Mia Maariel Meyer

22 Bahnen

Im Freibad ist Tilda (Luna Wedler) in ihrer eigenen Welt. Foto: © Constantin Film Verleih
(Kinostart: 4.9.) Wenn die Zukunft nur im Kopf stattfindet: In ihrer Roman-Verfilmung konzentriert sich Regisseurin Mia Maariel Meyer aufs Innenleben ihrer auf der Stelle tretenden Heldin. Mit zurückhaltender Hauptdarstellerin und klarer Bildsprache überträgt sie den Text fast verlustfrei auf die Leinwand.

Wenn Tilda (Luna Wedler) schwimmt, passt ihre ganze Welt in ein Freibecken. Dann zählen für die Mathematik-Studentin nur die 22 Bahnen, die sie im kalten Wasser zurücklegt. Sie braucht die tägliche Routine als eine feste Größe in ihrem Leben. Das gibt ihr Halt im Alltag, ein bisschen Ordnung und Struktur.

 

Info

 

22 Bahnen

 

Regie: Mia Maariel Meyer,

Min., Deutschland 2025;

mit: Jannis Niewöhner, Luna Wedler, Zoë Baier, Laura Tonke

 

Weitere Informationen zum Film

 

Denn zuhause erwartet sie das Gegenteil: Ihre schwer alkoholsüchtige Mutter (Laura Tonke) hat schon vor Jahren jedes Pflichtbewusstsein an ihre älteste Tochter abgegeben. Seitdem muss sich Tilda in der Familie um alles kümmern. Am wichtigsten ist ihr dabei das Wohl ihrer jüngeren Schwester Ida (Zoë Baier), mit der sie eine eingeschworene Einheit bildet.

 

Verlockendes Jobangebot

 

Als Tilda kurz vor der Masterarbeit steht, weist ihr Professor an der Uni sie auf ein Jobangebot hin: Eine Promotionsstelle in Berlin ist ausgeschrieben. Wenn sie sich rechtzeitig bewirbt, könnte sie direkt nach ihrem Abschluss dort anfangen. Bei ihrer Begabung dürfte sie beste Chancen haben, dass es klappt.

Offizieller Filmtrailer


 

In Tildas Kopf

 

Auf dem Heimweg von der Uni malt sich Tilda ihren Alltag in der Hauptstadt aus: Rechnen, lesen, arbeiten, solange sie will! Und Ida anrufen – aber an dieser Stelle gerät ihr Traum ins Stocken, denn sie weiß: Im Gegensatz zu den meisten ihrer alten Freunde aus der Schulzeit kann sie nicht einfach weggehen. Sie muss bleiben.  

 

Zukunft und Vergangenheit finden bei Tilda nur im Kopf statt. Sie fühlt sich verantwortlich für die Menschen, die ihr lieb und teuer sind. Vielleicht denkt sie auch deshalb noch so oft an ihren Schulfreund Ivan, der vor fünf Jahren bei einem Autounfall verstarb. Dass plötzlich sein großer Bruder Viktor (Jannis Niewöhner) wieder in der Provinz auftaucht, wühlt die junge Frau emotional sehr auf.

 

Eindringliche Bestseller-Adaption

 

Regisseurin Mia Maariel Meyer orientiert sich in ihrer Kinoadaption des erfolgreichen Debüt-Romans von Caroline Wahl eng an der Vorlage. Das gilt für die Handlung wie für den unaufgeregten Ton des Films; aber damit macht es sich die Regisseurin keineswegs einfach. „22 Bahnen“ ist ein ruhiges, aber eindringliches Buch. Diese Intensität auf die Leinwand zu übertragen gelingt Meyer über weite Strecken mit einer einfachen, klaren Bildsprache.

 

Genauso wie in vielen Passagen des Romans wird Tilda auch im Film von ihren Gedanken durch den Alltag begleitet – zumeist aus dem Off, doch manchmal fließen einzelne Dialoge direkt mit ihren Reflexionen zusammen. In diesen Szenen wird der Text auch im Film greifbar; etwa wenn Tilda ein Gespräch mit der Mutter am Abendbrottisch im Voice-Over kommentiert.  

 

Zurückhaltende Hauptdarstellerin

 

Luna Wedler ist eine ideale Besetzung für die Rolle der Tilda. Die gebürtige Schweizerin überzeugt hier als große Schwester mindestens ebenso wie zuvor in „Marianengraben(2024) von Eileen Byrne. Darin spielte Wedler mit viel Wut und Verzweiflung eine angehende Meeresbiologin, die sich wegen des Todes ihres kleinen Bruders schuldig fühlt.

 

In „22 Bahnen“ ist ihre Darstellung zurückhaltender und weniger erratisch. Wedler begegnet ihrer Figur mit einer entwaffnenden Mischung aus Schmerz, Resilienz und Sehnsucht. Man wünscht dieser jungen Frau den neuen Uni-Job, die Romanze mit Viktor und die Chance, aus ihrem Herkunftsmilieu auszubrechen. Gelingen will es ihr nicht.

 

Feiner Humor blieb erhalten

 

Immer wieder wird die Studentin ausgebremst – sei es durch die Krankheit der Mutter oder ihre eigene Angst vor Eigenständigkeit und Veränderung. Dennoch verleiht vor allem Tildas innere Stimme dem Drama oftmals eine angenehme Leichtigkeit.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Wilma will mehr"Chronik eines Neuanfangs von Maren-Kea Freese

 

und hier eine Besprechung des Films "Die Gleichung ihres Lebens" von Anna Novion über die Selbstentfaltung einer hochbegabten Mathematikstudentin

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die Frau, die sich traut" – pointiertes Porträt einer Familienmutter, die den Ärmelkanal durchschwimmen will, von Marc Rensing

 

und hier einen Bericht über den Film "Scherbenpark"Prekariats-Girlie-Porträt von Bettina Blümner mit einer wunderbar rotzigen Jasna Fritzi Bauer.

 

Ihr gedanklicher Kommentar ist entwaffnend ehrlich und geprägt von ihrem scharfen Intellekt. Auch der feine Humor, den Wahl in ihrem Buch anbringt, ist im Drehbuch von Elena Hell nicht verloren gegangen. Dadurch entgeht die Verfilmung der Gefahr, in ein düsteres Sozialdrama abzurutschen.

 

Die Flaschen sprechen Bände

 

Bei der Inszenierung hält sich Meyer zurück; die Kamera beobachtet das Geschehen unaufdringlich. Das vermittelt den Eindruck, dass selbst der Regisseurin Tildas aufrichtige Persönlichkeit und Fürsorge imponiere. Selten weicht ihr Blick der impulsiven Protagonistin von der Seite.

 

Dabei versteht es Meyer, in wenigen Einstellungen ein komplexes Bild von Tildas Situation zu zeichnen; ein paar leere Schnapsflaschen genügen, um das Ausmaß des häuslichen Dramas zu verdeutlichen. Von wenigen überdeutlichen Konfliktsituationen zwischen der Mutter und beiden Töchtern abgesehen, rückt die Regisseurin die seelische und emotionale Zerrissenheit ihrer Protagonistin in den Vordergrund – und stellt damit einige wichtige Nebenfiguren in den Schatten.

 

Klischeehafte Mutterrolle

 

Vor allem Laura Tonkes Mutterrolle fällt eher flach und klischeehaft aus. Ungeachtet solcher kleinen Schwächen beweist „22 Bahnen“ mindestens ebenso viel Rückgrat, Kraft und Hingabe, wie Tilda sie im Schwimmbecken und ihrem Alltag an den Tag legt.