.
Klischeehafte Mutterrolle
Vor allem Laura Tonkes Mutterrolle fällt eher flach und klischeehaft aus. Ungeachtet solcher kleinen Schwächen beweist „22 Bahnen“ mindestens ebenso viel Rückgrat, Kraft und Hingabe, wie Tilda sie im Schwimmbecken und ihrem Alltag an den Tag legt.
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